Ein Draht zu den Leuten

Von ihm sah man schon einiges, doch er sah von der Welt noch viel mehr: Das Berner Kornhausforum zeigt das Werk des Fotoreporters Walter Studer. Seine Breite beeindruckt. Seine Nähe berührt.

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Was einem bleibt, vielleicht noch mehr als alles andere, das viele andere – das sind diese Mienen. Die Blicke. Die Blicke der anderen. Also diese Versonnenheit auf den Gesichtern der Zuschauer, auf die etwas abfällt vom Glanz von Grace Kelly bei ihrem Besuch in Bern, der ein Staatsbesuch des monegassischen Fürstenpaars war. Zugleich aber auch die Erscheinung einer Überirdischen aus dem Himmel des Kinos.

Oder, fast um die Ecke, aber in einer ganz anderen Welt, in einem unbekannt gebliebenen Dorf im Kanton: die stumme Bestürzung der Passanten und der Bauersleute, als der Trupp der Spezialisten eintrifft und seine amtlich verfügte Arbeit aufnimmt, um das von der Maul- und Klauenseuche befallene Vieh zur Notschlachtung abzuführen und den gesperrten Hof zu desinfizieren. Man sieht das Vorgehen, man sieht den Vorgang; die Absperrung, die Kuh auf der Rampe des Anhängers, die Sprühgeräte, die Schürzen. Man sieht aber auch, und zwar nicht weniger handfest, wie hier etwas aus einem Alltag herausgerissen wird und ein Loch hinterlässt: Es steht den Leuten ins Gesicht geschrieben. Und Walter Studer hat es fotografiert.

Nicht anders als die Anspannung des pausbäckigen Radioreporters, der auf der Tribüne im Neufeldstadion den «Internationalen Briefträgerwettmarsch» mit Gehern aus zwölf Ländern verfolgt. Und auch nicht anders als den innigen, ja fürsorglichen Blick, mit dem ein Techniker im Forschungszentrum Würenlingen ein Wägelchen aus einer Halle schiebt. Als ob die Kiste mit dem radioaktiven Material etwas Neugeborenes wäre. Und der Weisskittel sein Vater.

Aufdringlich wird es bei ihm nie

Schliesslich, und das vor allem: diese Leute in ihren Baracken. Walter Studer hat sie 1960 besucht, fünfzehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die heimatlos Gewordenen in österreichischen Flüchtlingslagern; sie sitzen auf ihren Pritschen, stehen in den Türrahmen, sonst passiert nichts. Aber auch diesen Leuten hat Studer ins Gesicht gesehen, durch den Sucher seiner Mittelformatkamera. Gefunden hat er den Schrecken des Kriegs, die Verlorenheit, die Leere. Klar sieht man nicht den Krieg selbst in ihren Augen. Aber man sieht, dass er etwas angerichtet hat. Dass diese Augen viel gesehen haben, wenn nicht zu viel. Und das rührt einen an.

Es menschelt also auf diesen Fotos. Das aber stets auf eine unpathetische, unaufdringliche, eigentlich sachliche und genau darum ergreifende Art. Ein einziges Mal allerdings, auf einem Bild, trägt ein Mann einen Matrosenanzug, er hält ein Kind auf dem Arm, steht vor dem grossen Fenster eines Hafengebäudes, und er blickt hinaus in eine unbestimmte Ferne. Italien also, frühe Fünfzigerjahre, die Geschichte einer Auswanderung, aber hier: Ferne, Zukunft, Hoffnung, Aufbruch, Hafen, Meer und dazu noch diese Matrosenkleidung – eine Gefühlsformel, eine visuelle Masche, die dermassen klischiert ist, so routiniert und in ihrem Ergebnis erwartbar, dass das Bild bloss ein Sinnbild abgibt und kaum noch etwas Konkretes zu erzählen hat. Aber sonst! Diese Anschaulichkeit. Diese Genauigkeit. Und diese Nähe. «Er hatte eine enorme Fähigkeit, mit den Leuten auszukommen», sagt Studers Sohn Peter (siehe Interview).

