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Ziegen, die auf Männer starren

«Wahrheit»-Kolumnist Daniel Di Falco betrachtet den optimalen Kreislauf zwischen Natur und Ziege etwas anders als die «Coop-Zeitung».

Er will ihr ja nichts tun, gegen Geissen hat er nichts. Aber die Chefs sitzen ihm im Nacken. Zudem provoziert ihn die Ziege offensichtlich. Dieser stumpfe Blick, diese teilnahmslose Einfalt, mit der sie ihn anstarrt. Und dann dieses Kauen; unablässig schnellt der Kiefer untendurch nach links und schiebt sich dann zurück. Können Ziegen nur auf der linken Seite kauen? Und warum müssen sie dabei derart schmatzen?

Trotzdem will er nur so tun, als ob er es probieren würde. Dann wäre klar, dass es nicht klappt. «Aber dann spürte ich diesen Drang in mir. Vielleicht gab es in meinem Innersten eine dunkle Macht, die wissen wollte, ob ich es schaffe.» Und wirklich – er fixiert die Ziege, die hört nun mit dem Kauen auf, er schraubt seinen Blick noch fester, sein Gesicht beginnt zu beben, er schnauft und schnaubt in schweren Schüben. Und plötzlich klappt die Ziege seitwärts um, stocksteif wie eine Reklametafel auf dem Trottoir nach einem unsichtbaren Tritt. Das Tier ist tot – Herzstillstand.

«Men Staring at Goats» hiess die Filmsatire, und George Clooney spielte darin den Soldaten einer Spezialtruppe, die den Feind mit Hypnose, Telekinese und anderer Parapsychologie bezwingen sollte. Tatsächlich beruhte die Geschichte auf wahren Vorgängen im US-Militär. Zum Testen und Trainieren dienten Ziegen, und der Trick war es, ihre Gedanken zu erobern und sie innerlich zum Selbstmord zu überreden. Sodass sie von sich aus über Klippen sprangen. Oder eben auf den Betrieb wichtiger Organe stracks verzichteten.

So jedenfalls erklärte es ein Experte seinerzeit, und etwas in der Liga hätte man schon erwarten dürfen, als die «Coop-Zeitung» neulich über einen dreiseitigen Bericht den Titel «Ziegenversteher» setzte. Aber gemeint war Linard Bardill, der Bündner Liedermacher, und der hat auf seinem Ziegenversteherkonto ausser einer Ziege, die er als Bub bekommen hat («Mit ihr lag ich jeweils im Heu»), vor allem ein Kinderlied namens «Was i nid weiss, weiss mini Geiss». Die «Coop-Zeitung» ihrerseits kannte sämtliche Adjektive, um die Geschichte über die Patenschaft für Ziegen in den Bergen derart aufzuschminken, dass man sie umstandslos mit der Szene in einem Milchproduktewerbefilm verwechseln konnte: das Dorf «pittoresk», die Bergkulisse «imposant», die Alp «malerisch gelegen», und die Kräuter dort sind «saftig», sodass die Milch «besonders aromatisch» und der Käse «vorzüglich» wird, ja werden muss. Bis auf die Miethirten auf der Engadiner Alp, die aus dem Schwarzwald kommen und Tatjana Ochs (!) sowie Lukas Rübenacker (!) heissen, passte alles nahtlos in die ganze Schellenursliade.

Dass die Geissen darin auch als Gärtner tätig sind, indem sie die Alpen mähen, gehört zum Weltverbesserungsauftrag, ohne den es offenbar keine Landwirtschaft mehr geben darf. Das ist dann ein «perfekter Kreislauf», denn an der «schönen Umgebung» haben auch die Paten ihre Freude. Damit war das Erlösungsversprechen dieser Branche allerdings noch nicht zu Ende. Neben der Landschafts- besorgen die Ziegen nämlich auch die Seelenpflege. «Wir können viel von ihnen lernen», findet also Bardill, der Barde: «Wir unterdrücken unsere natürlichen Instinkte und Gefühle, und Geissen können das nicht.»

Als ob ein wenig Arbeit an seinen Regungen nicht auch jedem Geissenpeter gut anstünde. Kann ja nicht sein, dass die «Stadtkinder» (Bardill) randvoll mit solchem Kitsch aus den Bergen heimkommen. Also schnell ans Gestell, zum «Grundriss der Tierkunde» von Professor Otto Schmeil, einem Zoologen und Botaniker, der den Biologieunterricht in der Zeit nach 1900 reformierte. Voilà, hier stehts: Praktisch an Ziegen sei, dass man sie auch essen könne. Und: «Aus ihrer Haut gewinnt man ein wertvolles Leder, das vorwiegend zur Anfertigung von Glacéhandschuhen dient.» Und das wäre dann ein perfekter Kreislauf, sozusagen.

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