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«Es ist eine Wundertüte»

Die Schweizer Plastikausstellung in Biel bestreitet dieses Jahr ein Künstler: Thomas Hirschhorn baut die «Robert Walser Sculpture» auf dem Bahnhofplatz.

So «gepützelt» wird die Realität nicht sein: Computeranimation der Robert-Walser-Skulptur auf dem Bieler Bahnhofplatz.
So «gepützelt» wird die Realität nicht sein: Computeranimation der Robert-Walser-Skulptur auf dem Bieler Bahnhofplatz.
zvg

inmal ist er bisher während seiner Expeditionen durch Biel aus der Haut gefahren und hat seine Kuratorin gründlich kritisiert. Als Kathleen Bühler vom «Bespielen des Raums» sprach, ging Thomas Hirschhorn in die Luft. Was hier in Biel auf dem Bahnhofplatz im nächsten Sommer passiere, sei kein Spiel, das sei Ernst, beschied ihr der 60-jährige Schweizer Künstler von Weltruf, zu dessen ästhetischen Erkennungszeichen Altäre und Kioske im öffentlichen Raum sowie Skulpturen ohne Objekte gehören. «Das war typischer Kuratorenjargon, den ich benutzte», sagt Kathleen Bühler, «und ich musste ihm recht geben, denn die ‹Robert Walser Sculpture› hat tatsächlich nichts, was nicht ernst gemeint wäre.»

Hirschhorn selber spricht von einer «Zurückgewinnung des Raums», etwa durch Randständige wie die Mitglieder des Alki-Treffs auf dem Robert-Walser-Platz auf der anderen Seite des Bahnhofs. Der Alki-Treff Ditsch wird auf dem Bahnhofplatz im Rahmen der Walser-Skulptur die Bar betreiben.

Im Geiste des gebürtigen Bieler Dichters Robert Walser, der für Hirschhorn Held und Aussenseiter zugleich ist, spricht er die «Schwachen als Starke» an. Kunst politisch machen, heisst bei Hirschhorn: sich dezidiert im öffentlichen Raum bewegen und an ein Publikum gelangen, dass eigentlich nichts mit Kunst zu tun hat. Genau das will er in Biel, im Herzen der Stadt, auf dem Bahnhofplatz, den täglich fast 40 000 Menschen überqueren.

Das Kunstpublikum werde sowieso kommen, hat Hirschhorn während einer Veranstaltung in der Stadtbibliothek gesagt. Er aber wolle ein «nicht-exklusives» Publikum anziehen, alle Bielerinnen und Bieler seien angesprochen getreu dem Credo: «Wir sind alle Akteure auf dieser Skulptur.»

Alle werden bezahlt

Im Hauptberuf Kuratorin für Gegenwartskunst am Kunstmuseum Bern, hat Kathleen Bühler vor knapp zwei Jahren vorgeschlagen, dass Thomas Hirschhorn die alle paar Jahre durchgeführte Schweizer Plastikausstellung in Biel allein bestreiten soll. Die Behörden zeigten sich angetan, allen voran Stadtpräsident Erich Fehr. Allerdings hat die Stadt der Walser-Skulptur bislang vor allem verbale Unterstützung gegeben. Ein Gesuch ist hängig, einige wenige Einsprachen sind offenbar eingegangen. Im Januar sah sich Hirschhorn im Bieler Kongresshaus bei einer Veranstaltung Taxifahrern gegenüber, die wegen der Skulptur um ihre Standplätze bangen und finanzielle Einbussen befürchten.

Einen Plan B habe Thomas Hirschhorn nicht, betont Kathleen Bühler. «Er will nicht bequem sein, sondern uns dazu bringen, etwa über die Überregulierung des öffentlichen Raums nachzudenken und gemeinsam Lösungen auszuhandeln.» Die Umgestaltung des Bahnhofplatzes in Biel ist seit Jahren ein Politikum, 2015 scheiterte eine Vorlage an der Urne, die einen autofreien Bahnhofplatz vorsah.

Ein Rückzieher der Stadt Biel scheint aber unwahrscheinlich, der Reputationsschaden wäre beträchtlich. Mitte März wird sich Hirschhorn für die letzte «Fieldwork» vor dem geplanten Beginn des Aufbaus in Biel befinden. Wieder wird eine öffentliche Veranstaltung in der Stadtbibliothek angesetzt sein. «Dann werden wir wohl erfahren, wie die Stadt Biel tatsächlich zur Walser-Skulptur steht», sagt Kathleen Bühler. Sie ist aber zuversichtlich, denn Biel habe Qualitäten, die es für dieses Projekt prädestinierten.

«Die Stadt hat wirtschaftliche Krisen erlebt, sie ist zweisprachig, hat Erfahrung im Umgang mit multikulturellen Herausforderungen und strahlt eine gesellschaftliche Offenheit aus.» Das komme alles zusammen für die Walser-Skulptur. Biel habe viele Erfahrungen damit gemacht, «dass prekäres Dasein heute jeden auf neue Art betrifft». Zu Kathleen Bühlers Aufgaben gehört unter anderem die Produktion eines Katalogs; ihr schwebt eine Art Log-Buch vor mit Interviews und Erlebnisberichten. Die Finanzierung des Projekts obliegt ihr ebenfalls. Das Budget beträgt rund eine Million Franken, die Stadt Biel und der Kanton haben Beiträge gesprochen, diverse Anfragen bei Sponsoren und Stiftungen sind noch hängig. «Wir mussten bei null anfangen, unsere Vorgänger haben 2014 alles restlos aufgebraucht.» Einnahmen durch Eintritte sind nicht vorgesehen: Die Skulptur soll für alle kostenlos zugänglich sein. Zentral ist für das Projekt, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch bezahlt werden. Diese Zielsetzung hat Konsequenzen: «Die Honorare für den Künstler und für mich gehören zu den niedrigen.»

Wo sind die 20 000 Holzpaletten?

Ab Mitte April wird Hirschhorn mit Helfern auf dem Bieler Bahnhofplatz eine Plattform aus 20 000 Holzpaletten aufbauen und auch die Schang-Hutter-Skulptur «Vertschaupet» integrieren. Zwischen dem 15. Juni und dem 9. September wird er getreu seinem Motto «Produktion und Präsenz» täglich zwischen zehn Uhr vormittags und zehn Uhr abends vor Ort sein und immer etwas produzieren.

Die Computersimulation dagegen sieht aufgeräumt und etwas steril aus, mit Zirkuszelten, Podesten, Ateliers und Zuschauertribünen. Wer die «art engagé» von Hirschhorn kennt, weiss indes: Er wird auch in Biel mit «prekären Materialien» arbeiten, mit Klebeband und Karton – und eben mit 20 000 Holzpaletten. «Man hat uns gesagt, dass es wahrscheinlich in der ganzen Schweiz nicht so viele Holzpaletten gibt», sagt Kathleen Bühler lachend. Kürzlich konnten sie ihr Anliegen an der Jahresversammlung der Schweizer Logistikunternehmen präsentieren.

Vor fünf Jahren hatte Hirschhorn bereits etwas Ähnliches gemacht, ein Gemeinschaftszentrum in Kunstform. In einer Sozialbausiedlung in der New Yorker Bronx baute er 2013 mit Anwohnern das «Gramsci-Monument», eine Bretterbude aus billigem Holz und Klebeband, mit Bibliothek, Cafeteria, Theater und einem Museum über den marxistischen italienischen Philosophen, der postulierte: «Alle Menschen sind Intellektuelle.» 77 Tage dauerte damals dieses Projekt, das starke Emotionen auslöste in der lokalen Bevölkerung. In Biel werden es sogar 87 Tage sein. Bereits werden Vergleiche mit der Expo.02 in Biel gezogen. «Die Skulptur hier in Biel hat auch für Hirschhorn eine neue Dimension», sagt Kathleen Bühler, «in New York schlug er in einem Aussenquartier seine Zelte auf, hier wird er es auf dem Bahnhofplatz im Zentrum mit der ganzen Stadt zu tun bekommen.»

Kathleen Bühler ist seit den Anfängen des Projekts vor eineinhalb Jahren dabei, und sie hat Thomas Hirschhorn in Biel auf seiner «Fieldwork» begleitet – auf seinen mittlerweile fünf mehrtägigen Besuchen in der Stadt. «Ich bin begeistert von dem, was er macht, er ist mitreissend», sagt Bühler. Hirschhorns Leidenschaft und «absolute Fokussiertheit» beeindrucken sie immer wieder aufs Neue.

Während langer Tage, als anfangs im Halbstundentakt Gespräche anstanden, wurde ein Netzwerk aufgespannt. «Anfangs veranstalteten wir eine Art Tupperware-Partys und baten Leute, die wir kannten, ihre Freunde mitzubringen», erzählt Bühler. Zuerst traf man sich auf privater Ebene, dann klapperten Hirschhorn und Bühler auch Ämter ab, besuchten die Heilsarmee, sprachen mit Emigrantenverbänden, Gewerkschaftern oder Vertretern der Gassenarbeit.

