TV-Kritik: «Da kommt mir jetzt nichts in den Sinn»

TV-Kritik

Roger Schawinski holt sich den Anti-«Abzocker» Thomas Minder ins Studio. Die Sendung zeigte: Auch ein Stargast bringt nichts, wenn es zu einem Thema nichts Neues mehr zu sagen gibt.

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Thomas Ley@thomas_ley

Er ist zähes Leder, für jeden Talkshow-Moderator, selbst für einen wie Roger Schawinski, der schon Hartnäckigere als Thomas Minder durchgekaut hat. Doch deswegen wollte Schawi den Abzockerschreck ja wohl unbedingt so kurz vor dem Abstimmungstermin am 3. März noch einmal in seine Show einladen. Um am Lack des Volkshelden aus Schaffhausen zu kratzen. Oder vielleicht auch nicht.

Denn das Hauptproblem ist an diesem Montagabend, dass Schawinski mit Minder eigentlich völlig einig ist. Entsprechend tendiert der Wert neuer Erkenntnisse gegen null. Allenfalls die Tatsache, dass Minders Kampagne inzwischen bei über einer halben Million Franken Ausgaben steht, ist in dieser Form wohl News. Schawinski selbst stellt das fest.

Eine Welt in verschwörerischen Mustern

Der Rest besteht aus nicht ernst gemeinten Versuchen, Minder aus der Reserve zu locken. Entsprechend gut gelaunt bleibt der Ständerat die ganze Sendung durch. Auch als Schawinski ihn mit dem «K-Tipp»-Zahnpasta-Test ärgern will, bei dem Minders Hausprodukt Trybol schlecht abschnitt: «Das ist kein Zufall, dass dieser Test jetzt kam», entgegnet Minder lächelnd. «Aber das ist ja klar, wenn man keine Argumente hat, dann spielt man auf den Mann.»

Das wäre sie allenfalls, die Gelegenheit für Schawinski, einzuhaken. Denn dass der «K-Tipp» sich einspannen liesse für eine Art Komplex aus Abzockern, bürgerlichen Parteien und Wirtschaftsverbänden, das ist doch einigermassen absurd. Es enthüllt für einen Moment Minders Tendenz, die Welt in verschwörerischen Mustern zu sehen. Eine Schwäche. Doch Schawinski übergeht sie zügig und macht sich lieber darüber lustig, dass im Traditionsprodukt von Trybol noch immer der Bestandteil Kreide steckt, wie vor hundert Jahren. Der Talkmaster sollte wissen, dass gerade solche Anachronismen Minder beim Publikum so beliebt machen.

Fantasieloser und ehrlicher Minder

Wie immer geht es dann, husch, husch, durch Schawis abgestandenes Talkshow-Arsenal. Etwa die Rubrik «Vervollständigen Sie diesen Satz»: «Die grösste Schwäche meiner Initiative ist...» oder «Neid bedeutet mir...?» oder «Verlogen bin ich bei...?» – Minder ist so fantasielos und ehrlich, um derlei jedes Mal mit einem stereotypen «Da kommt mir jetzt nichts in den Sinn» zu beantworten. Schawinski ärgert es sichtlich, wenn er derart unprätentiöse Gäste hat, dass sie bei diesen Spielchen nicht mitmachen. Statt sich zu ärgern, sollte er die Spielchen überdenken.

Immerhin, beim Thema Christoph Blocher zeigt sich Minder geradezu brutal ehrlich: «Es war mein Fehler, ihm zu vertrauen. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass er mir in den Rücken fällt.» Worin Blocher denn besser sei als er, wollte Schawinski von Minder wissen. Wahrscheinlich im Poltern und im Opportunismus, vermutete dieser. Tatsächlich, da ist eine Kurzzeit-Männerfreundschaft zu Ende gegangen. «Fürchtet er Sie denn als sein Konkurrent?», fragte Schawinski. Minder weist es nicht von sich, sagt nur sehr diplomatisch: «Da müssen Sie ihn fragen.»

«Es wird mir weiss Gott nicht langweilig»

Nach weiteren vergeblichen Versuchen, Minder zum Poltern zu bringen, etwa mit einem Einspieler von Vasella, schwenkt Schawinski um zum Generellen. «Wer lügt denn in der Politik? Lügen alle?» Doch kaum hat er es gefragt, hat er auch schon das Interesse an der Philosophiererei verloren. Die Zeit rennt ja in seiner so gedrängten Sendung. Und Minder sitzt immer noch gut gelaunt vis-à-vis.

Was er denn mache, wenn er seine Initiative tatsächlich durchbringe (woran Schawinski dank eingespielter Umfragezahlen nicht zweifelt: «klare Sache!»). «Dann greife ich andere Themen auf», strahlt der Schaffhauser Zahnpasta-Unternehmer. Laufend würden neue Themen an ihn herangebracht, vom Umweltschutz bis zur Jugendarbeitslosigkeit. «Es wird mir weiss Gott nicht langweilig, Herr Schawinski.»

Er sagt es zu einem Zeitpunkt in der Sendung, an dem sich beim Zuschauer das entsprechende Gefühl sehr wohl einstellt. Und das nach einer Sendung mit einem Gast, der von Schawi als «spannendste Person dieser Tage» vorgestellt wurde. Es ist nicht immer ein Schaden, dass Schawis Show so kurz ist.

DerBund.ch/Newsnet

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