Es wird enger für die Kinos im Zentrum

Nach dem Mieterwechsel an der Schwanengasse: Was bedeutet die Übernahme des Kinos Rex durch das Kino Kunstmuseum für die kommerziellen Kinobetreiber in der Innenstadt?

Regula Fuchs

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Im nächsten halben Jahr bekommen die Nachbarn der Schwanengasse 9 den Mieterwechsel am meisten zu spüren: Das Kino Rex wird komplett umgebaut, damit dort im Oktober das Kino Kunstmuseum einziehen kann. Weniger offensichtlich als Baulärm und Staub sind die Erschütterungen in der Berner Kinolandschaft, die dieser Umbau mit sich bringt. Die Kitag, die das Rex bis Ende Februar betrieb, verliert damit einen Saal mit rund 200 Plätzen in der Innenstadt. Ist dieser Verlust für die Swisscom-Tochter erheblich, die in der Schweiz über 80 Kinos betreibt? Und wie steht es um die verbleibenden sieben Kitag-Kinos in der Berner Innenstadt?

Bei Kitag nimmt man auf diese und andere Fragen nur schriftlich Stellung – Wilfried Heinzelmann, CEO der Cinetrade-Gruppe, zu der Kitag gehört, schreibt zum einen, dass es durch den Wegfall des Rex nicht zum Abbau von Arbeitsplätzen kommen werde, und zum anderen, dass die Pläne für Bern noch nicht so weit gediehen seien, «dass wir Neues dazu zu berichten hätten oder sonst Auskunft geben könnten».

Vor einem knappen Jahr klang das noch ein wenig anders. Philippe Täschler, Kitag-CEO, sagte dem «Bund» im Mai 2014, dass eine Neupositionierung der Kitag-Kinos in der Innenstadt mittelfristig notwendig würde. «Diese Kinos haben ihre Berechtigung, wenn wir mit ihnen eine andere Kundschaft ansprechen als die Multiplexkinos am Stadtrand: eine, die nicht auf billige Parkplätze angewiesen ist, die Filme in Originalversion sehen will und mehr Komfort erwartet.»

Trend hin zu Multiplexen

Täschler sprach damit die Konkurrenz im Westen Berns an; den grössten Anteil am Berner Kinokuchen haben mittlerweile die 2008 eröffneten Pathé-Kinos im Westside. Klar, dass die Kitag-Kette, die ebenfalls Filme im Mainstream-Bereich anbietet, darauf reagieren muss. Zumal das vergangene Kinojahr ein schlechtes war – für alle Anbieter allerdings. Dennoch: Der von Philippe Täschler angetönte Schritt in Richtung Premium-Segment scheint bei Kitag keineswegs beschlossene Sache.

Es gibt Anzeichen dafür, dass Kitag auf das heute lukrativere Multiplex-Geschäft setzen will. Gemäss einem Bericht der «Schweiz am Sonntag» sucht Kitag in Basel nach einem Standort für ein Multiplex-Kino am Stadtrand. Und in Biel ist ein Kitag-Kino mit fünf Sälen im Mantel der neuen Sportstadien im Bözingenfeld geplant, für das kürzlich ein Baugesuch publiziert wurde. Ausserdem soll sich Kitag in Bern für den Standort PostParc an der Schanzenstrasse interessiert haben – wobei mittlerweile klar ist, dass die Bauherrin, die Postfinance, eine Kinonutzung grundsätzlich ausschliesst.

Schweizweit geht der Trend hin zu Multiplexkinos oder Kinos mit mehreren Leinwänden – weil die Fixkosten pro Saal weniger hoch sind als bei Kinos mit nur einem einzigen oder wenigen Sälen, wie sie Kitag im Zentrum Berns betreibt. Zudem besteht in mehreren Berner Kitag-Kinos erheblicher Investitionsbedarf – durchgesessene Sitze und veraltete WC-Anlagen warten darauf, ersetzt zu werden. Mittelfristig wird Kitag entscheiden müssen: renovieren oder schliessen?

