Einsame Massagesessel

«Wahrheit»-Kolumnistin Xymna Engel hat bim Versuch sich zu entspannen festgestellt, dass sie sich aufregen soll.

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Xymna Engel

Was hat eine Rückenmassage mit einem Zahnarztbesuch zu tun? Für die meisten Menschen so wenig wie möglich. Bei mir ist das anders. Jedenfalls seit meinem letzten Massage­termin. Ich erinnere mich an einen sonnigen Nachmittag, im Empfangszimmer freundliche Buddhafiguren und vielversprechende Entspannungsmusik.

Doch schon in der Garderobe fing es an: Man reichte mir einen Slip aus Papier. Er sah aus wie ein überdimensionaler Teebeutel. Und während ich ihn hin und her wendete, um herauszufinden, wie rum ich ihn anziehen muss, überkam mich eine leichte gedankliche Verkrampfung: Muss der Teebeutel so durchsichtig sein? Warum zum Teufel kann ich nicht einfach meine eigene Unterhose anbehalten? Liegt hier irgendwo auch ein Teebeutel-BH rum? Oder soll ich meinen anlassen? Aber dann würde ich ja total unentspannt rüberkommen. Und soll ich den Masseur eigentlich duzen oder siezen? Schliesslich sind Problem­zonen etwas sehr Persönliches. Da entdeckte ich zum Glück einen Bademantel und einen Pfeil in Richtung Behandlungszimmer.

Ich legte mich also auf die Liege, das warme Öl liess mich langsam entspannen. Doch genau in dem Moment, wo ich begann, mich in Wohlgefühl aufzulösen, sagte der Masseur mit strenger Stimme: «Sie sollten viel Sport machen, Sie haben schlechtes Bindegewebe.» Damit war zwar meine Frage nach der korrekten Anrede beantwortet, aber gleichzeitig tauchte vor meinem geistigen Auge mein Zahnarzt auf. Denn der Satz fühlte sich in etwa so an, als wäre jener gerade mit seinem Wurzelheber in meinen Interdentalraum vor­gedrungen.

Daran musste ich denken, als ich neulich im Berner Bahnhof an den fünf klatschmohnroten Massage­sesseln vorbeilief. Ich weiss nicht, warum die immer noch in Shoppingcentern und Bahnhöfen auf der ganzen Welt aufgestellt werden. Haben Sie schon mal jemanden darin sitzen sehen? Also ich meine nicht Kinder oder Einkaufstaschen. Sondern Menschen, die tatsächlich drei Franken in den Schlitz werfen und es schaffen, sich trotz vorbeieilenden Passanten, Bahnhofsdurchsagen und Werbung für Nikotinkaugummis öffentlich zu entspannen? Ich habe es ausprobiert. Die Massageleistung war für einen Stuhl ziemlich ordentlich. Aber ich habe mich gefühlt wie ein Erwachsener auf einem elektrischen Schaukelpferd für Kinder.

Vielleicht hat das Überleben der Massagestühle ja etwas mit der grassierenden gesamtgesellschaftlichen Entspannungspflicht zu tun. Alles dreht sich um Body und Mind, der Spaziergang im Wald reicht als Entspannungsmethode schon lange nicht mehr aus. Da muss es schon Yoga im Museum, Power-Meditation oder ein Besuch im Ateminstitut sein.

Das ist ja alles schön und gut. Doch was haben wir eigentlich von einer Gesellschaft, die total entspannt ist? Vielleicht wäre es an der Zeit, mal wieder das Gegenteil zu tun – und sich richtig aufzuregen. Und zwar nicht nur über Massagetherapeuten.

Der Bund

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