Ein fast normaler Verein

«Top Secret»? So heisst die neue kleine Sonderschau, die das Bernische Historische Museum den Freimaurern widmet. Geheim bleibt hier nichts.

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Klar kann man sich fragen, ob eventuell auch Goethe zu ihnen gehörte. Oder Churchill. Oder Mozart. Oder Voltaire. Oder Friedrich der Grosse. Oder John Wayne. Oder Benjamin Franklin. Oder Axel Springer. Oder auch Theodor Tobler, der Toblerone-Erfinder.

Ja doch – alle gehörten dazu. Und noch viele andere mehr. Aber ebenso gut kann man sich fragen, warum es darauf eigentlich ankommt. Woher diese jähe Spitzung der Ohren, wenn das Stichwort «Freimaurer» fällt? Ist das schon die Wirkung einer Verschwörungstheorie? Oder gibt es ganz einfach Dinge, die auf ewig vom Ruch des Geheimnisses leben?

Vom Raunen zur Realität

Mit solchen Fragen hält sich das Historische Museum in seiner kleinen Sonderschau über die Freimaurer nicht auf. Hier kommt man direkter zur Sache: vom Ruch zur Realität. Also von Dan Browns Thriller-Roman «Illuminati», der gleich am Anfang daliegt, als Andockpunkt für alle Fantastereien, die das Publikum mitbringen mag, bis zum Schluss: den Videointerviews mit drei realen Mitgliedern der realen «Loge zur Hoffnung». Sie hat ihren Sitz an der Brunngasse 30 und ist eine der Berner Freimaurergruppen.

Warum diese Leute Freimaurer sind? Es ist fast ein bisschen banal: weil sie «das gute Gespräch» mögen, «Diskussionen mit Tiefgang», über den «Sinn des Lebens» zum Beispiel. Und weil sie an ihren Versammlungen «den Alltag draussen lassen» können. So sagen es der Unternehmer, der Berater, der Malermeister, und so sagt es auch die Kauffrau, die hier die Frauenloge namens «Plejaden» vertritt (Prominente sind sie alle nicht).

Philosophieren also – in einem Klub mit Lokal, Referaten der Mitglieder und geselligem Essen; in einer Wertegemeinschaft mit wöchentlichen Terminen. Wobei die Werte, die sie vertritt, jene der Aufklärung und des Liberalismus sind, aus denen sich im 18. und 19. Jahrhundert eine ganze gesellschaftliche Bewegung ergab: Vernunft, Toleranz, Brüderlichkeit, Freiheit. Daran hatten damals weder die Kirche ihre Freude noch der absolutistische Staat; vor der Verfolgung schützten sich die Freimaurer – wie viele andere Gesellschaften – durch ihre geheime Organisation. Doch aus revolutionären Idealen sind seither Selbstverständlichkeiten geworden. Und aus geheimen Gesellschaften bestenfalls «diskrete» (dem Ausstellungstitel «Top Secret» zum Trotz).

Manchenorts suchen die Freimaurer Mitglieder heute per Inserat. Und diese Ausstellung geht selber auf einen Anstoss der Loge zur Hoffnung zurück.

Woher sie ihre Schürzen haben

Womöglich wären die Freimaurer ja wirklich nur jener ganz normale Verein, der sie mittlerweile juristisch ohnehin sind, wenn sie ihre Symbole nicht hätten, ihre Versammlungs- und Aufnahmerituale, ihre Rangordnung. «Stuhlmeister» heisst der Chef einer Loge; ihre Schürzen tragen die Freimaurer wegen der Steinmetze des Mittelalters, auf die sie sich berufen; sinnbildlich jedenfalls, wegen der «Arbeit am rauen Stein, das heisst an sich selbst».

Dazu kommt eine Geschichte, in der viel passiert ist, seit sie vor fast genau dreihundert Jahren begann, mit dem Zusammenschluss der ersten Logen in London am 24. Juni 1717. Von dieser Geschichte erzählt die Schau zwischen Dan Brown und den Interviews, und allein die Vergangenheit kann hier eine Antwort auf die Frage liefern, wo die gesellschaftliche Relevanz des ganzen Themas eigentlich liegt: in der Vergangenheit eben.

Die Konflikte mit den Obrigkeiten (Bern verbot die Freimaurer 1745, aber ohne grossen Erfolg), das ambivalente Verhältnis zur Religion (es gibt einen Freimaurerglauben an Gott, aber ohne Kirche), der Beitrag zum modernen Schweizer Bundesstaat (drei der ersten Bundesräte waren Freimaurer, ein vierter bewarb sich vergeblich) oder die Initiative, mit der die hiesigen Faschisten die Freimaurerei verbieten wollten (weil sie der verlängerte Arm des «Weltjudentums» sei) – «Top Secret» ist vor allem eine historische Freimaurerkunde, und zwar eine ebenso material- wie lehrreiche. Selbst wenn die Lehre darin besteht, dass man Geheimnisse schlecht zugleich beschwören und lüften kann.

«Top Secret – Die Freimaurer», bis 3. September (Der Bund)

Erstellt: 15.06.2017, 06:56 Uhr

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