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Ausgebrochen

Nach sechs Jahren und sieben Staffeln endet «Orange Is the New Black». Und damit eine Serienrevolution, die das Publikum aus alten Sehgewohnheiten gelockt hat.

Vorbild in Diversität: In «Orange Is the New Black» traten weisse und schwarze, alte und junge, dicke und dünne, psychisch kranke, homo-, bi- und transsexuelle Frauen auf.
Vorbild in Diversität: In «Orange Is the New Black» traten weisse und schwarze, alte und junge, dicke und dünne, psychisch kranke, homo-, bi- und transsexuelle Frauen auf.

Beamte der US-Einwanderungsbehörde stürmen einen Club. Sie schreien «Ausweiskontrolle» und «Hände an die Wand», ringen einen Mann zu Boden, drängen eine Frau gegen die Theke. Diese Szene aus der finalen Staffel von «Orange Is the New Black» wirkt erschreckend aktuell: Gerade mal zwei Wochen ist es her, dass US-Präsident Donald Trump Razzien gegen Migranten angekündigt hat.

Seit dem Start im Jahr 2013 hat OITNB, wie Fans die Serie nennen, immer wieder aktuelle Debatten aufgegriffen und damit Kritiker und Zuschauer begeistert. Die Serie rund um die Insassinnen des fiktiven Frauengefängnisses Litchfield in New York balancierte als «Dramedy» immer zwischen Lachern und Tragik, sie kritisierte Rassismus, Sexismus und das US-Rechtssystem und trug mit dem bemerkenswerten Ensemble ganz deutlich zur Diversifizierung der Medienlandschaft bei.

Szenen aus der siebten und letzten Staffel.

Netflix gab kürzlich an, 105 Millionen Nutzer hätten mindestens eine Episode gesehen, was sie zur beliebtesten Serie des Streaming-Anbieters machen würde, der im Bekanntgeben von Zahlen allerdings sehr sparsam ist. Ohne Zweifel ist OITNB ein Meilenstein in der noch jungen Geschichte der Streamingunterhaltung. Nach sechs Jahren und mit der siebten Staffel endet die Serienrevolution nun. Zeit für einen Rückblick auf das, was die Produktion so aussergewöhnlich gemacht hat – und für einen letzten Ausblick.

Sommer 2013, «Breaking Bad» und «Mad Men» laufen, die erste Staffel von «House of Cards» ist gerade erschienen, «Homeland» geht in die dritte. Gute, erfolgreiche Serien, die eines gemeinsam hatten: Im Mittelpunkt stehen meist privilegierte weisse Männer. Und dann kam «Orange Is the New Black». Schon im Trailer waren fast nur Frauen zu sehen. In der ersten Staffel traten dann weisse und schwarze, alte und junge, dicke und dünne, psychisch kranke, homo-, bi- und transsexuelle Frauen auf, die gemeinsam ihre Haftstrafen verbüssten. So schaffte OITNB nichts Geringeres als veränderte Sehgewohnheiten.

Um damit niemanden zu überrumpeln, bediente sich Produzentin Jenji Kohan eines Tricks: Basierend auf einer wahren Geschichte machte sie Piper Chapman zu ihrer Protagonistin, eine Weisse aus der oberen Mittelschicht, die für den Transport von Drogengeld zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde. Sie ist das Trojanische Pferd, mit dem die Zuschauer in der ersten Staffel im Minimum-Sicherheitstrakt des Knasts eingeschleust werden.

Anfangs ist Piper dort einsam, verängstigt, überfordert. Doch je besser sie sich einfindet, desto öfter wendet sich der Fokus der Serie von ihr ab und anderen Insassinnen zu. Die Schicksale der Frauen werden in Rückblenden erzählt. Es sind Geschichten, die eine tiefe Empathie für die Gefangenen erzeugen und zugleich Gesellschaftskritik üben. Da gibt es Gloria, die illegal mit Essensmarken handelt, um einer gewalttätigen Ehe zu entkommen. Sophia, die per Kreditkartenbetrug versucht, ihre Geschlechtsangleichung zu bezahlen. Oder Lolly, psychisch krank und obdachlos, die während eines Paranoia-Anfalls festgenommen wird.

Das Vermächtnis von «Orange Is the New Black»

Sie alle begehen aus Not eine Straftat oder werden vom unzureichenden Gesundheitssystem der USA nicht aufgefangen. Sie alle sind keine Schwerverbrecherinnen. Wegsperren ist keine Lösung. Und doch landen sie im Gefängnis, weil es offenbar keinen anderen Platz für sie gibt.

Vor allem Rassismus spielte in der Serie - die mit «Atlanta», «Transparent» oder «Blackish» weitere Minderheiten-Dramedys nach sich zog - immer wieder eine Rolle. So nahm die vierte Staffel, 2016 erschienen und in Zeiten der «Black Lives Matter»-Bewegung produziert, Bezug auf Polizeigewalt gegen Schwarze. In der vorletzten Episode erstickt eine Insassin, als einer der Wärter sie drangsaliert. Ihre letzten Worte – «Ich kriege keine Luft» – sind die gleichen wie die des Afroamerikaners Eric Garner, der im Juli 2014 bei einer Festnahme auf Long Island erstickte.

Auch in der finalen siebten Staffel bekommen die Protagonisten die Härte und Willkür des Einwanderungssystems zu spüren. Es sind Szenen, die nicht nur, aber auch wegen ihrer Aktualität berühren - ohne dass der Name Trump genannt wird. Wegen dieser klugen Kommentare über die amerikanische Gegenwart wird «Orange Is the New Black» fehlen.

«Orange Is the New Black» läuft auf Netflix.

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