Wütende, wütende Männer

Im Kieler «Tatort» rastet der Täter aus und Borowski trinkt zu viel. Doch den Zuschauer lässt das kalt.

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Kiel feiert. Es ist Kieler Woche, das grosse Volksfest. Doch Party-Stimmung kommt im neusten «Tatort» aus der Hafenstadt nie auf. Im Gegenteil. Die Feiernden mit den Häschenohren, der billige Kirmes-Techno, die Rufe der Marktschreier – sie wirken wie eine einzige grosse Verhöhnung jener, die sich gerade am Leben abmühen.

Und das tun alle Protagonisten. Klaus Borowski ist noch mürrischer als sonst und trinkt zu viel. Kollegin Sarah Brandt macht sich Sorgen, weil ihr Epilepsie-Medikament neu ist. Und der Täter ist erst recht von der Rolle. Roman Eggers hat drei Kinder mit zwei Frauen, ist geschieden, arbeitslos und verschuldet. Seine Verzweiflung ist Wut gewichen. Von ebensolcher übermannt, tötet er zweimal: zuerst seine Geliebte, dann einen Dealer, weil der seinen Unterschlupf in einer leer stehenden Wohnung verriet. Diesen Eggers also jagen die Kommissare. An seinem alten Arbeitsplatz hat er Sprengstoff entwendet, Terrorangst packt die Polizisten. Und wenn nicht die, dann zumindest die Befürchtung, Eggers könnte ein Serienmörder sein.

Borowski trinkt und tobt

Das Buch zu «Fest des Nordens» stammte vom verstorbenen Autor Henning Mankell. In der Umsetzung von Regisseur Jan Bonny gibt es einige schöne Einfälle. Der Täter etwa bleibt fast die Hälfte des Films namenlos. Diese kaputte, von der Gesellschaft ausgeschlossene Figur doppelt Bonny wiederum in Borowski. Einmal sieht der Zuschauer den Täter von hinten gefilmt, wie er durch die Strassen zieht und wütend Ladenauslagen umwirft. Später wird auch der Kommissar so gezeigt: Borowski knickt Aussenspiegel geparkter Autos um.

Und doch fügt sich all das kaum zu einem runden Ganzen. Zu oft fühlt sich der Zuschauer allein gelassen. Eigentlich hätte diese Folge nach «Die Rückkehr des stillen Gastes» von 2015 ausgestrahlt werden sollen. Damals wurde Borowski von seiner Freundin verlassen, was ihn wohl aus der Bahn warf. Doch die ARD schob zwei Kieler Folgen dazwischen, der Bezug fehlt nun. Borowskis Trinken und Toben, seine Sympathie für den Täter – sie bleiben ohne Erklärung.

«Tutto a posto...»

Nichts in diesem Film nimmt einen wirklich ein. Nicht die Zankerei der Kommissare über Geschlechterfragen. Nicht der Täter, für den man wohl Mitleid empfinden sollte. Nicht die Tatsache, dass dies Sibel Kekillis letzter Auftritt als Sarah Brandt war. Und so gilt für den letzten «Tatort» vor der Sommerpause, was Borowski im Suff einem Wirt sagt: «Tutto a posto e niente in ordine.» Alles in Ordnung, nichts okay. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2017, 21:45 Uhr

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