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Zeilen des Hasses

Donald Trump feiert das Gedicht «Die Schlange» – nun auch als Präsident.

«Wollt ihr es nochmals hören?»: Trump liest vor, seine Fans jubeln. (Video: CBS News)

Auf ihrem Weg eines Morgens / Fand eine warmherzige Frau eine halb erfrorene Schlange / «Ich werde dich nach Hause nehmen und umsorgen», rief die Frau / Dann drückte sie die Schlange an ihren Busen / Doch statt Danke zu sagen, revanchierte sie sich mit einem tödlichen Biss / Und das Reptil sagte mit einem Grinsen: «Du wusstest ganz genau, dass ich eine Schlange bin» (gekürzte Version von Al Wilsons «The Snake»)

Donald Trump liebt dieses Gedicht. Letztes Wochenende las er es in Harrisburg, wo er mit Anhängern seine ersten 100 Tage im Amt feierte. Die Zeilen stammen eigentlich aus einem Soulsong von 1969. Doch wenn Trump sie deklamiert – ohne Frauenchöre, Bläsersätze und flirrende Gitarren –, wirken sie nur düster und böse. Trump widmete seine Lesung dem Chef der Grenzwächter und lieferte die Interpretations-Anleitung gleich mit: «Denken Sie an die Grenzen! Wir müssen aufmerksam sein!» Die Schlangen, das soll jeder merken, das sind die Syrer, Iraner, Mexikaner.

Trump, der ansonsten kein Interesse an Literatur zeigt, hat das Gedicht bereits im Wahlkampf verwendet. «Seid ihr bereit dafür?», rief der kandidierende Tycoon in die rasende Menge. Nun gehört «The Snake» zu einer trumpschen Variation des «poetisch-militärischen Komplexes», wie das der linke Philosoph Slavoj Zizek einmal genannt hat: Ein harmloses Gedicht wird plötzlich wichtig und gefährlich, weil der mächtigste Mann der Welt seine eigenen Gedanken darin gespiegelt sieht. Und man fragt sich, welche unausgesprochenen Trump-Wünsche und Trump-Ängste darin wohl noch verborgen liegen.

Maus, Skorpion, Schlange

Es kümmert Trump nicht, dass «The Snake» vom Afroamerikaner Al Wilson berühmt gemacht wurde, der einst mit seiner Familie vor Rassisten geflüchtet war. Dass die Tochter des «The Snake»-Dichters Oscar Brown wünscht, dass er die Lesungen bleiben lässt, ist ihm egal (anfänglich schrieb Trump das Gedicht Al Green zu, einem anderen Soulsänger). «Vor langer Zeit» sei das Gedicht geschrieben worden, sagt Trump – als beriefe er sich auf eine bewährte Autorität.

Und tatsächlich geht die Geschichte zurück auf die Fabeln des griechischen Dichters Äsop. Dieser erzählt von der Maus, die den Frosch bittet, sie auf seinem Rücken übers Wasser zu bringen. Doch der Frosch will die Maus ertränken, taucht unter, worauf ein Vogel beide aufpickt und frisst. Die Moral: Wer anderen übel mitspielt, geht daran selber zugrunde. Die Fabel wurde adaptiert mit einem Skorpion anstelle der Maus und 1955 brutalisiert in Orson Welles’ Film «Mr. Arkadin». Der Skorpion sticht hier den hilfsbereiten Frosch. Auf dessen entsetztes «Warum?!» antwortet der Skorpion: «Weil es meine Natur ist.»

Dass Donald Trump die bösartige Schlangen-Lyrik wieder hervorholt – «Wollt ihr es nochmals hören?», rief er in Harrisburg –, ist kein Zufall. Als Präsident hat er bisher wenig zustande gebracht; es ist hart und kalt geworden um den politischen Dilettanten. Hass ist seine letzte Zuflucht.

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