Tatsächlich war sein Vater ein Dokumentarfotograf, ein Bildjournalist, der seine Gewandtheit eben nicht mit grossen visuellen Gesten bewies und auch nicht mit einem forcierten Willen zum Stil. Sondern mit einem Draht zu den Leuten – zu allen möglichen, unheimlich vielen Leuten –, über den man zunehmend staunt im grossen Bilderreigen, den das Berner Kornhausforum jetzt zeigt.

«Walter Studer, Fotograf, 1918–1986» heisst die Ausstellung im Jahr, in dem der Fotograf hundert geworden wäre und das Kornhausforum zwanzig wird. Es ist denn auch die erste Schau, die nicht nur den Stadtsaal umfasst, sondern auch die Galerie eine Etage höher. Und Walter Studer – das ist, so sagt es Bernhard Giger, Leiter des Hauses, «einer der grossen Berner Fotografen des 20. Jahrhunderts». Giger hat sich auf Studers Schaffen als Pressefotograf zwischen den Vierziger- und den Sechzigerjahren konzentriert. Teils zeigt er ganze Reportagen, teils Einzelaufnahmen, gruppiert zu Themen wie der Männergesellschaft in Politik und Armee oder den Sensationen des Fortschritts in der Nachkriegsschweiz. Macht total mehr als zweihundert Bilder.

Ein Unbekannter ist dieser Studer ja nicht. Auf jeden Fall nicht in und um Bern. Einzelne Reportagen aus seinem Nachlass hat man in den letzten Jahren wieder gesehen; in der Presse, Büchern und Ausstellungen. Die Bilder etwa von Grace Kelly oder Liz Taylor in Bern, vom Cupfinal 1956 im Wankdorf, von den Neubauquartieren im Norden der Stadt, von General Guisans Begräbnis. Und das ist auch das Verdienst von Peter Studer, der das Archiv seines 1986 verstorbenen Vaters betreut.

Nun hat er es dem Ausstellungsmacher geöffnet, die Auswahl ihm überlassen, und Gigers Retrospektive im Kornhausforum zeigt dieses Werk nun in einer eindrücklichen Breite, die man bisher nicht kannte. Zu entdecken etwa: die Reportagen, die Studer von seinen Reisen zurückbrachte, die er 1947/48 für die Agentur Photopress durch Deutschland und Polen unternahm, durch Europas Trümmerlandschaften. Die melancholischen Impressionen der überschwemmten Po-Ebene in den frühen Fünfzigerjahren. Oder auch der Briefträgerwettmarsch.

Ein grandioser Erzähler

Die Breite macht, in der gegebenen Auswahl, aber auch die Qualitäten deutlich, die sich durch Walter Studers ganzes Werk ziehen. Die eine ist seine Nähe zu den Menschen. Die andere: seine Erzählkunst. Wenn es ein typisches Walter-Studer-Bild gibt, dann ist es szenisch. Auch in Einzelaufnahmen, die eigentlich zu ganzen Reportagen gehören, steckt immer wieder eine ganze Geschichte. Die Methode: Studer vermittelt einem «mit einem Bild gleichzeitig Totale und Nahaufnahme, Übersicht und Handlung», so Giger. Und darin habe er «eine Meisterschaft entwickelt, die ziemlich einmalig ist».