Als Kuratorin ist sie Mitdenkerin, gibt Feedback und ist Drehscheibe für den Informationsaustausch zwischen dem Künstler und dem restlichen Team, zu dem mittlerweile als Assistent auch der Bieler Fotograf Enrique Muñoz García gehört. Er dokumentiert nicht nur das ganze Projekt fotografisch, er hat ähnlich wie die Bieler Künstlerin Barbara Meyer Cresta auch Kontakte hergestellt zu Bielerinnen und Bielern – von suchtkranken Menschen über die Ex-Domina Lady Xena bis zum Stadtoriginal und Esperanto-Botschafter Parzival und zu Naima Serroukh aus Nidau, die sich im Alltag für ein positives Bild des Islam einsetzt. Diese Menschen würden aber nicht in einem Schaufenster ausgestellt, sondern hätten alle eine Tätigkeit in der Skulptur. «Es geht auch nicht darum, möglichst viele schräge Vögel einzubinden oder eine Freak-Show zu veranstalten», betont Kathleen Bühler.

Wer jetzt an ein Festival denkt, wo alle auftreten können, die für einen Stand bezahlen, liegt falsch. Hirschhorn wacht über die «innere Logik» der Plastik und verlangt von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine tägliche Präsenz während der 87 Tage. Es wird Wanderungen im Geiste des Spaziergängers Walser geben, die ihren Ausgangs- und Endpunkt auf dem Bahnhofplatz haben, eine Gruppe von Eritreerinnen wird die «Cantina» betreiben; es gibt eine täglich erscheinende Zeitung, ein zweisprachiges Theaterstück, einen Lesekreis mit Lehrlingen der Kaufmännischen Schule und der Berner Kantonalbank in Biel (wo Robert Walser die Lehre machte), Esperanto-Kurse, ein «Walserradio» und Lesungen von Walser-Texten. Ein durchgetaktetes Programm ist ebenso wenig vorgesehen wie eine klassische Vernissage am Eröffnungstag (vielmehr veranstaltet der Bieler Off-Space Lokal-Int jeden Tag eine Kunstvernissage).

Alles scheint möglich

«Wir fangen am 15. Juni um 10 Uhr morgens einfach an und werden jeden Tag offenlassen, was passiert, und nur ankündigen, wer vor Ort ist», sagt Bühler. So wird etwa täglich ein Walser-Spezialist präsent sein, der dort Zeit verbringt und selber darüber entscheiden kann, wann er seinen Vortrag beginnen will.

Kathleen Bühler hat sich im kommenden Sommer vom Kunstmuseum für drei Monate beurlauben lassen. Ein Zimmer hat sie in Biel bereits gemietet. Sie will die ganze Erfahrung hautnah vor Ort erleben und wird wie Thomas Hirschhorn täglich während zwölf Stunden auf dem Bahnhofplatz anwesend sein: «Ich will wissen, was diese Art von Skulptur auslöst, was passiert, wenn Langeweile aufkommt, wenn man vielleicht auch mal blöde angemacht wird oder wenn eine Eigendynamik entsteht.» Wir lebten in Zeiten, so Bühler, in denen der Einzelne oft entmutigt werde und schliesslich glaube, man könne gegen die Verhältnisse gar nichts ausrichten. «Das Partizipative ist hier zentral, Begegnungen führen zu bleibenden Erfahrungen.» Ein Anfang wäre vielleicht schon der Entscheid, sein Feierabendbier auf dem Bahnhofplatz zu trinken.

Kennt ein Künstler wie Thomas Hirschhorn auch Zweifel? Gegenüber Kathleen Bühler hat er eingeräumt, er wisse aufgrund seiner Erfahrungen, dass nie alles klappe, aber auch nie alles scheitere. Trotz Rückschlägen sei er überzeugt vom Vorhaben. In einer schwierigen Phase hat er der Kuratorin gesagt: «Ich habe in meinem Herzen Robert Walser versprochen, dass ich es mache.» Alles scheint möglich in Biel. Vielleicht wird sich auf dem Bahnhofplatz eine Utopie entfalten, in der sich eine ganze Stadt wiederfindet. «Es ist eine Wundertüte», sagt Kathleen Bühler.

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