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Er komponierte, um zu überleben

Ein Ensemble um die Berner Flötistin Ana Ioana Oltean hat Kammermusik von Günter Raphael (1903–1960) eingespielt.

Zu entdecken: Komponist Günter Raphael.
Zu entdecken: Komponist Günter Raphael.
Fredrik Pachla

Günter Raphael? Nie gehört. Der deutsche Komponist mit jüdischen Wurzeln, der von 1903 bis 1960 lebte, ist in hiesigen Konzertsälen wenig präsent und deswegen einem breiten Publikum wohl kaum bekannt. Das könnte sich mit diesem Tonträger aber ändern.

Die hervorragende Doppel-CD mit ihrem leuchtend violett-orangen Cover bietet Gelegenheit, das Kammermusikschaffen mit und für Flöte des Herrn Raphael kennen zu lernen. Es sind originelle Miniaturen, beherzt, zart, virtuos gespielt, musikalische Perlen von unterschiedlicher Temperatur und in vielfältige stilistische Gewänder verpackt.

Für den musikalisch überaus farbigen Kontext sorgt ein Apparat aus solistisch besetzten Begleitinstrumenten. Zu Oboe, Klarinette, Fagott, Violine, Bratsche und Cello gesellen sich Harfe, Klavier und Singstimme. Und anders als beim Komponisten kommen einem hier die Namen bekannt vor: Sie gehören Musikerinnen und Musikern aus dem Berner Symphonieorchester (BSO). Im «Triptychon Maria» für Alt, Flöte, Violine, Viola und Cello ist auch der wunderbar satte Mezzosopran des Berner Publikumslieblings Claude Eichenberger zu vernehmen.

Gespür für die kleine Form

Ana Ioana Oltean, die Berner Flötistin mit rumänischen Wurzeln, hat die Spitzenmusiker für das Projekt zusammengeführt. Entstanden ist ein apartes Tondokument mit und für Flöte, das durch Spielfreude und Qualität überzeugt. Die Einzelstimmen sind so geschickt verwoben, dass man glauben könnte, es handle sich hier um ein Kammermusikensemble, das regelmässig zusammen spielt.

Raphael, der auch Sinfonien, Klavier- und Orgelwerke sowie weltliche und geistliche Vokalmusik komponiert hat, zeigt für die kleine Form ein besonderes Gespür. Auffallend ist auch, dass die Stücke aus seiner ersten Lebensphase noch der spätromantischen Tradition verpflichtet sind. Die musikalische Sprache ist kontrapunktisch strukturiert und äusserst expressiv. In einigen Stücken fällt eine dem Jazz verwandte Rhythmik auf.

Innere Emigration

Mit dem Hören der Musik wächst die Neugier auf deren Schöpfer: Wer war dieser Günter Raphael? Geboren wurde er 1903 in Berlin als Sohn eines Kantors und Organisten und einer Geigerin. Bereits als Zehnjähriger begann er zu komponieren. Mit 19 schrieb er sich für ein Kompositionsstudium an der Berliner Musikhochschule ein. An der Kapellmeisterprüfung scheiterte er, weil er die Bedeutung des «bisbigliando», eines Flüster-Effekts bei der Harfe, nicht kannte.

Als Lehrer für Kontrapunkt und Musiktheorie wurde Raphael 1926 ans kirchenmusikalische Institut in Leipzig berufen, wo er noch im gleichen Jahr mit der Uraufführung seiner ersten Sinfonie unter Wilhelm Furtwängler im Leipziger Gewandhaus seinen Durchbruch erlebte. 1939 erhielt er wegen seiner jüdischen Wurzeln ein Berufs- und Aufführungsverbot. Fortan wurden seine Kompositionen boykottiert und nicht mehr verlegt. Das trieb Raphael in die innere Emigration, komponieren wurde für ihn zu einer Überlebensstrategie.

Erst 1949 erhielt er wieder eine Festanstellung als Lehrer. 1956 wurde ihm sogar das Thomaskantorat in Leipzig angeboten, das er aber aus gesundheitlichen Gründen nicht antreten konnte, er verstarb 1960.

Seine kompositorische Hinterlassenschaft ist ansehnlich, sie umfasst über 300 Kompositionen für verschiedene Besetzungen. Und während der Zeit, in der er von den Nazis mit einem Berufsverbot belegt wurde, entwickelte er einen eigenen Stil und erweiterte die Tonalität.

CD: Günter Raphael Vol. 6 – Kammermusik für und mit Flöte.

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