Die Theologin spricht Klartext, die anderen schweigen betreten

Der gestrige «Club» wollte wissen, was die Kirche gegen sexuellen Missbrauch unternimmt: Nicht genug.

Strukturen, die Machtmissbrauch begünstigen, das Zölibat als Deckmantel eines ungelösten Umgangs mit der eigenen Sexualität. Eine verheerende Mischung, fand man im «Club». Quelle: SRF


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Nicht alle, aber viele Probleme könnten gelöst werden, wenn die Kirche Frauen auf gleicher Augenhöhe in allen Ämtern zulassen würde, auch in Leitungsfunktionen. Monika Schmid, römisch-katholische Theologin, spricht Klartext. Betretenes Schweigen. Kopfnicken. Denn: Probleme gibt es viele. Frauen werden oft ausgeklammert. Der Wille zur Veränderung hinkt gewaltig.

Im gestrigen «Club» wurde über längst bekannte Probleme diskutiert. Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche und wie er unter den Teppich gekehrt wird. Bischof Felix Gmür fasst die jüngsten Enthüllungen um organisierte sexuelle Gewalt der Diözese in Pennsylvania treffend zusammen: Das Ausmass ist schockierend. Jede Zahl ist ein Mensch. Das ist eine Katastrophe.

Die Katastrophe erlebt hat Andreas Santoni. Nicht in Pennsylvania, sondern in der Schweiz. Vergewaltigt vom Dorfpfarrer. Er ist kein Mann der grossen Worte. Aber was Santoni in schnörkellosen Sätzen erzählt, sagt genug. Schutzlosigkeit, Macht, Missbrauch, Abhängigkeit, Mitwisserschaft, Vertuschung, Schweigen. 40 Jahre später, an der Beerdigung seiner Mutter, sah Santoni plötzlich nicht mehr den Pfarrer, der die Messe hielt, sondern jenen, der ihn damals missbraucht hatte, nackt. Er brach zusammen. Dann begann er zu reden.

Unerträglich real wirken seine sparsamen Schilderungen in einer Runde, die das Thema aus der gewohnt fachlich-sachlichen Perspektive diskutiert und immer wieder zum Schluss kommt, es sei eben schwierig, etwas zu bewegen, Strukturen hermetischer Abriegelung aufzubrechen und Straftaten endlich angemessen aufzuarbeiten anstatt sie zu decken.

Die Sexualmoral umkrempeln

Der Widerstand gegen Transparenz, Aufarbeitung und die Wahrheit scheint unüberwindbar. Das zeigte auch jener Abschnitt der Diskussion, der um Papst Franziskus kreiste. Hat er gar selbst Missbräuche gedeckt? Die Runde ist gespalten. Würde es helfen, ihn abzusetzen – zumal er seine Versprechen nicht gehalten hat, gegen kriminelle Priester und Bischöfe vorzugehen? Die Runde ist sich eher einig: Nein. Denn ist der Papst weg, bleibt die aus der Zeit und aus dem Recht gefallene Sexualmoral weiter bestehen, ebenso das Zölibat. Und jenes, so der Psychoanalytiker, werde dann zur Gefahr, wenn sich Menschen dahinter verstecken, aus dem Unwillen heraus, sich mit ihrer eigenen Sexualität auseinanderzusetzen.

Bischof Gmür findet das Zölibat denn zwar angemessen, jedoch nicht notwendig. «Aber es passiert nüt!», tönt es postwendend von Schmid. Wieder hat sie recht. Auch, wenn sie Gmür vorwirft, ein Regenbogenpastoral eingerichtet, am selben Tag jedoch einem schwulen Seelsorger die Missio verweigert zu haben.

Immerhin hat Werlen in seiner Zeit als Abt des Klosters Einsiedeln gehandelt. Er traf Opfer und stellte Täter. Persönlich, aber auch, als er eine unabhängige Untersuchungskommission einsetzte, die den sexuellen Missbrauch von Klosterangehörigen in Einsiedeln untersuchte.

Worte als Flucht vor der Realität

Mehrmals versucht Moderatorin Barbara Lüthi Benediktiner-Pater Martin Werlen aus der Reserve zu locken – Wie ist es denn, mit Mitbrüdern zu leben, von denen man weiss, dass sie übergriffig geworden sind? Wie genau erkennt man pädophile Neigungen bei (potenziellen) Priester- oder Klosteranwärtern?

Werlens Antworten bleiben vage. Das Zusammenleben sei leichter, wenn man um vorgefallene Missbräuche wisse. Durch Gespräche kann man problematische Neigungen erspüren.

Das bezweifelt der anwesende Psychoanalytiker Udo Rauchfleisch. Sogar für ihn als ausgewiesene Fachperson wäre es schwierig, in zwei, drei, vier Gesprächen zu ermitteln, ob es sich bei einer Person um einen pädophilen oder potenziell sexuell übergriffigen Menschen handle. Ebenfalls seltsam mutet Rauchfleisch an, dass die Kirche keine externe Supervisionen bei angehenden Priestern kenne. In therapeutischen Berufen wäre das undenkbar.

Das Schlusswort hat die Frau, Frau Schmid. Sie sieht die Zukunft der Kirche nur mit ihresgleichen. Frauen überall, um das System mit seinen verheerenden Dynamiken und Strukturen endlich zu ändern. Leider mag man nach dieser Sendung nicht so recht daran glauben, dass das tatsächlich bald passieren wird. Wieder nicht. Jede Zahl ein Mensch.

Video – Kirche nimmt Stellung zu sexuellen Übergriffen

In jedem Fall eine Anzeige: Vizepräsident Felix Gmür zum Beschluss der Schweizer Bischofskonferenz, Fälle sexuellen Missbrauchs künftig juristisch untersuchen zu lassen. (Video: SDA) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2018, 17:04 Uhr

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