Wenn Rocky Balboa kochen würde

Die neue Kochshow «Beef Club» gleicht einem Boxkampf: Schwitzende Männer prügeln auf Fleisch ein, Frauen füllen lediglich eine Statistenrolle.

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In horrendem Tempo Zwiebeln zu schneiden und Gerichte möglichst raffiniert auf Tellern anzurichten, reicht schon lange nicht mehr aus, um Kochsendungszuschauer zu beeindrucken. Es ist offenbar auch nicht mehr das Ziel, den Frauen und Männern daheim am Herd eine Inspiration zu geben, was am Mittag auf den Tisch kommen könnte.

Längst geht es in Kochsendungen um Show und Unterhaltung – meist in Form von Kochduellen. «Das perfekte Dinner» auf Vox zählte zu den ersten Sendungen dieser Art – das Konzept schmeckt den Zuschauern offenbar auch heute noch – mehr als zehn Jahre später.

Kampfrichter mit Fliege

Fernsehmacher auf anderen Kanälen tun sich derweil schwer, das richtige Rezept für eine Kochsendung zu finden. Den neusten Versuch wagt die Schweizer Kochshow «Beef Club» auf Sat 1 Schweiz: Jeweils zwei Jungköche treten im Duell gegeneinander an. Sie müssen innerhalb einer Stunde ein möglichst überzeugendes 3-Gang-Menu hinbekommen, in denen drei Hauptzutaten vorkommen müssen, die bis kurz vor Start geheim bleiben.

Die erste Runde von «Beef Club»wurde gestern Abend um 19.55 Uhr ausgetragen, und sie erinnerte von Anfang an eher an einen Kampf von Rocky Balboa als an eine Kochsendung von Alfred Biolek. Die dramatische Stimme aus dem Off kündigte die zwei coolen Kandiaten so an, als würden sie sich sogleich in der Showküche vermöbeln, und der Showmoderator mit der roten Fliege und dem schwarzem Anzug kominiert mit Bart und Dächlikappe versuchte sich als Boxkampf-Ansager, sein Singsang klang aber eher wie ein Nachrichtensprecher vom Lokalradio.

Säge und Pfanne für die Kalbsschulter

Die drei Hauptzutaten: Bergamotten, Enoki-Pilze und – das Wichtigste, immerhin ist der Sponsor der Sendung ein Fleischverarbeiter – zwei riesige Kalbsschultern, so gross, dass sie die halbe Arbeitsplatte bedeckten. Die Botschaft der Sendung: Nicht nur Filetstücke sollen auf dem Teller landen, sondern alles von der Schnauze bis zum Schwanz soll verarbeitet werden. Die Absicht ist löblich, die Kalbsschulter machte jedoch nicht den Eindruck eines minderwertigen Stücks Fleisch, und am Ende blieb die Frage, was wohl mit dem Rest geschehen war, der keinen Platz auf dem Juryteller gefunden hatte.

«Das Fleisch hat eine schöne rosa Farbe. Das ist ein wichtiges Zeichen, dass sich das Kalb gesund und artgerecht ernähren konnte», erklärte der Fleischfachmann und überliess die zwei Kalbsschultern dann den Kandidaten. Einer der beiden musste eine grosse Säge zu Hilfe nehmen, um die imposante Schulter zu zerlegen und presste dazu in Nahaufnahme seinen behaarten Arm mitsamt Armbanduhr ins Fleisch. Der andere Kandidat haute mit voller Wucht eine Pfanne auf das Fleisch, um es flach zu bekommen. Vegetarierherzen mussten wohl spätestens dann den Sender wechseln. Das Publikum hingegen klatschte und johlte und buhte und jubelte abwechselnd – und hörte bis zum Ende der 14-minütigen Sendung nicht mehr wirklich damit auf.

Vorspeise unter Rauchglocke, Kugel aus Beilage

Die Fernsehstimmung war aufgeheizt, die Kandidaten schwitzten wegen der heissen Platten und der davonrennenden Zeit, einer der beiden hatte aber trotzdem noch Zeit, das Publikum immer wieder mit Laola-Animationen zu motivieren. Der andere konzentrierte sich lieber auf die Showeffekte auf seinem Teller: Seine Vorspeise servierte er unter einer Rauchglocke, die Beilage seines Hauptganges, eine gebackene Kugel, schlug er vor der Jury auf.

Die einzige Frau, die im stylisch angerichteten «Beef Club» eine Rolle spielen darf – auch die Kandidaten der kommenden Folgen sind allesamt Männer – ist die Foodstylistin Diana Krausss. Sie jubelte in der Premierensendung begeistert, riss die Arme in die Höhe und feuerte die zwei Köche an. Ihre Jurykollegen - der Gourmetkoch Jacky Donatz und der «Marmite»-Chefredaktor Andrin Willi - waren die Einzigen, die ohne Show auskamen – und vielleicht auch deswegen eher wie Beigemüse wirkten.

Dann war die Zeit um, und die Jury durfte kosten, jedoch keines der zwei 3-Gang-Menus konnte ihnen ein Mmmmmh à la Biolek entlocken. Einen Sieger gab es schliesslich trotzdem, der bärtige Kampfrichter mit der Fliege riss die Hand desjenigen Kandidaten in die Höhe, der auf allerhand Effekte gesetzt hatte. Die Botschaft der ersten Runde «Beef Club»: Show gewinnt, obs schmeckt, ist nebensächlich.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.03.2016, 11:10 Uhr

«Beef Club» auf Sat.1 Schweiz

Die 14-minütige Sendung «Beef Club» ist donnerstags um 19:55 Uhr auf Sat.1 Schweiz zu sehen mit Wiederholung am Samstag und Montag, ebenfalls um 19.55 Uhr.«»

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