Bratwurst mit allem drin

Der neue Weimarer «Tatort» bot beste Unterhaltung im Kleinen – auch wenn der grosse Fall in «Der wüste Gobi» darunter litt.

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Gotthilf Bigamiluschvatokovtschvili. Diesen Namen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, aber das kann eigentlich nur Kommissar Lessing (Christian Ulmen), der das Wortungetüm mühelos ausspricht. Alle andern sagen der Einfachheit halber Gobi. Die Verniedlichung allerdings täuscht: Der Exil-Georgier ist ein verurteilter Frauenmörder, bekannt als «Würger von Weimar». Gerade hat er in der psychiatrischen Anstalt, in der er sitzt, wieder zugeschlagen. Und jetzt ist er auf der Flucht.

Jürgen Vogel spielt diesen Wüstling, es ist eine Paraderolle für den Schauspieler, der mit einem Augenzwinkern zwischen total bedrohlich und total bemitleidenswert wechseln kann. Aber was geschah wirklich, kann er sich wirklich nur wegen der Pillen, die er schlucken musste, an nichts mehr erinnern? Wieso setzt sich die Harfenistin im städtischen Orchester so vehement für ihn ein? Und warum tragen alle Frauen, mit denen er es zu tun hat, gestrickte Unterwäsche?

Mahler-Sinfonien und unkorrekte Witze

Ein strickender Würger, ernsthaft? Natürlich nicht, der Weimarer «Tatort» – gerne während der Festtage ausgestrahlt – mischte auch in der fünften Folge höheren Blödsinn mit niederen Instinkten und einer Prise Hochkultur. So spielt eine Nacht, in der alle Mahler-Sinfonien («sogar die Unvollendete») aufgeführt werden, eine entscheidende Rolle. So bekommt die Harfenistin (herrlich schusslig: Jeanette Hain) als Zeugin den vernichtenden Satz zu hören: «Wenn Sie Schauspielerin wären, würden Sie verhungern.» Und als Zugabe gibt es Weisheiten für alle: «Das Leben ist wie eine Bratwurst, man weiss nie, was drin steckt.»

In «Der wüste Gobi» steckt viel Witz. Aber während bei den Kollegen aus Münster das Blödeln zur bemühten Routine geworden ist, weiss man hier zum Glück nie, was einen im nächsten Augenblick erwartet. Es kann eine kleine Derbheit sein. Es kann ein Running Gag sein, bei dem das Kommissarenpaar versucht, ungestörten Sex zu haben (und jawohl, das funktioniert im Film besser als hier nacherzählt). Dann kommt aus heiterem Himmel ein äusserst unkorrekter Witz: «Was ist besser, Alzheimer oder Parkinson? Alzheimer, denn lieber ein vergessenes Bier als ein verschüttetes.»

Auch der Showdown ist eher witzig als spannend

Einziger Makel: Die Weimarer haben es verpasst, neben diesen Albernheiten auch noch einen spannenden Kriminalfall aufzubauen, das hat in früheren Folgen besser geklappt. Aktuell gibt es zwar schräge Tatverdächtige wie den Psychiatrieleiter und einen alten DDR-Funktionär, doch auch bei ihnen funktionieren die kleinen Szenen besser als der grosse Bogen. Sogar der Showdown in der Kanalisation ist – trotz des fliessenden Blutes – eher witzig als spannend.

Macht nichts, der Film unterhält. Und das Beste wurde bis jetzt noch gar nicht erwähnt: Es ist die von Nora Tschirner gespielte Kommissarin Kira Dorn, die trotz ihres Klugscheisser-Partners im Bett und auf der Polizeistation nie um ein Wort oder einen Blick verlegen ist. Am Ende kann auch sie den Namen korrekt aussprechen. Versuchen Sie es mal: Bigamiluschvatokovtschvili!


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.12.2017, 21:48 Uhr

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