Endlich mal lachen

Gillian Anderson ist in einer neuen Netflix-Serie als Sextherapeutin und Mutter zu sehen. In «Sex Education» könne sie endlich ihre witzige Seite zeigen.

In der neuen Serie entscheidet sich Otis, der Sohn einer Sextherapeutin (gespielt von Gillian Anderson) eine eigene Sex-Klinik an seiner Schule zu eröffnen. Quelle: Netflix

Wenn Gillian Anderson auf Journalisten trifft, dann weiss sie, womit sie zu rechnen hat. Als sie zum Interviewtermin in London erscheint, ist der Anlass des Gesprächs eigentlich zweitrangig, in diesem Fall die offenherzige wie kurzweilige Serie «Sex Education», in der sie nun bei Netflix als Sextherapeutin und Mutter zu sehen ist. Früher oder später, darauf ist Gillian Anderson, 50, vorbereitet, wird es um Dana Scully gehen.

«Ob es mich stört oder nicht, dass ich immer und immer wieder auf ‹Akte X› angesprochen werde, ist ehrlich gesagt vollkommen zweitrangig», sagt sie. Ohne zu lächeln, sie zuckt mit den Achseln, halb pragmatisch, halb resigniert. «Ich kann es nicht ändern – und hatte genug Zeit, mich damit zu arrangieren.» Gerade einmal ein recht erfolgloses Jahr erster Gehversuche in Hollywood hatte die vom Theater kommende Schauspielerin hinter sich, als sie vor gut 25 Jahren die Rolle der von Skepsis und wissenschaftlichem Verstand getriebenen FBI-Agentin und Ärztin Dana Scully bekam, die mit ihrem Partner Fox Mulder auf die Jagd nach Aliens und anderen Monstern ging.

Schlagartig wurde Anderson damals zum Weltstar. Spielte Scully neun Staffeln lang – als sie ihr erstes Kind von ihrem ersten Mann erwartete, wurde die Schwangerschaft durch eine Entführung in der Serie kaschiert –, sie spielte Scully in zwei Kinofilmen und gewann dafür unter anderem den Golden Globe und den Emmy. «Ich habe mich nie dafür geschämt», sagt sie rückblickend. «Aber ich kann nicht leugnen, dass es Zeiten gab, in denen mir das Thema sehr auf die Nerven ging. Vor allem direkt nach dem Ende der Serie, als ich mir wirklich alle Mühe gab, beruflich nicht mehr auf diese eine Rolle festgelegt zu werden. Damals war ich recht frustriert und habe alles, was mit Scully zu tun hatte, weit von mir weggeschoben.»

Nicht Scully war ihre smarteste Rolle...

Den nötigen Abstand stellte sie schliesslich auch über räumliche Distanz her. Nach dem Ende von «Akte X» zog die gebürtige Chicagoerin nach London, wo sie Teile ihrer Kindheit verbracht hatte. Sie übernahm Theaterrollen am West End, stand für BBC-Produktionen wie Bleak House oder Grosse Erwartungen vor der Kamera und bekam, zwölf Jahre nach der Tochter aus ihrer ersten Ehe, zwei Söhne. In London, so sagt sie heute, kehrte erst der britische Akzent ihrer Jugend zurück, dann die Lust, sich doch wieder auf Fernsehserien einzulassen. Anderson, schwarze Bluse, schwarze Hose, High Heels, erzählt ernst und sortiert, Plaudern ist nicht ihr Ding.

2013 begann sie, ihren Platz in der TV-Geschichte neu auszuloten. Erst übernahm sie eine Rolle in der kultisch verehrten Psychothriller-Serie Hannibal, in der sie als undurchschaubare Psychiaterin eine ganz neue, durchaus irre Seite ihres schauspielerischen Könnens zeigen durfte. Die Mimik reduziert, nahezu niemals lächelnd, sehr eindringlich. Kurz darauf spielte sie in der britischen Serie «The Fall – Tod in Belfast» drei Staffeln lang die eigensinnige und unterkühlte Ermittlerin Stella Gibson auf der Jagd nach einem Mörder – und hin und wieder einem One-Night-Stand. «Wenn es eine Figur gibt, die zu spielen ich wirklich vermisse, dann ist es nicht Scully, sondern Stella», sagt Anderson heute über die Serie, von der sie ein Revival in der Zukunft nicht vollkommen ausschliesst. «Von all meinen Rollen war das vielleicht die smarteste, komplexeste und geheimnisvollste. Mit mir persönlich hatte sie wenig gemein, aber genau deswegen machte sie mir mehr Spass als die meisten anderen.»

