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Ein vergessener Verschwörer

Samuel Henzi wurde in Bern 1749 geköpft. Er und seine Mitverschwörer hatten sich am Sulgenbach getroffen. Heute ist Henzi vergessen. Martin Bieri will dies ändern.

Autor Martin Bieri am Ort des ehemaligen Henzi-Hauses im Sulgenau.
Autor Martin Bieri am Ort des ehemaligen Henzi-Hauses im Sulgenau.
Adrian Moser

Kennen Sie den Sulgenbach? Nein, er ist kein bekanntes Gewässer. Er entspringt dem nördlichen Ende des Längenbergs bei Kühlewil, fliesst durch das Gummersloch, das Köniztal, durch Köniz, den Mattenhof ins Sulgenbachquartier, von dort ins Marzili, wo er in die Aare mündet. Im Gummersloch verschwindet das Rinnsal erstmals: «Unter dem Gitter öffnet sich ein Schlund, ein schwarzer Abgrund ohne Boden, und über eine Rampe, eine Spirale im Ansatz, fällt der Bach dort hinab, hinunter, lautlos wie ein Abschied.»

Diese Zeilen stammen vom Berner Autor und «Bund»-Kunstkritiker Martin Bieri. In einem schmalen Band mit dem Titel «Henzi Sulgenbach» dokumentiert er eine «beobachtende Begehung des Sulgenbachs», den er abschreitet von der Quelle bis zur Mündung in die Aare. Auf den Buchseiten stehen unten, gleichsam nüchterne wissenschaftliche Objektivität mimend, durchgehend Angaben zur Wasserqualität und zur Artenvielfalt. Bereits in seinem Lyrikerstling «Europa, Tektonik des Kapitals» (2015) hatte Bieri auf einer alternativen Grand Tour durch den Kontinent seine Gedichte in der jeweiligen Geschichte der Orte verankert.

Hier regiert nun die «Titanic»

Kennen Sie Samuel Henzi? Der Schriftsteller und Bibliothekar, Sohn einer verarmten Bernburgerfamilie, war der Kopf einer Gruppe von Handwerkern, Händlern und Mitgliedern nicht regierender Burgerfamilien, welche die absolutistische Vorherrschaft des Patriziats in Bern beenden wollten. Die Verschwörer verband das Gefühl der Benachteiligung gegenüber dem Machtclan der Bernburger, die Ämter und Staatsstellen unter sich aufteilten. Für die damalige Zeit revolutionär waren ihre Forderungen: Amtszeitbeschränkung, eine Gemeindeversammlung als oberstes Organ, eine jährliche Abrechnung der Staatskasse.

Auf dem Stadtgebiet ist der Sulgenbach unsichtbar

Auf dem Stadtgebiet ist der Sulgenbach vollkommen unsichtbar, buchstäblich in den Untergrund verbannt. In Bern trägt ein Quartier seinen Namen. Dort befindet sich auch der Ort, an dem sich im Sommer 1749, 40 Jahre vor der Französischen Revolution, die zum Aufstand Entschlossenen rund um Henzi am Giessereiweg 22 trafen. Heute ist die Staatsmacht unübersehbar präsent: Ein riesiges eidgenössisches Verwaltungsgebäude steht dort, im Volksmund auch «Titanic» genannt. Die Verschwörer wurden verraten, ehe sie überhaupt losschlugen; es kam zu Verhaftungen und Verbannungen, die drei Rädelsführer um Henzi wurden mit dem Schwert hingerichtet. Die Ereignisse rund um die «Henzi-Verschwörung» lösten ein gewaltiges Medienecho in Europa aus, der damals 20-jährige Gotthold Ephraim Lessing schrieb das Theaterstück «Henzi»; das Fragment in Alexandrinern besteht aus sechs Szenen in zwei Aufzügen und zeigt Henzi als uneigennützigen Revolutionär, dem es vor Gewaltanwendung graust.

Der gescheiterte Berner Revolutionär Henzi verschwand rasch aus dem kollektiven Gedächtnis. In «Henzi Sulgenbach» verbindet Bieri diese Ortsbegehung mit dem Aufspüren von historisch Verdrängtem oder Unsichtbarem. Er beginnt mit den «Toten» der Armenanstalt Kühlewil, oft weggeräumtes städtisches Lumpenproletariat; er begegnet später dem «Abfall» der Gegenwart, dringt im Gummersloch in den «Geruchsraum einer Deponie» ein, er hält inne im Ausgang des Margeltäli in Köniz, wo der «Chorberegge» auf die «heymathlosen» Korbflechter verweist, die hier auf dem Weg in die Stadt jeweils rasteten. Der Genius loci, die Geister des Ortes, erzählen dem Flaneur ihre Geschichten und versehen damit die offizielle Geschichte mit neuen Akzenten.

Das Verlorengehen des Sulgenbachs versteht Bieri dabei als Metapher für das Scheitern des Aufstands. Und der Autor wird weiter fündig bei seinen spaziergangswissenschaftlichen Erkundungen, auch wenn man zunächst angesichts seiner ziemlich erbsenzählerischen Ankündigung die Stirn runzelt: Das Henzi-Fragment Lessings bestehe aus 32166 Zeichen, rechnet Bieri vor, Lessings Dramen wiederum umfassten durchschnittlich 109804 Zeichen. «Dem Henzi-Text fehlen also 77638 Zeichen. Diese Lücke füllt der Text auf das Zeichen genau.» Ebenfalls abgedruckt und in den Text integriert ist konsequent das Dramenfragment von Lessing – von daher der chirurgische Untertitel «Ein Lessing-Implantat».

Das «Henzi-Haus» wurde verpflanzt

Berner Geschichten von Elend und Widerstand entlang des Bachs fügt der Psychogeograf Bieri gekonnt ein, etwa die Plünderungen in Bern, die 1512 von bewaffneten Landleuten ausgingen, die sich an der Kirchweih in Köniz versammelt hatten und mehr Mitsprache verlangten.

Auf dem Friedbühl, heute Teil des Inselareals, wurden Henzi und seine beiden Mitverschwörer vor einer riesigen Menge Schaulustiger vom Leben in den Tod befördert. «Auf dem Friedbühl», notiert Bieri, «stehen grosse alte Linden, in deren Schatten ruht sich Personal in weissen Kitteln aus und raucht; weiter unten die Notaufnahme, auf dem Dach landen die Helikopter und bringen die, die Hilfe nötig haben.» Eine besondere architekturhistorische Pointe gibt es zum Schluss: Der «Henzistock» der Verschwörer im Sulgenbach wurde 1977 abgebrochen und als erhaltenswertes «spätgotisches Landhaus» 1981 beim Schloss Wittigkofen wieder aufgebaut – wo es heute noch steht. In diesem kleinen Buch wird genau geschaut und tief gegraben. «Henzi Sulgenbach» ist subversiv im Wortsinn.

Martin Bieri: Henzi Sulgenbach. Ein Lessing-Implantat. Edition taberna kritika, Bern 2020. 110 Seiten, 31.30 Fr.

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