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Ein Plädoyer für das Wiederentdecken von Sakramenten

Vanja Palmers zweitplatzierter Text gibt auf die Frage des 13. «Bund»-Essay-Wettbewerbs «Der Traum von einer drogenfreien Welt – ein schlechter Trip?» eine eindeutige Antwort.

Vanja Palmers mit Schwein.
Vanja Palmers mit Schwein.
Bruno Schlatter

In der Ausschreibung zu diesem Essay-Wettbewerb steht, dass sich Menschen seit jeher berauschen und das Bedürfnis haben, sich vorübergehend aus der Realität auszuklinken.

Einverstanden – wobei es eigentlich aus dieser Realität heissen sollte, denn sie ist nicht die einzige Wirklichkeit, sondern eine unter unendlich vielen. Das ist eine der Einsichten, welche ich von meinen psychedelischen Reisen und Drogenexkursionen zurückgebracht habe. Zusammen mit der direkten Erfahrung, wie fragil zusammengesetzt diese uns vertraute Welt ist, wie wenig es braucht, sie radikal zu verändern… oder gleich in eine ganz andere einzutreten.

Ein zweiter Punkt wäre, dass nicht nur wir Menschen diesen Hang zum Berauschen, zum Ausloten der Grenzen unseres Bewusstseins haben. Giorgio Samorini schreibt in seinem Buch «Animals and Pdychedelics» von Dutzenden von Tierarten, welche sich auf die eine oder andere Art, ganz bewusst und gezielt, berauschen. Und zwar von den Säugern bis zu den Insekten. Als ich letzten Herbst ein paar Fliegenpilze trocknete und auffällig viele tote Fliegen zwischen und um die filetierten Pilze lagen, erinnerte ich mich an diese Lektüre und bewahrte drei der toten Fliegen auf – scheinbar tot, wie sich nach einigen Stunden herausstellte. Zwei davon, immer noch auf dem Rücken liegend, begannen sich langsam wieder zu bewegen. Zuerst die Füsse, dann allmählich den ganzen Körper. Bis sie sich schliesslich aufrichten und wegfliegen konnten. Das betraf zwei von drei Fliegen, eine hatte offensichtlich eine Überdosis und ist in die ewigen Fliegen-Jagdgründe eingegangen – oder ich habe sie nicht lange genug beobachtet, denn ich brach das Experiment nach etwa 15 Stunden ab.

Die strahlende Gewinnerin: Sarah Grandjean (r.)
Die strahlende Gewinnerin: Sarah Grandjean (r.)
Franziska Rothenbühler
Finalistin und Gewinner Sarah Grandjean liest ihren Esay.
Finalistin und Gewinner Sarah Grandjean liest ihren Esay.
Franziska Rothenbühler
Autor, Musiker und Poet Jürg Halter führte durch den Abend.
Autor, Musiker und Poet Jürg Halter führte durch den Abend.
Franziska Rothenbühler
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Drogen haben mein Leben massgeblich beeinflusst. Positiv, wie mir scheint, und so bin ich ihnen auch durchaus sehr dankbar. Aber weil das Wort «Drogen» so negativ besetzt ist, verwende ich lieber das neutralere Wort «Substanzen», noch lieber verwende ich «Medizin» oder, wie in den Tagen unserer Hippie-Zeit, das Wort «Sakrament». Ein Sakrament vermittelt, laut Duden, göttliche Gnade, ist ein Tor zum Sakralen, zum grossen Geheimnis, zum Mysterium. Rein theoretisch kann alles Sakrament sein, ein Ton, ein Duft, ein Ritual, ein Sonnenuntergang. Es ist allerdings kein Sakrament bekannt, welches auch nur annähernd an die Trefferquote gewisser Moleküle herankommt, welche unter der Flagge «Psychedelika» («die Seele sichtbar machen») oder «Entheogene» («eine Gotteserfahrung bewirken») segeln. Einschlägige Studien an der John Hopkins University bestätigen die Ergebnisse von denjenigen der Uni Zürich: In einem guten Setting löst eine entsprechende Dosis Psilocybin bei zwei Dritteln der Probanden eine tiefe mystische Erfahrung aus. Es scheint fast so, als hätten wir bezüglich Set und Setting in den vergangenen 50 Jahren doch etwas dazugelernt: Von den 30 bis 35 LSD-Reisen, welche ich als junger Mann unternahm, ging dieses Tor nur drei- oder viermal so weit auf, dass ich wirklich vollständig darin aufgehen konnte, was einer Trefferquote von etwa 10 Prozent entspricht. Aber immerhin… auch nur einmal wäre es der Wert gewesen.

