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«Zürcher!nnen machen endlich alle sichtbar»

Brauchen wir gendergerechte Wortformen wie «KollegInnen»? Linguistin Angela Hoppmann über den wieder ausgebrochenen Sprachstreit.

Leser/innen: Die Debatte um das generische Maskulinum ist ein lingusitischer Dauerbrenner.
Leser/innen: Die Debatte um das generische Maskulinum ist ein lingusitischer Dauerbrenner.

Was halten Sie als Linguistin vom besagten Frauenförderungsplan? Noch besser wäre ein «Gender»-Förderungsplan, welcher vorsieht, nicht nur Männer und Frauen, sondern die vorhandene Vielfalt an Genderidentitäten (etwa Trans-Identitäten) sichtbar zu machen. Der aktuelle Plan nährt und produziert leider weiterhin binäre Denkweisen.

Die Bevölkerung lehnt den Plan allerdings ab. Dass angeblich 85–90 Prozent der Bevölkerung in Österreich die gegenwärtige Textgestaltung im öffentlichen Bereich ablehnen, sollte ein zusätzlicher Anreiz sein, sich weiterhin um eine sinnvolle und zufriedenstellende linguistische Umsetzung zu bemühen. Verständlichkeit und Lesbarkeit sind wichtig. Mindestens genauso wichtig ist jedoch auch die sprachliche Inklusion von Menschen, welche sich ausserhalb von «männlich» und «weiblich» bewegen.

Welche Vorschläge aus feministischer Sicht erachten Sie als sinnvoll? Sprachliche Gleichbehandlung ist schon lange nicht mehr ein nur feministisches Ziel. Die Bemühungen um gendergerechte Sprache als das Anliegen von «kämpferischen Sprachfeministinnen» zu deklarieren, so wie es die Unterzeichnenden tun, ist fragwürdig. Sinnvoll ist grundsätzlich jeder Änderungsvorschlag, der zum Nachdenken über Sprache anregt. Bestimmte Vorschläge, wie beispielsweise die Einführung einer Endung -x (z. B. Professx) mögen gewöhnungsbedürftiger sein als andere. Dennoch führen solch aussergewöhnliche Vorschläge und die damit verbundenen öffentlichen Diskussionen dazu, dass sich auch Menschen ausserhalb des universitären Rahmens mit dem Thema «gendergerechte Sprache» befassen.

Die Autorin Sibylle Berg findet: Sprache wandelt sich, passt sich an. Stimmt das im Zusammenhang mit gendergerechter Sprache? Auf jeden Fall. Die Schreibweise mit Binnen-I ist beispielsweise relativ jung und heutzutage allgemein bekannt und akzeptiert, wenn auch nicht nach Duden. Schreibungen mit Unterstrich und Sternchen erfreuen sich mittlerweile einer gewissen Beliebtheit auch ausserhalb der Institute für Genderstudies.

Ist es nicht so: Was eine Mehrheit als richtig empfindet, wird als Regelfall angesehen. Kurz, Diktate «von oben» sind wirkungslos. Oder gibt es Beispiele in der Sprachgeschichte, die das Gegenteil beweisen? Ein gutes Beispiel ist vielleicht das Diminutiv «Fräulein». Sehr lange wurden unverheiratete Frauen unabhängig vom Alter auf diese Weise angesprochen. Die Frauenbewegung hat diese Bezeichnung kritisch reflektiert. Was zu Beginn einzelne Linguistinnen empörte, führte zum Beispiel dazu, dass in Deutschland diesbezüglich eine amtliche Sprachregelung 1972 zugunsten von Frauen vom Bundesministerium des Innern erlassen wurde.

Ein Streitpunkt ist wie schon so oft das generische Maskulinum: «Zuschauer» oder «Wanderer». Was für Vorteile hätte eine Abschaffung desselben? Sowohl eine Abschaffung des generischen Maskulinums als auch eine Einführung des generischen Femininums, welches vor einem Jahr an der Universität Leipzig hohe Wellen geschlagen hat (es war nur noch von «Professorinnen» die Rede, die Professoren waren mitgemeint), sind befriedigende Lösungen.

Ist Gender-Gleichberechtigung über Sprache zu erreichen? Sprache dient nicht nur der problemlosen Verständigung. Sprache spiegelt unsere Welterfahrung wieder, prägt unser Sein, unser Denken und kann diese manipulieren. Sprache macht auch sicht- oder unsichtbar. Deshalb bin ich überzeugt, dass Gender-Gleichberechtigung auch, aber nicht nur, über Sprache erreicht werden kann. Neue Schreibweisen mit Unterstrich und Sternchen (wie z.B. Lehrer_innen oder Expert*innen, bzw. Doz_entinnen oder Les*erinnen) oder die Fusion der beiden als Ausrufungszeichen nach Luise Pusch (zum Beispiel Zürcher!nnen) machen endlich auch Menschen sichtbar, welche sich weder mit dem männlichen noch weiblichen Geschlecht identifizieren können. Gendervielfalt gab es schon immer, deren Sichtbarmachung ist mehr als fällig.

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