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Eine Stadt unter Beobachtung

Das neue Stück «Shaved Town» der Berner Tanztheatergruppe Pink Mama Theatre ist ein düsterer Überwachungs-Thriller. (ab Do, 12. März)

In «Shaved Town» kreiert das Tanzkollektiv Pink Mama Theatre eine frostige Stimmung.
In «Shaved Town» kreiert das Tanzkollektiv Pink Mama Theatre eine frostige Stimmung.
zvg

Die Einwohnerinnen und Einwohner der provinziellen Kleinstadt Shaved Town leben im Alltagstrott. Ein Ehepaar streitet in der Küche, während die alleinerziehende Mutter mit ihrem Sohn herumalbert. Doch schon bald erschüttert eine erschreckende Erkenntnis deren Leben.

Das neue Stück «Shaved Town» der zeitgenössischen Tanztheatercompagnie Pink Mama Theatre befasst sich mit dem Spannungsverhältnis von persönlichen Geheimnissen und staatlicher Überwachung. Die Leiter der Gruppe, der Choreograf Slawek Bendrat und der Regisseur Dominik Krawiecki, lassen in der Geschichte zwei Familien auftreten: Old McDonald, seine Tochter Laura und deren Sohn Ronnie, sowie das Ehepaar Stella und Stan Kowalski. Alle fünf Figuren haben etwas zu verbergen. Niemand von ihnen ist sich zunächst bewusst, dass es ausserhalb ihrer Lebenswelt einen «Special Agent» gibt, der ihr Verhalten mit wachsamen Augen verfolgt und kommentiert.

«Es ist eine Art Big-Brother-Situation, denn auch das Publikum ist Teil des Überwachungssystems», sagt Krawiecki, der die Rolle des ominösen Agenten spielt. Die Zuschauerinnen und Zuschauer haben permanent freie Sicht auf die offene und karge Bühne, in deren Hintergrund zuweilen eine Videoprojektion erscheint. Obwohl sie im Bildmaterial zum Stück mit einer Wildwest-Ästhetik arbeiten, die an die dystopische Freizeitpark-Serie «Westworld» erinnert, sagt Bendrat: «Wir haben die fiktive Ortschaft Shaved Town bewusst nicht konkretisiert, sie könnte irgendwo auf der Welt liegen.»

Wie klingt Überwachung?

Für die Choreografie hat sich Slawek Bendrat von alltäglichen, universellen Gesten inspirieren lassen: «Die Bewegungen haben oft einen konkret erkennbaren Bezug zum Leben», sagt Bendrat. An einer Stelle bewegen sich die Tanzenden zum Beispiel, als ob sie im Wasser wären. Oder man sieht, wie sich jemand kratzt oder mit dem Finger auf eine andere Figur zeigt. Die choreografierten Sequenzen seien eher lang, was dem gesamten Ablauf eine Art «organischen Flow» verleihen würde.

Die Musik zu «Shaved Town» stammt vom deutschen Tänzer und Komponisten Valentin Oppermann. «Es ist eine düstere Musik, die sich immer wieder selbst dekonstruiert», sagt dieser. Sein Ausgangspunkt war die Frage: «Wie klingt Überwachung?» Er experimentierte mit Synthesizer-Klängen, digitalen Effekten und eigenen Feldaufnahmen, um «unwohlige Gefühle von Nicht-Alleinsein» zu erzeugen. Das Resultat sei eine «surreal-trippige Musik, die das Mysteriöse, Unvorhergesehene und Psychedelische verbindet».

Das Thema Überwachung ist aktuell. «Man kann heute kaum mehr etwas tun, ohne dass unsere Handlungen irgendwo in einer Datenbank registriert werden», sagt Marek Wieczorek. «Sei es im Supermarkt, im Internet oder bei Freizeitaktivitäten – wir hinterlassen überall zurückverfolgbare Spuren.» Durch die Auswertung dieser Daten, so der Schauspieler weiter, hätten Staat und Konzerne wie Google und Facebook machtvolle Instrumente in der Hand, um die Menschen gezielt zu steuern und zu manipulieren.

Verletzliche Charaktere

«Wir möchten das Publikum für Arten und Folgen von Kontrolle sensibilisieren und Reflexionen anstossen», sagt Slawek Bendrat. Als Gedankenexperiment könne man sich zum Beispiel vorstellen, wie es wäre, wenn das eigene Leben für andere jederzeit völlig einsehbar wäre. «Was würden wir noch tun? Was würden wir nicht mehr tun?», so der Choreograf.

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Er und Krawiecki setzen sich mit ihrem 2011 gegründeten Pink Mama Theatre immer wieder kritisch mit sozialen Phänomenen auseinander. Die meisten ihrer Stücke reflektieren auf künstlerisch-philosophische Weise die Auswirkungen von staatlichen oder institutionellen Strukturen auf die Entwicklung des Individuums. Sie zeichnen oft verletzliche Charaktere in einer erbarmungslosen Umgebung, wobei sie die Ästhetik gerne mal ins Schräg-Groteske kippen lassen. Doch in «Shaved Town», ihrem 16. Bühnenwerk, hat die Gruppe auf ihre übliche Komik verzichtet. Der Tanzthriller soll möglichst düster und realistisch wirken.

Tojo-Theater Reitschule, Donnerstag, 12., bis Sonntag, 15. März

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