Drogen haben mein Leben massgeblich beeinflusst. Positiv, wie mir scheint, und so bin ich ihnen auch durchaus sehr dankbar

Diese tiefen Erlebnisse in meiner Jugend haben mich aus den vertrauten Bahnen geworfen, ich wurde ein Aussteiger, ein farbenfroher Hippie, so wie es Hunderttausenden, vielleicht Millionen junger Menschen in den USA und Europa damals erging. Ich brach mein Studium an der Uni Zürich ab und verliess ein vielversprechendes Start-up. Nach einer kurzen Karriere als Yogi landete ich für zehn Jahre in einem buddhistischen Kloster und lebte während fast dreier Jahrzehnte substanzmässig völlig abstinent, von einem gelegentlichen Kaffee und regelmässigem Grüntee mal abgesehen. Aber ich wusste, dass ich früher oder später nochmals durch diese Lupe, dieses Teleskop der Innenwelt schauen wollte, schauen musste: Zu wichtig und prägend waren diese Einblicke und Einsichten für den Werdegang meines Lebens. Das habe ich vor ein paar Jahren dann auch gemacht. Eine konkrete Frage, welche ich mit auf die Reise nahm, war, ob sich diese Hilfsmittel dazu eignen, in die heute gängigen Methoden der Geistesschulung integriert zu werden. Um sich mit dieser Frage vertieft befassen zu können, haben wir auch eine Studie mit Langzeit-Meditierenden durchgeführt. 40 Teilnehmer mit möglichst viel Erfahrung im Meditieren und keiner (oder möglichst wenig) Erfahrung mit Substanzen bekamen am vierten Tag eines traditionellen Retreats eine relativ hohe Dosis Psilocybin (der aktive Wirkstoff in den sogenannten Narren- oder Zauberpilzen) – oder ein Placebo. Obwohl die Reaktionen recht unterschiedlich ausfielen, haben wir von allen Teilnehmern, ohne Ausnahme, positive Rückmeldungen bekommen. Eine stabile Meditationspraxis scheint eine optimale Vorbereitung zu sein für die zum Teil wilden und tief gehenden Erfahrungen mit Psychedelika, welche den Rahmen unserer gewohnten Wahrnehmung sprengen können. Die Kombination dieser beiden Disziplinen scheint besonders vielversprechend, glücksverheissend.

Eine interessante Entdeckung machte ich durch meine Kontakte mit Wissenschaftlern, welche sich darauf spezialisiert haben, aussergewöhnliche Bewusstseinszustände bildlich darzustellen. Sie versichern mir, dass sich Gehirne im hohen Fieber nicht von Gehirnen in gewissen Stadien einer Psilocybin-Erfahrung unterscheiden lassen. Nicht wenige unserer bekanntesten christlichen Mystiker, wie etwa Franz von Assisi, Ignatius von Loyola und Hildegard von Bingen, hatten ihre Bekehrungserlebnisse, ihre Erleuchtungs- oder Gotteserfahrung im hohen Wundfieber.

Auch andere Extremsituationen wie Fasten, Schlafentzug oder Meditation können ähnliche Bewusstseinszustände und Aktivitäts-Muster im Gehirn auslösen. Das ist sozusagen die wissenschaftliche Untermauerung der Aussagen von Patanjali, des indischen Verfassers des Yogasutra: Die Siddhis (wunderbaren Fähigkeiten bzw. Zustände) sind entweder angeboren, oder sie entstehen durch medizinische Pflanzen, durch heilige Worte, durch Askese oder durch Meditation. Das Wissen um die verschiedenen Technologien des Bewusstseins ist uralt, so alt wie die Menschheit. Weil bis dato kein Fall bekannt ist, bei dem eine spontane, «angeborene» Erleuchtung zufällig gerade in einem MRI oder ähnlichem Messgerät stattfand, wissen wir nicht, wie eine solche im Gehirn ausschaut. Vermutlich ähnlich, fühlt sie sich doch auch ähnlich an. Huston Smith, einer der bekanntesten Religionswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, hat seinen Studenten einmal zwei Beschreibungen einer solchen Erfahrung vorgelegt, eine substanzinduziert, die andere nicht. Auch weil sie einen guten Einblick in die Qualität und Tiefe einer solchen Erfahrung gibt, möchte ich der werten Leserschaft die beiden Proben nicht vorenthalten:

1. Plötzlich fand ich mich in einem weiten, neuen, unbeschreiblich wunderbaren Universum. Obwohl ich diese Zeilen ein Jahr danach schreibe, ist die Begeisterung und die Überraschung, das Staunen, das Überwältigtsein von dem mir Eröffneten, das Aufgehen in einer gefühlten Welle der Dankbarkeit und gesegneter Gnade, so frisch und die Erinnerung daran so lebendig, als wäre es erst vor 5 Minuten gewesen. Und immer noch scheint es fast unmöglich, irgendetwas in Worte zu fassen, das auch nur annähernd ein adäquater Hinweis auf die Grössenordnung, dieses Gefühl absoluter, ultimativer Wirklichkeit wäre. Diese Erfahrung, welche jeden Aspekt meines Wesens durchdrang und nachhaltig beeinflusste, kam plötzlich und mit einer solch überwältigenden Gewissheit, dass ein Zweifeln daran nicht möglich war und ist.