Konkurrenz im Arthouse-Bereich

Renovationen oder Schliessungen von Sälen sind derweil bei Quinnie nicht geplant. Die zweite grössere Kinokette in der Berner Innenstadt zeigt in sieben Sälen Arthouse-Filme und steht damit in direkter Konkurrenz zum Kino Kunstmuseum, das seit Ende 2011 ebenfalls Arthouse-Premieren programmiert. Als im Herbst 2013 publik wurde, dass das Kino Kunstmuseum das Kino Rex auch dank öffentlichen Geldern umbauen würde, sprach der damalige Quinnie-Chef Thomas Koerfer von Marktverzerrung und davon, dass man juristische Schritte prüfen wolle.

Seit Januar hat Quinnie eine neue Besitzerin: die Bieler Apollo-Gruppe, die in Biel, La-Chaux-de-Fonds, Neuenburg und ab Oktober auch in Delémont Kinos betreibt. Apollo-Direktorin Edna Epelbaum will sich zu Thomas Koerfers Kritik an der Subventionierung des Kinos Kunstmuseum nicht im Detail äussern. Es sei mittlerweile viel passiert, und man wolle mit neuen Energien an die Sache herangehen, schliesslich müsse es das Ziel aller sein, möglichst viel Publikum in die Kinos im Zentrum zu locken, so Epelbaum.

Wie das zu bewerkstelligen sein wird – das ist auch für Quinnie die Frage. Dass eine Bar, wie sie das Kino Kunstmuseum plant, der Schlüssel zum Erfolg ist, bezweifelt Epelbaum: «Die Kinobesucher gehen nicht mehr Risiko ein, wenn sie ein Glas Wein bekommen.» Trotzdem versucht auch Quinnie mit verschiedenen Strategien, auf seine Kundschaft zuzugehen – mit speziellen Premierenveranstaltungen, Schülervorstellungen, Opernübertragungen oder Events rund um die Filme.

Aber eben, die Filme: Ist der Markt, gerade im Arthouse-Bereich, denn grundsätzlich genügend gross für Quinnie und das Kino Kunstmuseum? Letzteres muss wegen der höheren Betriebskosten an der Schwanengasse einen markant höheren Umsatz erzielen – auch mit Premieren. Thomas Allenbach, Geschäftsführer des Kinos Kunstmuseum, sagte auf Koerfers Kritik, man nehme niemandem etwas weg; es gebe viele Filme, die in Bern sonst nicht gezeigt würden.

«Wir beobachten den Markt sehr genau», sagt Edna Epelbaum, «und auch wenn er über die letzten hundert Jahre gesehen stabil war, so sehen wir doch Veränderungen: Alles wird schnelllebiger, auch das Kinogeschäft.» Einer der Gründe für diese Schnelllebigkeit – manche Filme fallen schon nach ein oder zwei Wochen wieder aus dem Programm – ist die Digitalisierung. Einerseits werden viel mehr Filme gedreht; teilweise «am Publikum vorbei», wie Epelbaum sagt.

Andererseits werden sie intensiver ausgewertet. «Während von einem Film wie beispielsweise ‹Still Alice› früher vielleicht höchstens zehn Kopien schweizweit im Umlauf waren, startet der Film heute auf 50 Leinwänden gleichzeitig.» In anderen Worten: Der Kuchen dürfte trotz mehr Filmen auch im Arthouse-Bereich insgesamt nicht grösser werden. Edna Epelbaum ist sicher, dass es in diesem Segment in Bern keine weiteren Säle verträgt.

Interessen der Förderer

Insbesondere was den Schweizer und den Berner Film angeht, dürften sich Quinnie und das Kino Kunstmuseum in die Quere kommen. Edna Epelbaum betont, dass Quinnie sich als Plattform fürs einheimische Schaffen verstehe, auch wenn das kommerziell nicht immer interessant sei. Gleichzeitig will auch das Kino Kunstmuseum ein Schaufenster fürs regionale Filmschaffen sein – nicht zuletzt der Kanton als grösster regionaler Filmförderer hat ein Interesse daran, dass die von ihm geförderten Filme ausgewertet werden. Nicht zuletzt darum hat er den Umbau finanziell unterstützt.

Wie der Kuchen im Arthouse-Bereich dereinst aufgeteilt wird und ob das Mainstream-Kino in der Innenstadt eine Zukunft hat, sind jene Fragen, die Berns Kinobetreiber beschäftigen werden – es ist nicht auszuschliessen, dass der Berner Kinolandschaft ein grösserer Umbau bevorsteht als derzeit in der Schwanengasse.

Der Bund

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