Eine Stunde mit Freud

Was unser Kolumnist mit Sigmund Freud besprechen würde.

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Peter Schneider@PSPresseschau

Was würden Sie mit Freud besprechen wollen, wenn Sie ihn eine Stunde lang für sich hätten? Z. P.

Lieber Herr P.

Ich würde uns beiden ein paar bessere Zigarren mitbringen, als er sich gewöhnlich geleistet hat, und dann könnten wir ein bisschen zusammen rauchen und Eierlikör schlürfen. (Er so: Vielen Dank für die tollen Zigarren! Und ich so: Da nicht für, Herr Freud, Ihr Eierlikör ist aber auch grosse Klasse.) Aber ich glaube nicht, dass ich etwas mit ihm «zu besprechen» hätte und er wahrscheinlich auch nicht mit mir.

Anfang der Achtzigerjahre war ich mal für eine Woche in seinem Londoner Haus. Seine Tochter Anna Freud lebte noch, und mit Freuds Haushälterin Paula Fichtl habe ich Tee getrunken und in Freuds Bibliothek herumgestöbert. Ich konnte mich in Freuds Arbeitszimmer frei bewegen, in seinen Büchern blättern, seine Anstreichungen und Kommentare lesen. Aber diese Nähe war eher deprimierend, und ich habe eher einen grossen Abstand gespürt als eine anheimelnde Nähe.

«Freud – ganz privat», wie die «Schweizer Illustrierte» das nennen würde, war ein eher entfremdendes, melancholisch stimmendes Erlebnis. Dieser Glaube, im möglichst Privaten läge mehr Wahrheit als im öffentlich Zugänglichen, ist nämlich eine Illusion. Das Porno­modell des Kennenlernens ist falsch: Ich weiss nicht mehr und nichts «Tieferes» von einem Menschen, wenn ich seine ­Genitalien in Grossaufnahme sehe. Als Gynäkologe oder als Urologin lernt man einen Menschen nicht intimer kennen als ein Psychoanalytiker. Und ein Analytiker lernt einen Analysanden nicht deshalb kennen, weil dieser ihm schaurige Geheimnisse anvertraut, sondern weil die beiden über recht lange Zeit – wie soll man das ausdrücken? – miteinander verkehren, und zwar auf eine Weise, wie man es im Alltag nicht tut.

Es ist wahnsinnig unspektakulär, was da geschieht. Und weil es so ist, leiden viele Analytiker unter der Marotte, dieses simple «Setting» zu mystifizieren und zu dramatisieren. Oft hört man die Klage, diese Psychoanalytiker gäben ja nichts von sich selber preis. Dabei erfährt ein Analysand von einem Analytiker viel mehr, als er jemals aus einer noch so ausführlichen Homestory erfahren könnte. Vielleicht nicht, welches Parfüm er benutzt, aber worauf der Analytiker anspringt, wie er die Dinge zusammensetzt und deutet. Kennenlernen ist eben nicht wechselseitige Entblössung, sondern – wie gesagt – Zusammensein, Zuhören und Reden. 50 Minuten – bis zum nächsten Date.

Peter Schneider hat ein neues Kolumnenbuch herausgebracht: Identität und solche Sachen. Zytglogge, Basel 2016. 260 S. ca 32 Fr.

Lesung im Kaufleuten Zürich am Dienstag, 19. Juli, um 20 Uhr.


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