Ein Blick zurück in die Zukunft

«Junge Denkmäler»: Das Uni-Institutsgebäude im Berner Muesmattquartier war 1932 ein Wurf.

Luftaufnahme 1932 von Südwesten auf die eben fertiggestellten Institutsbauten von Salvisberg und Brechbühl in der hinteren Länggasse.

Luftaufnahme 1932 von Südwesten auf die eben fertiggestellten Institutsbauten von Salvisberg und Brechbühl in der hinteren Länggasse.

(Bild: Universität Bern/zvg)

Am letzten Donnerstag installierte der Bund Schweizer Architekten (BSA) zu Füssen des Oppenheim-Brunnens die Ausstellung «Junge Denkmäler – Architektur des Aufbruchs». Sie ist ein Beitrag des BSA zum Europäischen Kulturerbejahr 2018. Anhand von Plakaten mit je zwei Fotos und einem kurzen erläuternden Text zeigt sie beispielhafte Bauten der anbrechenden Moderne aus allen Landesteilen der Schweiz – vorwiegend Bauten der öffentlichen Hand, aber auch solche von Privaten. Ziel ist es, darauf aufmerksam zu machen, dass wichtige Bauten der Moderne ebenfalls Baudenkmäler sind, nicht bloss Bauten der weiter zurückliegenden Vergangenheit, des Historismus und der vorrevolutionären Zeiten.

Diese «Jungen Denkmäler» werden von der Öffentlichkeit viel zu wenig wahrgenommen, obwohl sie weit mehr als die traditionellen alten Bauten über unsere heutige Zeit berichten. Sie künden von einer Schweiz des Aufbruchs, von einer Zeit, als die Schweiz entstand, in der wir heute leben. Es ist die Zeit, in der sich die Architektur grundlegend wandelte und mit neuen Formen sowie neuen Materialien auf neue Ansprüche und neue Nutzungen reagiert wurde. Diese Aufbruchszeit, getragen von Optimismus und Erwartungen, mündete in eine Phase des überbordenden Baubooms. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden 60 Prozent der heutigen Bausubstanz hingeklotzt.

Eine überzeugende Form

Für die dabei begangenen Fehler und für die mangelnde Qualität können die «Jungen Denkmäler» nicht verantwortlich gemacht werden. Daher will die Ausstellung vor allem Augen öffnen. Besonders eindrucksvoll ist der Beleg, dass auch Autobahnen mit Brücken und Tunnelportalen zu Wahrzeichen werden können. Der Architekt Rino Tami machte aus der A 2 im Tessin ein Baudenkmal, dessen spätere Anpassungen die Architekten Galfetti und Ruchat-Roncati mitgestalteten.

Erstaunlicherweise ist das älteste Bauwerk, das vorgestellt wird, ein bernisches: Es ist das Institutsgebäude der Uni im Muesmattquartier der Länggasse, erbaut 1929 bis 1931 durch die Architekten Otto Rudolf Salvisberg und Otto Brechbühl. Mit Bravour meisterten die Architekten die Schwierigkeiten, welche die Nutzungsvorgaben und das durch eine tiefe Mulde geprägte Gelände boten. Sie lösten sich definitiv von der Bildungs-Neurenaissance der älteren Institute am Bühlplatz und gaben dem zusammengefassten und damit trotz 180 Meter Länge bescheiden auftretenden Sichtbeton-Bauwerk eine überzeugende moderne Form.

Der Bau war schweizweit das architektonische Ereignis jener Jahre. Wie stark der Institutsbau als Vorbild gewirkt hat, belegt die Ausstellung selbst: Das 1939 bis 1945 erbaute Kantonsspital Basel übernimmt neben anderen Kennzeichen das Motiv der aufgesattelten, vorkragenden Hörsäle in der Zugangsfassade. Das grosse Bauwerk ist ab 2000 durch die Architekten Sylvia Gmür und Livio Vacchini mit grossem Respekt erweitert und heutigen Bedürfnissen angepasst worden, ohne dass der Bau und seine Wirkung in der parkartigen Gesamtanlage darunter gelitten hätten.

Das Quartier würde leiden

Eine solche respektvolle Behandlung ist auch dem Institutsbau in der Länggasse nachdrücklich zu wünschen. Bis 2030 will die Universität Bern bekanntlich beim Bühlplatz eine riesige Überbauung realisieren. Für dieses Projekt im Rahmen der Strategie «3012», von dem bisweilen erst Modellstudien existieren, wird demnächst ein Wettbewerb eröffnet. Die Nutzungsansprüche an das Areal werden die Volumen der Neubauten so aufblähen, dass sowohl der Institutsbau im Muesmattquartier wie alle anderen wertvollen Bauten massiv beeinträchtigt würden. Darüber hinaus würde auch das Quartier als Ganzes leiden. Das kann niemand wollen.

Die Ausstellung auf dem Waisenhaus dauert bis zum 18. Juli. Jürg Schweizer ist Kunsthistoriker und lebt in Bern. 1990 bis 2009 war er Denkmalpfleger des Kantons Bern. Er ist Mitglied des «Baustelle»-Kolumnistenteams.

Der Bund

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