Stilistisch folgt Walter Studer freilich jener Linie, die der moderne Bildjournalismus in der Schweiz schon entworfen hat, als er erfunden wurde. Und das war in den Dreissigerjahren. So steht er nun, in der Nachkriegsära, fast schon klassisch da; im besseren wie minderen Sinn des Worts. Derweil erproben viele Fotografen neue Ästhetiken; lieber als das «Leben» der andern, von dem in der Vorkriegsfotografie so viel die Rede war, bringen sie zum Beispiel ihr eigenes Erleben ins Bild. Und empfehlen sich so den Fotohistorikern. Aber wenn man heute vor Studers Bildern steht, kommt es darauf nicht mehr an: Seine Bildsprache hat ihr Vermögen bewahrt, dem Betrachter etwas zu sagen. Was man von den avanciertesten Experimenten von damals nicht immer sagen kann. Die sehen oft älter aus.

Abgesehen davon: Walter Studer hat nie für die Wände fotografiert. Und auch kaum fürs Büchergestell. Sondern fürs Zeitungs- und Zeitschriftenpapier. Auch wenn sie das nicht immer taten: Seine Bilder mussten rentieren. Er hatte eine Familie und ab 1948 ein eigenes Geschäft, das er bis 1981 führte, einen Fotoladen mit Labor und Atelier im Breitenrain. Der Fotojournalismus war keine einfache Branche, schon damals nicht; mit der Zeit wurden die Aufträge von Institutionen und Firmen für Studer immer wichtiger. Das macht seine ganze Kunst, die er selber nie so genannt haben wollte, freilich nicht kleiner. Sondern grösser.

Bis 5. August. Führungen mit Bernhard Giger und Peter Studer: heute (16 Uhr), 21. Juni (19 Uhr), 4. August (16 Uhr). Begleitheft in der Schriftenreihe des Kornhausforum. (Der Bund)

Erstellt: 16.06.2018, 08:36 Uhr

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Walter Studer


1918 geboren in Adelboden, Fotografenlehre in Spiez, ab 1941 Agenturfotograf, ab 1948 selbstständig. 1986 gestorben in Bern.

«Manchmal hat es mich genervt, wie viel Geduld er hatte»

Was bedeutet der Charakter eines Fotografen für die Art, wie er fotografiert? Peter Studer, Walter Studers Sohn und Mitarbeiter, über seinen Vater.

Walter Studers Bilder lassen einen staunend zurück: Er scheint die Fähigkeit gehabt zu haben, mit allen möglichen Leuten auszukommen. Woher kam diese Gabe?
Eine schwierige Frage. Ich habe meinen Vater ja gar nie anders erlebt. Aber ich weiss, dass er mit allen Menschen respektvoll umging, egal, ob er sie fotografierte oder auch nicht. Er war sehr tolerant, er wollte die Leute zeigen, wie sie sind. Und er konnte das auch, fast ohne jede Inszenierung. Er nahm sich zurück.

Allgemeiner gesprochen also: Wer tolerant ist, kann die Leute so fotografieren, wie sie sind? Und wer sich zurücknimmt, muss dabei nichts inszenieren?
Bei ihm war es so.


Peter Studer: Fotograf in Bern. Geboren 1947, Kompagnon seines Vaters. Er führt heute das Archiv Walter Studers.

Dann hat die Persönlichkeit mit der Art des Fotografierens zu tun?
Bestimmt. Der Dichter Fernando Pessoa soll gesagt haben: Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern was
wir sind.

Und was heisst das für die Arbeit mit der Kamera?
Als Fotograf will man etwas von den Leuten und nicht umgekehrt. Und da kommt man mit Toleranz weiter, bei einem Bundesrat genauso wie beim Bauern im Stall. Erst später wurde mir klar, was für eine Fähigkeit das ist, menschlich, aber eben auch fotografisch: die anderen respektieren und sich selbst dabei nicht so wichtig nehmen. Krawatten zum Beispiel mochte mein Vater überhaupt nicht. Aber wenn er im Bundeshaus fotografierte, trug er sie ganz selbstverständlich.

