Familienknatsch hoch vier

Im neuen Saarbrücker «Tatort» werden Vater-Sohn-Konflikte durchgenudelt. Und Devid Striesows kurliger Kommissar verliert an Kontur.

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«Tut mir leid: Ich bin für die Wahrheit zuständig, nicht für die Gerechtigkeit», bilanziert Devid Striesows Jens Stellbrink am Ende dieses Saarbrücken-«Tatorts» trocken. Leider, denken wir an dieser Stelle, enttäuscht darüber, dass der wahre Mörder partout entlarvt sein musste. Wär' der Kommissar mal lieber auf Seiten einer ungesetzlichen Gerechtigkeit gewesen!

Eigentlich passt die manipulative Ehrenkäsigkeit, die der Ermittler hier an den Tag legt, ja gar nicht zur schrägen Figur, als die Stellbrink ursprünglich einmal angelegt war. Aber der Mix aus Clown, Eigenbrötler und Esoterik-Irrem hatte bis anhin nur teilweise überzeugen können, trotz Ausnahmeschauspieler Striesow. So wurde nun, im sechsten Fall des Duos Stellbrink und Marx (Elisabeth Brück), alles ziemlich herunterkonventionalisiert; auch wenn der Anfang mit der Schändung der Leiche eines Berufsschullehrers und der tödlichen Verkühlung eines ehemaligen Schülers durchaus Potenzial aufweist.

Ohnehin scheinen die Drehbuchautoren Michael Vershinin und Zoltan Spirandelli (Spirandelli führte auch Regie) sich nicht fürs Risiko zuständig zu fühlen, sondern fürs Klischee. Im Tatort «Söhne und Väter» (genau, bei Turgenew heissts «Väter und Söhne») gibt es daher vier Problemsöhne beziehungsweise Problemstiefsöhne samt zugehörigen Problem(stief)vätern. Ein Vater prügelt, ein anderer ist ein Schwächling und einer – nämlich Stellbrink – hat zu wenig Zeit für den Sohn, der dafür bei der sexy Kommissarsanwärterin in die WG einzieht (kein Witz!). Klar, dass die Söhne aus der Spur laufen, in Lehre und Schule Schwierigkeiten machen. Ausserdem hatte die Berufsschul-Rektorin mal was mit dem toten Lehrer. Und die Rolle des obligaten bösen Stiefvaters hat eben der geliebte und gehasste Tote inne. Er war auf psychische Demütigung spezialisiert, was die Anzahl der Verdächtigen erhöht. Stellbrinks Sohn leidet übrigens ebenfalls unter seinem Stiefvater. Und manche Mutter hat da eine Meise. Konfliktklassiker werden durchgenudelt: viel Trauma allüberall, aber wenig Glaubwürdigkeit.

Battle of Wits

Dass der Kommissar zwischendurch auch noch seinen legendär mickrigen Motorroller gegen eine schwere Maschine eintauscht, um eine Biker-Lady zu beeindrucken, ist ein trauriger Tiefpunkt dieser Folge, die sowieso von trister Küchenpsychologie und schichtspezifischen Stereotypen und uninspirierter Bebilderung heruntergezogen wird. Ein Lichtblick ist der grossartige Jophi Ries als Ersatzvater und Lehrmeister des suizidalen Kochlehrlings Karim (Emilio Sakraya): Er liefert sich mit Stellbrink ein Battle of Wits, einen Wettstreit der grauen Zellen beim Schach und auch sonst, der Spannung schafft. Sein Motiv dafür mag zwar etwas nebulös bleiben, seine Contenance aber ist cool. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2017, 21:42 Uhr

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