2. Plötzlich, ohne Vorwarnung, fand ich mich inmitten einer flammenfarbenen Wolke. Im ersten Moment dachte ich an Feuer, im nächsten realisierte ich, das Feuer war in mir. Dann überwältigte mich ein Gefühl unendlicher Freude, begleitet oder direkt gefolgt von intellektuellen Einsichten, welche sich unmöglich in Worte fassen lassen. Unter anderem habe ich direkt und unmissverständlich erfahren, dass das Universum nicht aus toter Materie besteht, sondern, ganz im Gegenteil, es sich um ein Bewusstsein, eine lebendige Gegenwart, handelt. Ich spürte in mir selber das ewige Leben, erkannte, dass alle Menschen unsterblich sind, dass die kosmischen Kräfte auf eine Art und Weise zusammenwirken, dass alles, was ist, ohne Ausnahme, sich zum Guten entwickelt; dass der Ursprung und das Ziel alles Seins das ist, was wir Liebe nennen, dass Glück und Zufriedenheit für alles, was existiert ein Fakt, eine absolute Sicherheit ist.

Das weltweite Verbot dieser mächtigen Substanzen, dieses Schlüssels zu einer anderen Welt, war rein politisch motiviert, nicht wissenschaftlich.

Die Frage lautete: Welche Erfahrung war substanzinduziert, welche nicht? Zwei Drittel der Studenten tippten falsch. Drogen sind ein Thema mit vielen Facetten. Ich beschränke mich in diesem Essay auf die Psychedelika bzw. Entheogene. Weil auch sie davon betroffen sind, hier noch ein paar Gedanken zu unserer Drogenpolitik: Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir zwar rational befähigt sind – das Sapiens, mit welchem wir uns gerne schmücken, hauptsächlich im Bemühen, uns von unseren nächsten Verwandten abzugrenzen –, aber häufig irrational handeln. Nach objektiv wissenschaftlichen Kriterien wie Toxizität, Suchtpotenzial, Gewaltbereitschaft, soziales Verhalten, Unfallsrisiko ist Alkohol mit Abstand die gefährlichste Droge. Bei uns ist sie kulturell weitgehend integriert, wird zelebriert (bis hin zur heiligsten Handlung in der Eucharistie) und aggressiv beworben, sogar zu den besten Sendezeiten im Fernsehen. Am anderen Ende dieser Liste, also eigentlich am ungefährlichsten, sind die klassischen Psychedelika: Psilocybin, Mescalin, Ayahuasca, LSD.

Das weltweite Verbot dieser mächtigen Substanzen, dieses Schlüssels zu einer anderen Welt, war rein politisch motiviert, nicht wissenschaftlich. Die Hippie-Bewegung war ein frontaler Angriff auf die kapitalistisch-materialistische Weltsicht und Gangart, und sie wurde inspiriert und angefeuert durch die Visionen und Erkenntnisse der psychedelischen Erfahrung. Wer einmal, in einem mystischen Moment ausserhalb der Zeit, tief in das Geheimnis unserer Existenz eingetaucht ist, die Einheit und Schönheit, aber auch das Leiden dieser Welt wirklich erfahren hat, dem fehlt danach der rechte Glaube an die Versprechen des American Way of Life – dass wir durch mehr und mehr Konsum und Besitz glücklicher werden. In diesem Sinne hatte Richard Nixon, damals Präsident der USA, nicht ganz unrecht, als er Timothy Leary den «gefährlichsten Mann Amerikas» nannte – wenigstens für das Amerika, für das er stand. Es waren ja auch nicht die Immigranten, die Afrikaner, Südamerikaner oder Asiaten, welche sich antörnten, eintuneten und ausdropten, es waren die Collegekids, die Töchter und Söhne der weissen Oberschicht. Das ging so richtig unter die Haut, war ein regelrechter Schock.