Wie aber fand Walter Studer konkret seinen Draht zu den Leuten? Sie haben ja mit ihm fotografiert und gemeinsam Aufträge erledigt.
Ja, allerdings erst ab 1970, als die PR-Arbeiten wichtiger wurden neben jenen für die Presse. Doch er hat es kaum anders gemacht als zuvor: Er hat das Gespräch gesucht. Die Leute haben ihm ihr Vertrauen geschenkt, und sie haben ihm viel Persönliches erzählt, lustige und auch traurige Dinge. Erst danach ging es um die Bilder. Wir beide standen uns nahe, und wir haben sehr gut zusammengearbeitet. Aber manchmal hat es mich genervt, wie viel Geduld er hatte. Mir ging oft alles viel zu langsam.

Man stellt sich Ihren Vater ausgesprochen redselig vor.
Das war er nicht, nein. Er war gut im Zuhören, aber geredet hat er nicht gern. Eigentlich tat er es nur, wenn er musste. Und am wenigsten sprach er von sich selbst. Er erklärte seine Arbeit nur widerwillig. Lieber kümmerte er sich um den nächsten Auftrag.

Was für ein Verhältnis hatte er zu seinen Berufskollegen?
Es gab in den Fünfzigerjahren einen regen Austausch unter den Fotografen in Bern. Zusammen mit Fernand Rausser, Hans Keusen und Kurt Blum bildete mein Vater für kurze Zeit ausserdem die «Groupe carré», in der man gemeinsam publizierte und an Ausstellungen teilnahm. Und dann gab es auch noch das Fotografenschutten in Oberbottigen in den Sechzigerjahren, eine Art Weiterbildung auf einer ganz anderen Ebene.

Ist es ungerecht, dass Walter Studer heute nicht in der ersten Reihe der Fotogeschichte steht?
Von wegen. Das hätte ihn nicht interessiert. Er war mit Herz und Seele Fotograf, und wenn er beim Nachbarskind das Meerschweinchen fotografierte und ihm damit eine Freude machte, war auch das für ihn Anerkennung. Er hat seine Arbeit immer als Gebrauchsfotografie verstanden und nicht etwa als Kunst. Der Markt brauchte Bilderfutter.

Sie waren an der Ausstellung im Kornhausforum beteiligt. Haben Sie im Archiv Ihres Vaters Neues entdeckt?
Sicher. Mein Vater hat sehr sorgfältig fotografiert, aber gerade in den Fünfzigerjahren hatte er zu viel zu tun, um seine Aufnahmen mit der gleichen Sorgfalt zu archivieren. Es gibt aus jener Zeit Unmengen Negative, die bloss nach Jahren und nicht nach Themen sortiert sind. Zudem kamen im Haus meiner Eltern noch Schachteln mit Abzügen zum Vorschein, die seither kaum jemand mehr geöffnet hat.

Was war drin?
Bernhard Giger vom Kornhausforum hat sich über ein Jahr hinweg die Mühe gemacht, in jedes Couvert und jede Schachtel zu sehen. So kamen Bilder zum Vorschein, die ich nicht kannte. 1948 etwa war mein Vater in Polen. Die Überlebenden in den Ruinen, das zerstörte Ghetto von Warschau – das hat mich berührt. Man merkt in solchen Momenten, welche Möglichkeiten die Fotografie hat. Sie kann Dinge so unmittelbar zeigen, dass sie etwas auslösen. Auch nach langer Zeit noch.
Sie verwalten den Nachlass Ihres Vaters, Sie hüten ein Erbe.

Für die Ausstellung gaben Sie es ein Stück weit aus der Hand.
Das war aber kein Müssen. Bernhard Giger hat die Auswahl der Bilder gemacht. Und ich die schöne Erfahrung, dass jemand anderes seinen Blick auf all diese Bilder wirft und ihnen etwas Eigenes abgewinnt, das für mich aber ebenfalls stimmt. Das macht es einfacher, mich von diesem Erbe, das ja auch ein Riesenrucksack ist, etwas zu lösen. Das müssen wir eines Tages sowieso.

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