Wenn Trolle auf Pädophile treffen

Analyse

Nach der gestrigen Doku über einen Pädophilen forderten Zuschauer auf «SF online» die Hinrichtung des Mannes.

Auszug aus dem «Reporter»-Forum vom 14. November 2011.

Auszug aus dem «Reporter»-Forum vom 14. November 2011.

Philippe Zweifel@delabass

Wo endet bei Leserkommentaren die Moderation, und wo beginnt die Zensur? Die Frage beschäftigt Onlinemedien seit längerem – und dürfte nun auch bei SF Thema sein. Jedenfalls lief heute Morgen ein Internetforum ziemlich aus dem Ruder. Nachdem die Sendung «Reporter» gestern die Dokumentation «Bekenntnisse eines Pädophilen – Eine Begegnung mit Urs B.» ausgestrahlt hatte, forderten empörte Zuschauer auf «SF online» anonym die Hinrichtung des Pädophilen. «An die Wand stellen» soll man ihn. Oder als Therapie «einen Kopfschuss» anwenden. Andere wollten das «Schwein» kastrieren und ihm das Geschlechtsteil amputieren.

Nun ist Pädophilie natürlich ein emotionales Thema und Urs B. ein abstossender Mensch – aber gerade deshalb müsste man bei einem entsprechenden Forum wohl besonders aufpassen. Zumal gegen Schluss der TV-Sendung eine Aufforderung zum Mitdiskutieren eingeblendet wurde. Über dem Forum war ausserdem zu lesen: «Die Kommentare werden bis am Freitag nach Ausstrahlung der Sendung von der Redaktion gelesen und veröffentlicht.»

Exemplarisches Dilemma

Gegen 10 Uhr heute Morgen sind die besagten Kommentare vom Netz genommen worden – doch die Frage bleibt: Hat SF die Kommentarspalten nicht kontrolliert? «Das Forum wird von der Redaktion moderiert, in aller Regel von den jeweiligen Autoren der Filme», sagt SRF-Sprecher Martin Reichlin: «Bei den Kommentaren zum Film ‹Bekenntnisse eines Pädophilen› wurden dabei irrtümlich acht Beiträge vorübergehend publiziert, die gegen die SRF ‹Verhaltensregeln für unsere interaktiven Dienste› verstiessen.»

Zwar ist es ein bisschen peinlich, dass solche Kommentare ausgerechnet bei SF stehen, das den privaten Onlinemedien ja mit «Qualitätsjournalismus» Konkurrenz machen will. (Zumal im Begleittext des Forums ein ehemaliger Strafanstaltsleiter sagt: «Lesen Sie die Kommentare in den Internetforen. Was da zum Teil geschrieben wird, ist höchst bedenklich.») Aber ein Riesenskandal ist es nicht – die Angelegenheit zeigt vielmehr exemplarisch ein Dilemma, in dem viele Onlinemedien stecken. Denn nachdem Leserforen zuerst als Möglichkeit galten, kostenlose Inputs zu generieren oder mit dem Leser in Kontakt zu treten, sehen viele Onlinemedien die Kommentarspalten weniger positiv – geraten sie doch oft zu einem unheimlichen Treffpunkt für Eiferer, Spinner und Hetzer aller Art. «Trolle» nennt man diese Leute branchenintern.

Einhaltung der «Netiquette»

Dies ist auch SF bewusst. «Es gibt Unterschiede bei den Themen. Beiträge zu Fragen, die polarisieren, rufen mehr und zum Teil auch heftigere Reaktionen hervor», so Reichlin. Aus ebendiesem Grund würden die Onlineforen redaktionell betreut. Wobei die Namen der Kommentarverfasser dem Fernsehen nicht bekannt seien. Es sei möglich, die Kommentare unter einem Pseudonym zu publizieren.

Gut fürs Image sind solche Kommentare nicht. Die meisten Medien versuchen deshalb, jeden Beitrag zu überprüfen. Doch das ist angesichts der Vielzahl von Kommentaren und tagelangen Diskussionen schwer umzusetzen. Ob SF das «Reporter»-Forum auch gestern Nacht kontrolliert hatte, ist denn auch fraglich. Nur schon weil die Autoren der Sendung, die fürs Freischalten zuständig sind, kaum die ganze Nacht aufbleiben. «Grundsätzlich wird jeder Beitrag vor der Publikation gelesen und auf die Einhaltung der ‹Netiquette› geprüft», sagt aber Reichlin: «Auf die entsprechenden Richtlinien wird ausserdem auf der Blog-Seite hingewiesen und verlinkt.» Ob das die Internet-Trolle abhält, ist eine andere Frage.

DerBund.ch/Newsnet

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