Es spricht nicht gerade für die Unabhängigkeit der Wissenschaft und für eine offene, aufgeklärte Gesellschaft, dass es möglich war, diese Substanzen aus machtpolitischen Überlegungen dermassen zu tabuisieren, dass jegliches Forschen mit ihnen für Jahrzehnte schlichtweg unmöglich und unter Strafe verboten war, ungeachtet der weit über 1000 zum Teil sehr vielversprechenden Forschungsarbeiten, welche vor der Prohibition an verschiedenen Universitäten auf der ganzen Welt durchgeführt wurden.

Natürlich haben auch Psychedelika, wie jede Medizin, ihre Nebenwirkungen, Gefahren, Schatten, Kontraindikationen.

Immerhin: Die Renaissance der wissenschaftlichen und medizinischen Forschung mit Psychedelika, welche wir gerade erleben, kann an diesen Pionierarbeiten anknüpfen, wir müssen nicht mehr bei null anfangen. Die Ergebnisse sind denn auch überzeugend genug, dass die Food and Drug Administration FDA, in den USA für die Zulassung von Medikamenten zuständig, sowohl MDMA (im Zusammenhang mit traumatisierten Patienten) als auch Psilocybin (im Zusammenhang mit Depressionen und Burn-out) ein abgekürztes Verfahren im einen Fall bereits zugestanden, im anderen in Aussicht gestellt hat. Es schaut ganz so aus, als ob diese Substanzen in absehbarer Zeit als rezeptpflichtige Medikamente verschrieben und eingesetzt werden können. Das gleiche Land, welches vor 50 Jahren das Verbot dieser Moleküle weltweit durchsetzte, ist jetzt an der Vorfront, sie als potente Medizin zu entdecken und wieder zu legalisieren.

Wo viel Licht, da viel Schatten, wie eine chinesische Weisheit besagt. Natürlich haben auch Psychedelika, wie jede Medizin, ihre Nebenwirkungen, Gefahren, Schatten, Kontraindikationen. Und wie bei jedem anderen Verfahren oder jeder anderen Medizin muss in jedem Falle individuell sorgfältig abgeklärt werden, ob und was in welcher Dosierung und in welchem Setting hilfreich, indiziert ist – oder eben nicht. Dass die Pharmaindustrie wenig Interesse an diesen neuen Medikamenten hat, ist offensichtlich: Substanzen, welche nicht mehr patentiert werden können, in der Herstellung sehr günstig sind und mit zwei oder drei Applikationen eine langfristige Besserung oder sogar Heilung bewirken können. Stichwort: Transformation statt Substitution. Damit lässt sich kein Geld verdienen, dazu eignen sich Medikamente, welche ein Leben lang eingenommen werden müssen, besser. Am allerbesten solche, auf die man ein Patent hat und welche auch ein bisschen was kosten.

Ausblick: Wir leben in einer sich rasant wandelnden Welt. Tempo, Radikalität und Richtung dieses Wandels sind so dramatisch, dass man von einer ernsthaften Bedrohung unserer biologischen Lebensgrundlagen sprechen muss. Dabei sind wir Menschen die treibende Kraft hinter diesen Entwicklungen, wir verhalten uns wie ein Krebsgeschwür, vermehren uns exponentiell auf Kosten aller anderen Mitbewohner dieses Planeten – die von uns, unter grausamen Bedingungen industriell gehaltenen Nutztiere wie Schweine, Rinder und Hühner sind Teil des wuchernden «Erfolgs». Jeden Tag gibt es 200 000 mehr Menschen auf diesem Planeten, das sind jedes Jahr 80 Millionen. Das ist eine Sackgasse, in einer begrenzten Welt ist unbegrenztes Wachstum schlichtweg nicht möglich. Aber die explodierende Überbevölkerung ist, wie Drogen es jetzt ein paar Jahrzehnte lang waren, ein Tabuthema.

Einfache Antworten auf komplexe Fragen ist ein Privileg der Politiker, aber wenn ich mit einem nüchternen Blick auf die ökologischen Probleme unserer Zeit schaue, dann scheint es ziemlich klar, dass nur ein relativ rascher and relativ radikaler Wandel im individuellen und kollektiven Selbstverständnis der Menschheit uns vom beschrittenen selbstmörderischen Pfad noch abbringen könnte. Flankierende Massnahmen wie Gesetze sind sicher nötig, aber dieser radikale Wandel, dieses Erwachen zum Eingebundensein in ein Grösseres, unser existenzielles Staunen angesichts des Geheimnis allen Seins: Dieser mystische Aspekt unserer Existenz muss von innen kommen. Psychedelika, bewusst und respektvoll eingesetzt, haben das Potenzial dazu, sie könnten wichtige Verbündete sein im Wettlauf der Menschheit ums (natürlich immer relativ gesprochene) Überleben als Spezies. Mögen alle Wesen glücklich sein.

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