Zum Hauptinhalt springen

Ein Seher und ein Drauflosdenker

Eine Ausstellung im Centre Dürrenmatt widmet sich der Auseinandersetzung des Autors und Malers mit naturwissenschaftlichen Entdeckungen seiner Zeit.

Globaler Blick: Dürrenmatt 1990 in seiner Bibliothek in Neuenburg.
Globaler Blick: Dürrenmatt 1990 in seiner Bibliothek in Neuenburg.
Philipp Keel

Prominente Plätze sind ihnen sicher in dieser Ausstellung, die sich «Phantasie der Wissenschaften» nennt: Der grosse Globus, der in Friedrich Dürrenmatts Bibliothek stand, empfängt den Besucher gleich zu Beginn im Untergeschoss des Centre Dürrenmatt.

Das wuchtige weisse Teleskop ist wenig später ebenfalls nicht zu übersehen. Mit dem Teleskop richtete der 1990 verstorbene Dürrenmatt den Blick in den Kosmos, suchte vom Arbeitszimmer seines Wohnhauses aus den Himmel ab – und entspannte sich zuweilen, indem er das Teleskop auf das Fussballstadion unten am See richtete, wo der FC Xamax seine Heimspiele austrägt.

Als der Autor der «Physiker» 1974 das Cern in Genf besuchte, hinterliess diese Visite einen bleibenden Eindruck. Mit Hilfe grosser Teilchenbeschleuniger wird hier der Aufbau der Materie erforscht.

Der Physiker, der Dürrenmatt auf dem Rundgang begleitet, erklärte, der Sinn dieser Forschungsanstalt bestehe hauptsächlich darin, weiter zu forschen und neugierig zu bleiben. Es sei gigantisch, notierte Dürrenmatt später, was man da in der Nähe von Genf für Anlagen baue, «um festzustellen, was man schon vorher gedacht hat».

Gewalttätiges Universum

In seinen literarischen Texten und in seinen Bildern hat sich Dürrenmatt als einer der wenigen Künstler des 20. Jahrhunderts mit einem derart breiten Spektrum von Themen beschäftigt: mit der Astronomie intensiv – die ihn schon als Kind in Konolfingen faszinierte –, mit der Raumfahrt, der Quantenphysik, den Evolutionstheorien, der Biotechnologie oder der künstlichen Intelligenz.

Reichhaltig dokumentiert, präsentiert die Ausstellung zahlreiche bildnerische Werke, Fotografien, Briefe, Kinderzeichnungen, Schulhefte, Filmausschnitte – etwa aus «Porträt eines Planten» (1984) seiner späteren Frau Charlotte Kerr. Ausgewählte Bücher von Isaac Asimov, Ray Bradbury oder H. G. Wells aus seiner persönlichen Bibliothek zeugen von Dürrenmatts lebenslanger Vorliebe für das Science-Fiction-Genre; er las auch regelmässig populärwissenschaftliche Bücher von Hoimar von Ditfurth und hatte die Zeitschrift «Bild der Wissenschaft» abonniert.

In der Ausstellung wird auch deutlich, von welch eminenter Bedeutung die Forschungen des Astronomen Fritz Zwicky für Dürrenmatts Denken waren. Die von Zwicky entwickelte Theorie der Implosion grosser Himmelskörper stellte das Bild der himmlischen Sphäre als Ort vollkommener Harmonie – und Symbol sittlicher Ordnung – radikal in Frage.

Dürrenmatt hat diese kosmologische Vision eines gewalttätigen Universums gerade in seinem malerischen Werk mit der Gestaltungskraft eines Kassandra-artigen Sehers umgesetzt – etwa im Bild «Turmbau I» (1952). In der Ausstellung ist auch Dürrenmatts berühmte Rede an der ETH Zürich 1979 zu hören. Im seinem Vortrag kritisierte er das deterministische Weltbild Albert Einsteins («Gott würfelt nicht»), der nicht an den Zufall glauben konnte. Für den Atheisten Dürrenmatt war die Evolution dagegen etwas, «was mich wie von selber zu einer neuen Humanität führt».

Die Ausstellung im Centre Dürrenmatt in Neuenburg läuft bis zum 10. September.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch