Duftbouquet gegen den Winterblues

Die Berner Autorin Yvonn Scherrer leitet ihre Leser mit ihrer kraftvollen Mundart durch die kalte Jahreszeit.

Yvonn Scherrer schreibt auch über die Angst vor rücksichtslosen Autofahrern, wenn sie mit ihrem Blindenhund unterwegs ist.

Yvonn Scherrer schreibt auch über die Angst vor rücksichtslosen Autofahrern, wenn sie mit ihrem Blindenhund unterwegs ist.

(Bild: Urs Baumann)

Der November, er ganz besonders, steht in denkbar schlechtem Ruf. Grau, trüb, nass: Dies sind seine garstigen Attribute. Wer aber dem jahreszeitlichen Einerlei nicht auf die Malediven entfliehen kann, sondern wie Millionen andere in das Geflecht des Alltags eingespannt ist, greife zu einem Reiseführer, den die blinde Autorin Yvonn Scherrer nun vorlegt.

«Wintergrüen» leitet alle, die Trübsal blasen, impulsreich durch die kurzen Tage und langen Nächte. In einem Journal, das sich vom 2. Oktober bis zum 5. März erstreckt und verschiedene Regionen und Orte einbezieht, lässt uns die Autorin an ihren Gedanken und Empfindungen teilhaben. Es sind kurze Notate, geschrieben in einer sinnlichen, kraftvollen Berner Mundart, deren Reichtum allein schon bis in die Knochen wärmt. Welch kerniges Wort ist – um nur ein Beispiel zu nennen – das Verb «praschauere» für hochdeutsch «prahlen»! Und die Hagenbuche steht «hemmigslos blutt» da, nachdem sie ihr Laub «uf ei Chlapf het la gheie».

Ja, sie ist in erster Linie eine Sprachkünstlerin, die in Münsingen geborene und heute in Zürich lebende Yvonn Scherrer, welche mit sieben Monaten infolge eines Netzhautkrebses erblindet ist. Doch hat sie sich später durch diese Ausgangslage nicht beirren lassen, sondern Theologie und Journalistik studiert und sich als Aromatherapeutin ausbilden lassen. Seit Jahren arbeitet sie als Radio-Redaktorin bei SRF 1 und veröffentlicht ab 2012 auch Bücher.

Fehlenden Sinn ersetzen

Wie schon in ihrem Erstling «Nasbüechli. Eine Duftreise» spielen Düfte in ihrem neuen Buch eine zentrale Rolle, als ob der Geruchssinn den fehlenden Gesichtssinn ersetzen wollte. Die Sehenden werden daran erinnert, welches Universum sich im Reich der Düfte und Aromen eröffnet und – notabene! – welche Welt der Tastsinn erschliesst.

«Wintergrüen», der Titel, weist auf das gleichnamige Erikagewächs hin, das in Minimaldosen wirkungsvoll bei verschiedenen Beschwerden eingesetzt wird. Es steht stellvertretend für alle Duftnoten, welche die Autorin für die Leserschaft eingesammelt hat, sei es in den bulgarischen Rhodopen, in Zürich, im Glarner- oder Sarganserland. Sie sollen die «Duftlöcher» des Winters füllen, nachdem die Kälte die Düfte aufgefressen hat. Unschwer lässt sich dieser Zustand auf die Seele übertragen, die nach jenem Frühling lechzt, welcher noch in weiter Ferne lockt. Auch ein Spaziergang im Wald mit seinem «Grüngeheimnis» hilft fast immer. In der Einsamkeit der bulgarischen Rhodopen hat Yvonn Scherrer zudem die «Tannewaudstiui» (Tannenwaldstille) gekostet und ist danach süchtig geworden.

Es ist aber nicht so, dass die Autorin einzig auf einer wohltemperierten Seelenklaviatur spielen würde. Häufig meldet sich bei ihr der Überdruss darüber, dass der Winter allzu lange verweilt, oder es regt sich in ihr ein erfrischender Zorn. Auch die Angst verschweigt sie nicht, wenn sie mit ihrem Blindenhund Aslan auf der Strasse unterwegs ist und Autofahrer es an Rücksicht fehlen lassen. Bisweilen spürt sie, dass sie sich im undurchsichtigen Dschungel ihres Lebens zu verlaufen droht. Solch dunklere Töne stellen Verbindungen zu den Lesern her, die ähnliche Empfindungen hegen mögen. Daher folgt man Yvonn Scherrer auf ihren Wegen gern, auch wenn sie es hie und da mit Duftvergleichen weit treibt. Es mag die Zahnmediziner belustigen, wenn es im Gonzenbergwerk «wi früsch usgschrissni Wysheitszäng» schmöckt.

Einmal denkt Yvonn Scherrer über eine Liebe nach, die geheimnisreich ist und in der nur noch das Schweigen spricht. Darüber möchte sie ein Buch lesen, gesteht sie, und wenn sie keines findet, so will sie selbst eines schreiben.

Yvonn Scherrer, Wintergrüen. Ein Reiseführer für die kalte Jahreszeit. Cosmos-Verlag: Muri b. Bern 2019, 160 Seiten, Fr. 29.-. Buchvernissage: 13. November, Buchhandlung Haupt Bern.

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