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Ein Mann erzählt von seiner Trauer

Der Autor im Auto: Der Berner Autor Tom Kummer wird am Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt für seinen Text «Von schlechten Eltern» gelobt – und kritisiert.

Der Berner Autor Tom Kummer.
Der Berner Autor Tom Kummer.
zvg/Christian Werner

«Was gefällt Ihnen an der Schweiz?», fragt der senegalesische Geschäftsmann, der vom Fahrer in Genf abgeholt worden ist und nun durch die nächtliche Schweiz nach Bern gefahren wird. «Die Nacht. Sie beruhigt mich», lautet die Antwort des Mannes, der am Armaturenbrett das Foto seiner beiden Kinder und der verstorbenen Frau befestigt hat. Als letzter der drei Schweizer Teilnehmer am diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt las der 58-jährige Berner Tom Kummer seinen Text mit dem Titel «Von schlechten Eltern». Eine Befürchtung Kummers (vgl. «Der kleine Bund» vom 23. Juni) im Vorfeld erwies sich als unbegründet: Die Jury konzentrierte sich ganz auf den Text und liess sein Vorleben als Erfinder von fingierten Star-Interviews ruhen.

Kummer las das Anfangskapitel seines neuen Romans «Von schlechten Eltern», der im kommenden Frühjahr erscheinen soll. Im Auftrag eines Limousinenservices fährt ein Mann mit seinen Passagieren durch eine geisterhafte Schweiz. Ein einsamer, in Trauer gehüllter «Taxi Driver» ist er, der seine Fahrten, seine Gespräche in einer spröden Sprache protokolliert, hin und her gerissen zwischen Eros (einer attraktiven Frau als Fahrgast) und Thanatos (seiner verstorbenen Frau, die ihn in als Oktopus in die Fluten des Zürichsees ziehen will). Der Fahrer wird von seiner verstorbenen Frau beeinflusst, ja gleichsam heimgesucht. Der Text ist insofern auch eine Art Sequel zu Kummers letztem Roman «Nina & Tom» über den Krebstod seiner langjährigen Partnerin.

Man müsse ein gewisses «Verständnis für Pathos» aufbringen, sagte Juror Stefan Gmünder, um diesen Text zu mögen. Während Klaus Kastberger den «Retro-Look» betonte und von Setting und Sprache an die Werbeästhetik der 90er-Jahre erinnert wurde, kritisierte Insa Wilke an diesem «Road Movie» eine Kontrollsucht der Hauptfigur, die auch auf die manipulative Machart des Textes durchschlage. Dennoch überwogen in der Jury Lob und Anerkennung: Kummers «radikale Sprache» und «starke surreale Szenen» wurden hervorgehoben. Fazit: Der Berner hat intakte Chancen auf einen der vier Preise, die von der Jury am Sonntag vergeben werden.

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