Wer beschulen will, muss bespassen

Eine Vorsilbe wie eine Kralle: Sprachlupe-Kolumnist Daniel Goldstein darüber, was «be-» mit Wörtern macht.

Hier wird doch hoffentlich niemand bespasst? Szene aus einem Schullager. (Symbolbild/Archiv)

Hier wird doch hoffentlich niemand bespasst? Szene aus einem Schullager. (Symbolbild/Archiv) Bild: Adrian Moser

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«Beschulen, bespassen»? Drückt sich jemand so aus? Durchaus, jedenfalls schriftlich, aber nicht bei beiden Wörtern in derselben Tonlage. Die «Beschulung» ist ein amtlich beglaubigter Vorgang, so wenn die Erziehungsdirektorenkonferenz die «Nichtbeschulung von Kindern von Sans-Papiers» befürchtet, falls Lehrkräfte solche Kinder den Behörden melden müssen.

Wenn aber der Philosoph Richard David Precht ein Mobiltelefon als «kleine Bespassungsmaschine» bezeichnet, meint er es kritisch, und auch andere distanzieren sich mit dem Wort vom «Bespassen», sogar in einer Mundartkolumne.

Die Aussage im Titel habe ich so allerdings noch nirgends gefunden - wohl aber sinngemäss: Eine wissenschaftliche Studie übers Schwänzen warf betroffenen Schulen vor, ihnen mangle es an «Haltekraft». Das bringt uns auf die Spur des Unbehagens, das «Wer beschulen will, muss bespassen» auslöst - hoffentlich auch bei Ihnen.

Verben, die mit «be-» beginnen, drücken meistens aus, dass mit etwas oder mit jemandem etwas gemacht wird, also mit einem Objekt. Wenn Schulkinder sprachlich als Objekte behandelt werden - oder beim Bespassen auch Erwachsene -, dann sollte das zu denken geben.

«Unmenschliche» Wörter

Als der Publizist Dolf Sternberger 1946 begann, ein «Wörterbuch des Unmenschen» zusammenzutragen, war «betreuen» bei den ersten angeprangerten Wörtern. Während man einem Menschen (im Dativ) treu sein könne, mache ihn «betreuen» (mit Akkusativ) zum «eigentlichen und ausschliesslichen Objekt»; die Vorsilbe wirke wie eine Kralle.

So hätten die Nazis für alle Gesellschaftsbereiche ausdrücklich «Betreuung» organisiert, sogar in einem Konzentrationslager. Und, so fügte er später bei, dieser Sprachgebrauch setze sich fort, wenn etwa Firmen ihre Kunden oder Verbände ihre Mitglieder «betreuten».

Für Sternberger war jedes Wort mit «be-», bezogen auf Menschen, unmenschlich. Kritiker wandten ein, gegen «befreien» oder «beschützen» könne man doch nichts haben. Er erwiderte, Gefangene oder Schutzbedürftige seien eben unfrei, aber unter freien Menschen hätten solche Wörter (und überhaupt der Akkusativ) nichts verloren.

Sogar manche Dinge wollte er davor bewahren: Wenn eine Baufirma die Bebauung eines Areals betreue, spiegle sie einen «Akt der Barmherzigkeit» vor, als ginge es nicht ums Geschäft. Hier knüpft der in der letzten «Sprachlupe» besprochene «Sprachkompass Landschaft und Umwelt» an, für den Verben mit «be-» vorne dran «zielgerichtetes Verfügen über die Natur» anzeigen.

Patientengut, Spielermaterial

Zwar nicht die «Beschulung», aber die «schulische Betreuung» kam schon bei Sternberger vor, und «der Arzt betreut die Kranken oder besser: das Krankenmaterial (auf deutsch und etwas einschmeichelnder: das Krankengut)». Hierzulande ist in Fachkreisen vom Patientengut die Rede, und im Sport ist das Spielermaterial dazugekommen - das millionenschwere Humankapital, aus dem der Trainer das Beste machen muss.

Kein Wunder, dass sich solche Fussballer gegenseitig «beharken», wie es neulich in einem Matchbericht hiess, als wollten derlei Sportsleute einander mit dem Rechen vom Spielfeld wegputzen. Beworben werden nicht mehr nur Angebote, sondern auch die Kunden. Im Theater werden nicht nur Rollen mit Schauspielern, sondern auch Schauspieler mit Rollen besetzt.

«Schülermaterial» ist mir zum Glück noch nicht begegnet; es würde aber bestens zur «Beschulung» passen. Wer die «Nichtbeschulung» verhindern will, meint es sicher gut, setzt sich aber dem Verdacht aus, Kinder nur als Verwaltungsobjekte zu sehen statt als lebendige Personen, denen man Bildung angedeihen lässt (im Dativ, der vom Geben kommt, während im Akkusativ das Anschuldigen steckt).

An den Fällen freilich lässt sich die Einstellung nicht ablesen: Wer einem Kind Flausen austreibt oder ihm die Leviten liest, handelt nicht unbedingt menschlicher, als wer es (be-)lehrt, begleitet oder auch betreut. Auch «bespasst»? Bitte nicht!

Daniel Goldstein ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und betreibt die Website Sprachlust.ch. (Der Bund)

Erstellt: 15.06.2018, 07:57 Uhr

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