Das Böse erwacht

In Ludwigshafen forscht ein Dr. Frankenstein. Und der «Tatort» verläuft sich in Grusel-Stereotypen und angestrengten Erklärszenen.

Die dienstälteste «Tatort»-Kommissarin Lena Odenthal nimmt es mit einem ehrgeizigen Dr. Frankenstein auf (Sebastian Bezzel). Foto: Das Erste

Die dienstälteste «Tatort»-Kommissarin Lena Odenthal nimmt es mit einem ehrgeizigen Dr. Frankenstein auf (Sebastian Bezzel). Foto: Das Erste

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Die Wände in dieser Ludwigshafener Klinik strahlen so weiss, dass es selbst den Fernsehzuschauer blendet. Grün knallen da die OP-Kittel ins Bild; und schwarz kontrastiert das Outfit von Kommissarin Lena Odenthal, die durch die Gänge schleicht und um Ecken lugt: Sie ist auf der Suche nach einem Schwerbehinderten, dessen verlassener Rollstuhl am Rheinufer gefunden worden war. Wurde Pirchner ermordet? Suizid? Lebt er noch?

Der windige Werkstattbesitzer (grossartig in seiner Schmierigkeit: Gregor Bloéb) könnte etwas damit zu tun haben: Für ihn fuhr Pirchner früher, bis zu seinem schlimmen Unfall, illegale Autorennen. Eine von Pirchners Ärztinnen stirbt freilich auch von fremder Hand: In «Maleficius» wird in alle Richtungen ermittelt.

Wenn Transhumanisten Grenzen überschreiten

Die dienstälteste «Tatort»-Kommissarin (Ulrike Folkerts jagt als Odenthal seit exakt 30 Jahren Verbrecher in der pfälzischen Stadt) sucht zusammen mit Kopper-Ersatz Kollegin Stern (Lisa Bitter entdeckt allmählich ihre Rolle) eine Art Phantom. Und findet die Transhumanisten: also jene Fortschrittsjünger, die den Menschen durch technische Anbauten und künstliche Intelligenz verbessern wollen.

Der Hohepriester ist dabei ein Dr. Frankenstein mit unterfinanziertem Labor (Sebastian Bezzel kennen wir als «Tatort Konstanz»-Kommissar). Er will Querschnittgelähmten Kunstskelette überziehen und Chips einpflanzen, um sie buchstäblich wieder zum Laufen zu bringen; selbst toten Gehirnen soll digital auf die Sprünge geholfen werden.

Klassische Gruselstereotype

Er will Gott sein. Und der lokale Pfarrer (ein starker Heinz Hoenig) ist total dagegen. Doch in der verzweifelten Hoffnung auf ein Leben ohne Handicap lässt sich der Rollstuhlfahrer vom ehrgeizigen Forscher instrumentalisieren – koste es, wen es wolle.

«Tatort»-Routinier Tom Bohn, der fast so lange die Sonntagabend-Krimis inszeniert wie Folkerts in ihnen spielt, hat sich diesmal vom Sujet überrollen lassen. Als Regisseur zitiert er klassische Gruselstereotype: Die Kerzen verlöschen, als sich die Kirchenpforte öffnet; der Gang durch die Tiefgarage ist schauerlich und endet blutig, und am Ende erwacht das Böse zum Leben.

Als Drehbuchautor wiederum stülpt Bohn der Kommissarin eine unelegante Erklärbär-Rolle über. Anfänglich raunt Odenthal unfreiwillig komisch «Hier stimmt was nicht»; am Ende dröselt sie, dramaturgisch eher schwach, in einem langfädigen Gespräch im Nachgang alles auf. Zwischendurch darf sie symbolschwanger Äpfel der Erkenntnis essen und angestrengt für eine humanistische Ethik wider den Transhumanismus argumentieren. Lieber «Tatort», hier stimmt was nicht.

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