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«Emigration ist immer traumatisch»

Zum Auftakt des 12. «Bund»-Essay-Wettbewerbes sprachen der Berner Philosoph Eduard Kaeser sowie die Literaturschaffenden Francesco Micieli und Irena Brežná über Fremdsein.

Weggehen und Ankommen: Moderator Alexander Sury und die Jurymitglieder Francesco Micieli und Irena Brežná.
Weggehen und Ankommen: Moderator Alexander Sury und die Jurymitglieder Francesco Micieli und Irena Brežná.
Franziska Rothenbühler

Nach der Religion und der Liebe, nach der Emanzipation und dem Tod hat sich der «Bund» für seinen 12. Essay-Wettbewerb einen weiteren grossen Brocken vorgeknöpft: «Wir sind ein Einwanderungsland – schmeckt Ihnen das?», so der Titel der Ausschreibung.

Am Dienstag fand im Kulturraum Ono in Bern die Auftaktveranstaltung statt, bei der zwei Mitglieder der Wettbewerbsjury und weitere Gäste vor Ort waren, um Aspekte des Weggehens und Ankommens zu diskutieren. Für die musikalischen Akzente sorgte die syrisch-kurdische Formation Memleket («Heimat»). Als Gastgeber durch den Abend führte «Bund»-Redaktor Alexander Sury, der sich als ersten Gesprächspartner den Berner Physiker und Philosophen Eduard Kaeser auf die Bühne holte.

«Ich und wir»

Theorien in Bezug auf «das Fremde», oder was dieses ausmache, gebe es zuhauf, sagte Kaeser, seines Zeichens 2007 erster Gewinner des «Bund»-Essay-Wettbewerbs. Bereits die alten Griechen hätten all jene, die des Griechischen nicht mächtig gewesen seien, als «Laller» oder «Barbaren» bezeichnet. Das wiederum zeige, wie gemeinschaftsstiftend, aber eben auch ausschliessend eine Sprache sei. Schlüssig erläuterte Kaeser, dass jede Art von Gruppenbildung immer auch einen Ausschluss bedeutet, weil Grenzen gezogen werden.

«Wir waren Feindgebiet, eine Überwucherung, gefährlich.»

Francesco Micieli

Die Einteilung zwischen «ich und wir» sowie den «anderen» sei so alt wie die Menschheit selber und zentrales Element der Identitätsfindung, sagte Kaeser. Problematisch würden diese Mechanismen des Ausschlusses natürlich dann, wenn sie mit einem Gefühl von Überlegenheit gekoppelt würden.

Er persönlich werde ungehalten, wenn ein Gegenüber zuerst in Bezug auf dessen Gruppenzugehörigkeit eingeordnet und beurteilt werde, anstatt dass die Argumente angehört würden, die dieses Gegenüber einbringe. «Mir geht dieses Identitätsgefasel auf den Geist», sagte Kaeser. Und auch wenn die Einteilung und Gruppenzuordnung ein altbekannter Abwehrreflex sei, so sei dieser einer Verständigung in einer multikulturellen Gesellschaft überhaupt nicht dienlich.

Ausserdem plädierte Kaeser dafür, auch mal zivile Renitenz zu zeigen und Politikern mit Humor an den Karren zu fahren, wenn mit Vorurteilen und Gemeinplätzen hantiert würde. Darüber hinaus sei es zentral, dass man sich selber einmal überlege, was einen denn so anders mache als das Gegenüber. «Dann ist das Ich nämlich plötzlich gar nicht mehr so fest umrissen», sagte Kaeser.

Die Sprachwürde bewahren

Die Frage nach Zugehörigkeit und Identität stand auch bei den anderen Gästen des Abends im Zentrum. Die beiden Jurymitglieder und Literaturschaffenden Francesco Micieli und Irena Brežná wussten aus eigener Hand zu berichten, wie sich Fremdsein anfühlt. Francesco Micieli, der 1965 als Neunjähriger aus Kalabrien in die Schweiz zog, las einen kurzen Ausschnitt aus seinem Buch «Schwazzenbach» (2012). Eindrücklich zeigte er, mit welch heftigen Ressentiments Einwanderer damals konfrontiert wurden: «Wir waren Feindgebiet, eine Überwucherung, gefährlich.»

Irena Brežná war als 18-Jährige nach der Niederschlagung des Prager Frühlings aus der Tschechoslowakei mit ihrer Familie nach Basel gezogen. «Emigration ist immer traumatisch», sagte Brežná mit Nachdruck. Und auch wenn die Schweiz als Paradies gelte, so verpflichte sie das doch nicht dazu, glücklich über ihre Entwurzelung zu sein.

«In Nordkorea muss man dankbar sein, aber doch nicht in einer Demokratie!» Bis heute weigert sich Brežná, Mundart zu sprechen. Sie habe sich ganz bewusst fürs Hochdeutsche entschieden, denn Hochdeutsch sei für alle in der Schweiz eine Fremdsprache, weswegen eine Konversation symmetrisch und würdevoller vonstattengehen könne.

Nebst der noch unveröffentlichten Satire «Lernen Sie Schwarzfahren!» las Brežná auch aus ihrem Roman «Die undankbare Fremde» (2012), in dem sie ihre Erfahrungen mit einer befremdend kalten und konservativen Schweiz aufgezeichnet hat. Ausdrucksstark beschreibt die 67-Jährige, wie durch Assimilation das eigene Ich verloren gehen kann und dass nur das gemeinsame Fremdsein Aufnahme und Zuflucht bietet.

Alles zum Wettbewerb unter: www.essay.derbund.ch

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