Anderson spielt in der neuen Netflix-Serie mehr als die «ernste Stichwortgeberin». Als Sextherapeutin und Mutter darf sie Humor zeigen. Bild: Keystone

Anderson soll ihre erste Zigarette mit acht Jahren geraucht haben, in der Schule war sie schlecht, ihr erster Freund ein Punkrocker. Zum Film wollte sie, wie so manche spätere Schauspielerin, nachdem sie Meryl Streep auf der Leinwand gesehen hatte. Nach einer Schauspielausbildung in Chicago ging sie nach New York, kellnerte, trat in Kurzfilmen und auf Theaterbühnen auf, ein Jahr lang war sie arbeitslos. Dass man sie später für «Akte X» auswählte, verdankte sie dem Schweigen der Lämmer. Den Machern der Serie schwebte eine Agentin im Hosenanzug vor, die ähnlich kühl, kalkulierend und kontrolliert auftreten kann, wie es Jodie Foster im Film tat.

Vor gar nicht allzu langer Zeit fand Gillian Anderson schliesslich neue Freude an Agentin Scully. Oder zumindest ein verlockendes Honorar. Von 2016 bis 2018 liessen sich Anderson und ihr Serienpartner Duchovny auf zwei neue Staffeln «Akte X» ein, auch gegen Auftritte bei Fan-Conventions wie «Spooky Empire» vergangenen Herbst in Orlando sträubt sie sich nicht mehr. «Viel mehr als früher weiss ich heute zu schätzen, was für eine ikonische Figur Scully war, und auch welche Vorreiterrolle sie als Vorbild für junge Frauen darstellte», sagt sie.

Unverblümtheit mit Vorbildcharakter

Tatsächlich soll «Akte X» in englischsprachigen Ländern ein als «Scully-Effekt» bezeichnetes Phänomen ausgelöst haben, demzufolge durch die Ausstrahlung mehr Frauen denn je naturwissenschaftliche Berufe anstrebten. «Damit assoziiert zu werden, ist mir als Feministin eine Ehre.»

Dazu passt nun auch die neue Mutterrolle in «Sex Education». In der humorvollen Highschool-Serie wechselt sie nach Lust und Laune ihre Liebhaber, plaudert mit Klienten wie Mitschülern des Sohnes unverblümt über Erektionsprobleme oder vaginale Orgasmen und gönnt sich auch mal einen Joint. «Was mir vor allem gefällt, ist die Tatsache, dass ich hier endlich mal meine witzige Seite zeigen kann. Denn selbst in Komödien – wie zuletzt im Film «Bad Spies» – werde ich ja sonst eher als ernste Stichwortgeberin besetzt», sagt sie. Und lächelt.

Und sonst? Anderson hat ein Buch mitgeschrieben, ein Manifest für Frauen, und ist an einer Science-Fiction-Trilogie beteiligt. Zuletzt entwarf sie eine Modekollektion für das Label Winser London. Ein Abschied auf Raten vom Leben vor der Kamera etwa? «Nein, es ist nicht so, dass mir in meinem eigentlichen Job etwas fehlt. Aber ich bin nicht sonderlich gut darin, zwischendurch zu Hause zu sitzen und nichts zu tun. Und anders als früher genehmige ich es mir inzwischen, auch meinen anderen Interessen nachzugehen.» Einer Sache aber will sie in Zukunft wieder abschwören. Ein weiteres Wiedersehen mit Dana Scully hält sie für ausgeschlossen. Sagt sie.

«Sex Education», auf Netflix.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt