Dumpfbacken im Kinderzimmer

«Häschen in der Grube» war gestern: «Wahrheit»-Kolumnistin Regula Fuchs über das, was beim Nachwuchs aus den Lautsprechern dröhnt.

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Regula Fuchs

Irgendwann war das Lieblingslied des Kindes nicht mehr «Häschen in der Grube». Unlängst kam es aus einem Pfadilager zurück und spielte seinen Eltern einen Heuler ab, den es daselbst kennen gelernt hatte und in welchem der Sänger folgende Frage formulierte: «Wie heisst die Mutter von Niki Lauda?»

Begleitet wurden diese Worte von Krawallschlagersound, und bald wurde klar, dass es im Text nicht primär darum ging, den Vor­namen der Rennfahrer-Mama zu eruieren. Da hiess es: «Heute Abend gehen wir wieder in die Disco / Wochenende voll normal / Wenn keine Kohle, ab ins Dispo / Doch das ist uns scheissegal / Denn wenn der DJ wieder gar nicht geht / Oh oh eho / Und wieder mal die Mukke leise dreht / Oh oh eho / Dann hab ich für ihn eine Frage parat / Oh oh eho / Und hoff, dass er sie auch beantworten mag.»

«Ich fahr im Bentley, du bist so sexy /Und wenn du willst, dann fahren wir Jetski.»

Sodann ging es direkt auf den im Bierzeltchor gegrölten Refrain zu: «Wie heisst die Mutter von Niki Lauda? Mama Laudaaa, Mama Laudaaa!» Und natürlich wurde bei jedem Mal die Lautstärke fröhlich weiter aufgedreht. Almklausi und Specktakel nennen sich die Urheber dieses Ballermann-Hits, und ihr beschwipstes Wortspielchen scheint gar nicht einmal so un­charmant. Jedenfalls, wenn man es mit dem vergleicht, was neulich beim Kind aus den Lautsprechern kam.

In Deutschland gibt es ja die «Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien». Auf Antrag werden dort Songs, Filme oder Computerspiele daraufhin untersucht, ob sie Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung gefährden. Gemeint sind «unsittliche, verrohend wirkende, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende Medien». Allenfalls werden diese dann indiziert – und der Verkauf an Kinder und Jugendliche wird eingeschränkt.

Mit Ballermann-Krachern dürfte sich die Prüfstelle in den letzten Jahren nicht gross aufgehalten haben, aber die deutschen Rapper machten offensichtlich Arbeit. Sogar eine kleine Publikation zu «Hip-Hop-Musik in der Spruchpraxis der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien» ist erschienen. Darin erstaunt nicht nur, dass einst ein Lied der Fantastischen Vier auf dem Index stand, sondern auch, was die Bundesprüfstelle jenen Eltern antwortet, die sich fragen, ob sie ihren Kindern Hip-Hop verbieten sollen: «Musik hat für Jugendliche eine wichtige Funktion des Moodmanaging, der Unterstützung der eigenen Gefühle durch Musik.»

An das Moodmanaging der Erwachsenen denkt aber offenbar wieder niemand. Auf jeden Fall weckte der Song «Señorita», den das Kind sich kürzlich anhörte, bei den Erzeugern den Wunsch nach umgehendem Hör­verlust. «Señorita, sei meine Adriana Lima / Du machst süchtig, so wie Fifa», sang da Pietro Lombardi. «Ich buch uns mit der Visa / Direkt so einen Flug nach Costa Rica / Ich fahr im Bentley, du bist so sexy / Und wenn du willst, dann fahren wir Jetski / Ich check deine Instastory und like jedes Bild von dir.» Und Kay One rappte dazu: «Hunderttausend Likes auf deinen Fotos / So sexy, deine Haut riecht nach Kokos / Und wenn ich dich seh, bin ich im Aufreisser­modus.»

Dumpfbackentum dürfte für die Bundes­prüfstelle kein Indizierungsgrund sein. Womöglich ist das aber ganz gut so. Schliesslich ist «Häschen in der Grube» auch kein Glanzstück deutscher Dichtkunst. «Häschen hüpf, Häschen hüpf, Häschen hüpf!» – damit könnten Almklausi und Specktakel vielleicht noch etwas anstellen.

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