«Oder, Hansjörg?»

Ein braves Ehepaar geht fremd: Die Mini-Doku-Soap «Experiment Schneuwly» mit Matto Kämpf 
und Anne Hodler ist so etwas wie die durchgeknallte Schwester von «SRF bi de Lüt».

Grosshöchstetter Gemütlichkeit: Anne Hodler und Matto Kämpf als Margrit und Hansjörg Schneuwly, die fürs Fernsehen etwas riskieren.

Regula Fuchs

«Das si Herr und Frou Schneuwly. Si chöme im Fernseh – u si si enorm stouz druf.» So beginnt jede der drei Folgen der Miniserie «Experiment Schneuwly». Und den Stolz, im Fernsehen zu kommen, sieht man den beiden an, auch wenn sie ihn verstecken: Hansjörg und Margrit Schneuwly, wohnhaft am Blumenweg in Grosshöchstetten, sind Prachtsexemplare jener Biederkeit, die sich gerade darin zeigt, dass man sich offensiv offen für Neues gibt. «Mir si da sehr offe» – das ist Leitmotiv und Refrain der drei 15-minütigen Episoden, in denen sich die Landeier in Zonen urbaner Erfahrungswelt begeben: in eine Kindertagesstätte, in den Stadtwald zum Kiffen und zu später Stunde in den Ausgang.

Verlangsamter Brillenträger

Eingeleitet wird die Versuchsanordnung jeweils mit einem Interview. Da geben Schneuwlys, eingerahmt von getäferter Gemütlichkeit, über das Drogenproblem Auskunft, über die Randale in der Stadt oder die Fremdbetreuung von Kindern. Frau Schneuwly (Anne Hodler, ganz fesch mit Schmetterlingen auf den Fingernägeln und Ottos-Warenposten-Outfit) entspricht auf den ersten Blick der bekannten Karikatur von hiesigem White Trash. Wer denn vor allem Drogen konsumiere, wird sie vom unsichtbaren Interviewer gefragt. «Schon mehr Ausländer», sagt sie etwa, sich aber immer wieder bei ihrem Mann versichernd: «Oder, Hansjörg?»

Matto Kämpf dagegen, mit schlammfarbigem Wolljäckchen und Brillantine-Frisur, tankt seine Figur mit ziemlich viel Nonsens auf. Dieser Schneuwly ist eine weitere Ausprägung jener Kunstfigur, die der Autor und Performer Matto Kämpf immer wieder hervornimmt und mittlerweile perfektioniert hat: des Typus von geistig verlangsamtem Pullunder- und Brillenträger, der die Worte nur mühsam aus sich hervorkramt – und dann in allem Ernst vollendete Absurditäten von sich gibt. In «Experiment Schneuwly» wird daraus eine Rhapsodie unvollständiger Sätze und herumeiernder Logik. Zum Stichwort «Fremdbetreuung» etwa druckst Schneuwly erst herum, um dann «dass sich Chinder o chli frömd wärde» zu murmeln. Und: «Auso ender dergäge, i dr Tendänz.»

Im Spätabendprogramm

Vergangenen Frühling hat das Schweizer Fernsehen mit «Güsel – Die Abfall­detektive» von Gabriel Vetter seine erste Web-Only-Serie vorgestellt. «Experiment Schneuwly» des Berner Regisseurs Juri Steinhart ist ein weiteres Exemplar dieses Formats. Ab Montag werden die Episoden Tag für Tag online gestellt, am 29. Dezember dann am Stück ausgestrahlt – spätabends, wenn das «SRF bi de Lüt»-Publikum im Bett ist.

Wenn auch die Ausgangslage mit dem braven Ehepaar, das in ein städtisches Dschungelcamp gesteckt wird, etwas weniger originell wirkt als die von Vetters Sitcom aus dem Werkhof, so bietet «Experiment Schneuwly» doch mehr als nur die simple Belustigung über verunsicherte Provinzler, denen die Kita-Gofen frech daherkommen oder die Besoffenen in der Aarbergergasse. Auch darum, weil das Privatfernsehen dieses Muster, kleine Leute vor der Kamera dem überlegenen Blick anderer kleiner Leute vor dem Fernseher auszuliefern, mittlerweile schier zu Tode praktiziert hat.

Klar, wenn Herr und Frau Schneuwly ihren ersten Joint rauchen und sich anschliessend mit Haselnussstengeli vollstopfen, entspricht das einem einfachen humoristischen Schnittmuster. Aber Steinhart und Co. bestücken ihre Figuren – siehe Herr Schneuwly – nicht nur mit Nonsens, sondern auch mit Liebenswürdigkeit. Im Laufe der drei Folgen entspinnt sich nämlich eine kleine Beziehungsgeschichte, die damit anfängt, dass Herr Schneuwly der Kinder­betreuerin in der Kita auf seine gstabige Art schöne Augen macht, dass später Frau Schneuwly beim Kiffen von einem attraktiven Deutschen (Oliver Stein) umgarnt wird und dass es zu unguter Letzt im Ausgang zu einer richtigen Beziehungskrise kommt. Kurz, eine Konstellation, die sich ausbauen liesse.

Falls also die Serie in eine weitere Runde ginge: Wir wären da sehr offen.

Online auf www.srf.ch/unterhaltung. Ausstrahlung auf SRF 1: 
Montag, 29. Dezember, 23.05 Uhr.

Der Bund

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