Er fotografierte, ohne zu reden

Mit seinen Bildern wurde Robert Frank weltberühmt. Am Samstag sprach der Amerikaner aus Zürich über seine Kunst.

Was Robert Frank in Zürich erzählte.
Guido Kalberer@tagesanzeiger

Auf die Frage, was eine gute Fotografie ausmache, wusste Robert Frank schnell eine Antwort. «Die Erfahrung lehrt es dich. Du spürst, wenn ein Foto gelungen ist.» Allerdings, fügte der alte Mann hinzu, benötige dies Zeit. Überhaupt brauche ein Fotograf viel Geduld, wenn er es zu etwas bringen wolle. Dann schwieg Frank, blickte in den Vortragssaal des Zürcher Kunsthauses, wo sich am Samstag das Publikum versammelt hatte, und wartete auf die nächste Frage. Diese stellte – und beantwortete auch – Moderator und Fotograf Michael von Graffenried, als er die Bedeutung der Neugier hervorhob. «Well», so Robert Frank, der zwischen Englisch, Deutsch und Züritüütsch wechselte, «curiosity ist selbstverständlich auch wichtig.»

Es war wohl auch die Neugier, die den 1924 in Zürich geborenen Frank bewog, das Land zu verlassen und seine Zukunft in den USA zu suchen. In der Schweiz war es ihm einfach «too small»; er sehnte sich nach dem Grossen und Weiten – und musste feststellen: «I had to work! In den USA musst du besser sein als der vor und der nach dir. Die Konkurrenz ist sehr gross; das musst du verstehen, um zu wissen, woher der Wind weht.» Er sei 1948 in der Neuen Welt angekommen; damals seien Schweizer in den USA sehr gut aufgenommen worden.

Standardwerk der Fotografie

Robert Frank wurde weltbekannt und sein Buch «Die Amerikaner» von 1959 ein Standardwerk der Fotografie. Frank experimentierte auch mit dem Film, drehte etwa mit den Stones, als die Band durchs Land tourte. Keith Richards sei im Film besser weggekommen als er, habe sich Mick Jagger bei ihm nach den Dreharbeiten beschwert. Da der Film ein Auftragswerk gewesen sei, gehöre «Cocksucker Blues» von 1972 der Band; drum sei er auch unter Verschluss.

In der Art und Weise, wie Robert Frank antwortete, gab er charmant zu verstehen, dass die längst vergangenen Geschichten abgeschlossen seien für ihn – Publikum und Moderator wollten es sich aber nicht nehmen lassen, von der Legende der Fotografiegeschichte selbst zu hören, was sich damals abspielte. Und immer wieder überraschte Frank, etwa wenn er sagte, dass er fotografiert habe, ohne mit den Leuten zu sprechen. «Ich wollte, dass die Bilder sprechen.» Weshalb er später denn direkt auf die Dias und Bilder geschrieben habe? «Man muss stets den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren und allein nach vorne zu gehen.» Auf die typisch zürcherisch-psychologierende Frage, ob denn die Verletzung der Bildoberfläche nicht mit Schmerz zu tun habe, kam ein Nein: Schmerz entstehe dann, wenn etwas aus künstlerischer Sicht nicht gelinge.

Frank, mit dem Roswitha-Haftmann-Sonderpreis ausgezeichnet, erinnerte sich gut an seine Kindheit in Zürich, vor allem an die Schlittenfahrten auf der Schulhausstrasse. Selbst einige Lehrer waren ihm präsent. Einen mochte er so sehr, dass Frank «wünschte, er wäre jetzt hier». Dann schaute er in die Runde: «Gibt es noch Fragen? Ich habe Zeit.»

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