Farbenfrohes Rachespektakel

Mit «Coyote» legt Lorenz Wunderle einen Animationsfilm vor, der sich an der Ästhetik japanischer Animes und Splattermovies orientiert – und offenbar einen Nerv der Zeit trifft.

Zwar geschieht Drastisches, entsetzlich ist dieser Film aber nicht: Szene aus «Coyote».

Zwar geschieht Drastisches, entsetzlich ist dieser Film aber nicht: Szene aus «Coyote». Bild: zvg

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Wie viele andere Kinder sass auch Lorenz Wunderle Ende der 1980er-Jahre regelmässig am Samstagmorgen vor dem Fernseher und ergötzte sich darob, wie Bugs Bunny, Daffy Duck, Tom & Jerry, Roadrunner und wie sie alle hiessen, einander gegenseitig auf die Rübe hauten.

Die Liebe zu den Animationsfilmen ist geblieben, und so arbeitet Wunderle heute beim YK Animations Studio in Bern, wo er 2-D-Filme zeichnet. Sein neuster Streich «Coyote» ist einer der 111 Filme, welche zurzeit bei der 16. Ausgabe des Kurzfilmfestivals Shnit zu sehen sind. Während bei den wilden Verfolgungsjagden von Tom & Jerry und Co. die Rollenverteilungen stets klar definiert und die Gründe für die Keilereien meist nicht hoch philosophischer Natur waren, geht es im Kurzfilm des gebürtigen Luzerners um einiges komplexer zu und her. In Sachen Brutalität steht er den Vorgängern allerdings in nichts nach.

Austicken nach Lehrbuch

«Coyote» passt hervorragend zum diesjährigen Shnit-Motto «Going Wild», denn was Wunderles Protagonist – ein Kojote – tut, kann getrost als Austicken nach Lehrbuch bezeichnet werden. Gleich zu Beginn des rund zehnminütigen Animationsfilms wird gezeigt, wie der Kojote bei einem Angriff von Wölfen seine Frau und Kinder verliert. Geplagt von albtraumhaften Visionen, Wahnvorstellungen und Erinnerungen, kurvt er in der Folge mit seinem Pick-up-Truck des Nachts durch eine menschenleere Wüstenlandschaft.

Pillen und Schnaps sollen dabei helfen, das Erlebte zu verarbeiten, bewirken aber eher das Gegenteil. Als der Kojote in einer heruntergekommenen Highway-Spelunke dann aufs Äusserste provoziert und gedemütigt wird, verliert er komplett die Contenance und beginnt einen blutigen Rachefeldzug.

Mit klaren Linien, satten Farben und viel Liebe zum skurrilen Detail nimmt uns Lorenz Wunderle in «Coyote» mit in eine Welt fernab der Realität. Die Ästhetik, der sich der 35-jährige Filmemacher bedient, erinnert an die übertriebenen Gewaltdarstellungen von Splattermovies, wobei durch Überzeichnung und grelle Farbgebung ironische Distanz geschaffen wird. Da werden Bäuche aufgeschlitzt, Augen ausgerissen, Innereien quellen heraus, und Blut fliesst in Strömen – entsetzlich ist das trotz allem nicht, sondern, nun ja: unterhaltsam.

Mitdenken gefragt

Wunderles Bildsprache erinnert zeitweise an japanische Zeichentrick-Klassiker wie etwa «Akira» oder «Princess Mononoke». Sein Interesse für Animationsfilme aus dem japanischen Kulturkreis sei durch «Ghost in a Shell» geweckt worden, sagt Wunderle, also durch das Science-Fiction-Anime von Mamoru Oshii aus dem Jahr 1995. «Bei ‹Tom & Jerry› wird um ein Stück Käse gestritten, da musst du nichts überlegen. Die japanischen Animes hingegen sind Trickfilme für Erwachsene. Hier werden komplexere Themen verhandelt, die Raum für Interpretationen lassen. Die Zuschauer müssen mitdenken. Das ist das, was mich interessiert.»

Lorenz Wunderle verlangt in «Coyote» seiner Zuschauerschaft einiges ab. In seinem Rachewahn driftet der Kojote in eine grelle, fieberhafte Parallelwelt ab, in welcher sich nicht alle Vorgänge schlüssig erklären lassen. Müssen sie aber auch nicht. Vielmehr machen die Fremdheit und das Albtraumhafte der Bilder den Seelenhaushalt des Protagonisten, der sich selber abhandengekommen ist, auf der Gefühlsebene erfahrbar.

Seit «Coyote» im Februar bei der Berlinale Premiere feierte, wurde er an rund 70 internationalen Festivals gezeigt und mehrfach ausgezeichnet, auch mit einem der Berner Filmpreise. Offenbar hat Wunderle mit seinem farbenfrohen Rachespektakel einen Nerv der Zeit getroffen – und dies, obwohl sein Film ganz ohne Worte auskommt. «Es ist viel einfacher für mich, eine Geschichte ohne Worte zu erzählen», sagt Wunderle. «Da bin ich in meiner Komfortzone.»

Gedanken direkt umsetzen

Vielleicht werde er sich dereinst an Dialoge heranwagen, beim animierten Film werde er aber definitiv bleiben. «Ich habe mit der 2-D-Animation dasjenige Medium gefunden, mit welchem ich meine Vorstellungen und Gedanken am direktesten umsetzen kann. Filme drehen und mit Schauspielern arbeiten zu müssen, würde mich einschränken oder gar blockieren.»

«Coyote» von Lorenz Wunderle läuft bei Shnit sowohl im Schweizer wie auch im Internationalen Wettbewerb. Das Kurzfilmfestival dauert noch bis 28. Oktober. Infos und Programm: www.shnit.org. (Der Bund)

Erstellt: 23.10.2018, 06:46 Uhr

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