Der gute Böse und der böse Gute

TV-Kritik

Ein Kommissar deckt seinen Kollegen. Ein Anwalt ermittelt. Ein Plot verwirrt. Das war der neue «Tatort» aus Stuttgart.

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Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Was passiert, wenn ein Kommissar zum Lügner wird? Der gute Polizist in die moralische Grauzone abrutscht? Der Stuttgarter «Tatort» wagte ein Experiment und widmete sich einem heiklen Thema: Polizisten, die ihre Kollegen vor Gericht decken. Mit solider Spannung wurde das durchgespielt, nur war leider für Ambivalenz kein Platz. Am Schluss war der Gute wieder der Gute, und man mochte sich nicht so recht darüber freuen.

Die Zeugin eingeschüchtert

Kommissar Sebastian Bootz übernahm die Rolle des Polizisten, der vom rechten Weg abkommt. Den ersten Schritt tat er, als er seinen Kollegen, der einen Geiselnehmer getötet hatte, vor Gericht deckte. «Rettungsschuss» behauptete Bootz, obwohl er den entscheidenden Moment nicht gesehen hatte. Nach dieser Lüge gleich der zweite Fehler. Bootz fuhr zu einer Zeugin, um «etwas klarzustellen», sprich: sie einzuschüchtern. Ganz schön korrupt. Und streckenweise spannend. Wie Bootz von seinem schlechten Gewissen zerfressen und paranoid wurde, war überzeugend. Kollege Lannert und er rangen mit sich und miteinander. Die Stimmung wurde beklemmender.

Doch viele Wendungen, welche die Geschichte nahm, waren schon von weitem sichtbar. Etwa, als Bootz vom Fall abgezogen und in die Ferien geschickt wurde. Natürlich hielt er sich nicht daran und ermittelte mit Lannert weiter – ein «Tatort»-Klischee. Ebenso klischiert und überzeichnet: die Kriminellen aus der linken Hausbesetzerszene. Spannender war die Figur des Anwalts, der gegen Lannert ermittelte. Ein arroganter Widerling zwar, aber immerhin dem Kampf gegen korrupte Polizisten verschrieben. Solche Polizisten wie Bootz, der fürchterlich unter seiner Scheidung litt und darum kaum funktionstüchtig war. Doch als Entschuldigung funktionierte das nicht.

Ein noch schlimmerer Fehler

Statt dass der Film der Frage nach dem Ursprung der Korruption und einer angemessenen Strafe nachgegangen wäre, durfte Bootz zum Helden werden. Der Anwalt hatte zum Glück noch schlimmere Fehler gemacht als er. Verstörend schnell waren bei Bootz die Gewissensbisse verschwunden, trotz einiger Ähnlichkeiten mit dem bösen Anwalt.

Einmal die Wohnung aufräumen, das reichte, damit sich alles in Wohlgefallen auflöste. Der wirklich Böse war ein anderer – und der Gute schon wieder der Gute.

DerBund.ch/Newsnet

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