Waschküchendampf und Fensterkitt

Der Berner Theatermann, Plastiker und Antiquitätenhändler Luciano Andreani werkelte als Kind viel allein mit dem Material, das er in der Schirmflicker-Werkstatt seines Vaters gefunden hat.

Geht gern zur Schule: Der Erstklässler Luciano Andreani am 1. Juni 1954.

Geht gern zur Schule: Der Erstklässler Luciano Andreani am 1. Juni 1954.

Beim Glaser an der Brunngasse holte die Mutter manchmal Fensterkitt. Damit die Buben was zum Spielen hatten. «Den vermischte ich mit Sand aus der Aare und formte damit allerlei Figuren», sagt Luciano Andreani. Nicht nur an das Kneten hat er angenehme Erinnerungen, sondern auch an den Glaser und all die anderen Kleingewerbler in der unteren Altstadt. «Ich war die meiste Zeit draussen, die Gassen waren für uns Kinder ein Paradies.»

Zu Hause ists eng. Aufgewachsen ist der 69-jährige Theatermann, Geschichtenschreiber, Antiquitätenhändler und Plastiker an der Metzgergasse, wo die Familie zu viert in einer Anderthalbzimmerwohnung unter dem Dach wohnt. Einmal kauft ihm die Mutter auch Farbstifte, «dann zeichnete ich am Küchentisch stundenlang für mich». Überhaupt habe er sehr gern für sich allein gebastelt.

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Der Vater, eingewandert aus Como, ist Schirmflicker und Scherenschleifer. Zu Hause redet die Familie Italienisch, «waren wir aber draussen, habe ich sofort Deutsch gesprochen, ich schämte mich wegen meiner Muttersprache, die Italiener waren damals nicht beliebt.» Weder Deutsch noch Italienisch spricht erst die Mutter, die aus Bratislava stammt und den Vater an einem Tanzabend im Casino kennen gelernt hat. Sie verbessert später ihr Italienisch mit der Wochenausgabe des «Corriere della Sera», für die sich früh auch Luciano interessiert. Ihn faszinieren die kleinen illustrierten Anzeigen, mit denen für Hühneraugenmittel und Haarwasser geworben wird. Oder für «un seno grande», einen grossen Busen. «Da habe ich sehr früh eine Ahnung von Erotik bekommen.»

Luciano Andreani (Bild: Adrian Moser)

Eine magisch verträumte Erotik grundiert bis heute einen grossen Teil von Andreanis künstlerischem Werk: Zum Beispiel die jüngste Zeichnungsserie «Böse Mädchen», die in die Waschküche am Schermenweg in Ostermundigen zurückführt, wohin die Familie in den Fünfzigerjahren gezogen ist. Viel feuchte Terra incognita entdeckte der junge Luciano dort. Zu zweit tauchen diese Quälgeister manchmal auf, als doppelköpfige Verführerin sind sie erstmals im Theaterstück «Wenn Schrauben sich lösen» in Erscheinung getreten.

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Am Schermenweg treibt sich Andreani aber nicht nur in Waschküchen herum. Immer häufiger ist er auch in der Werkstatt des Vaters, wo er mit dem herumliegenden Material, mit Stoffresten, Holz, Nägeln und Metallstücken zu basteln anfängt. Man lässt den Bub machen. In der Schule gehört er bald zu den guten Schülern, im Zeichnen ist er der Beste, nur das Vorlesen macht ihm Angst.

Er träumt davon, Atomphysiker oder Raketenbauer zu werden, bevor er bei der Wifag eine Lehre als Maschinenzeichner anfängt. Die Atomphysik nimmt er sich aber Jahrzehnte später vor, führt 2006, im Einsteinjahr, mit seiner surreal abgründigen «Physikstunde» vor, was es mit der Relativitätstheorie auch noch alles so auf sich hat.

Nach der Lehre nimmt er eine Stelle in Neuenburg an. Doch bereits nach sechs Monaten kündigt er. «Das war das erste und letzte Mal, dass ich Angestellter war», sagt Andreani. Als Dekorateur startet er in die neue Selbstständigkeit, klopft kleine Läden ab und fragt, ob er die Schaufenster dekorieren könne. In seiner Wohnung hat sich ein Haufen Antiquitäten angesammelt, vor allem Jugendstilstücke. «Ich stopfte die Schaufenster voll, kombinierte die Gürtel, Socken und Hemden mit meinen Trouvaillen.»

Das fällt auf und kommt an, und als Nächstes gestaltet Andreani Bühnenbilder für Kleintheater. Er malt, baut, überzieht – was er in Vaters Werkstatt angefangen hat, führt er nun im grossen Stil weiter. Als er mit dem Dekorateur Bob Steffen zusammenspannt, werden die Aufträge immer grösser. Er braucht Geld, hat er doch mit 25 bereits eine fünfköpfige Familie, die er als selbstständiger Dekorateur, Bühnenbildner und Grafiker durchbringen muss.

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Im Theater ist er manchmal auch bei den Proben dabei. «Ich beobachtete die Schauspieler und dachte, das könnte ich nie, vor Publikum auf einer Bühne stehen und reden.» Das alte Gefühl ist wieder da, wie damals in der Schule, als er solche Angst vor dem Vorlesen hatte.

So bleibt er auch stumm bei seinem ersten Auftritt ein paar Jahre später und trägt eine Maske. «Ein Schlüsselerlebnis», sagt Andreani. Im Schlachthaus, wo im Dachstock Kulissen vom Stadttheater untergebracht sind, baut er mit seinem Panoptikum Pazzo eine Art Geisterbahn. Halb Installation, halb Schaustellerbude, halb Theater.

Nur langsam fasst er, der seit frühster Jugend meist allein für sich werkelt, in den Siebzigerjahren in der Szene Fuss. Mit Lise Jenni, Gérard Widmer und anderen stellt er im Käfigturmtheater mit «Das lebende Bild» berühmte Gemälde nach und tritt selber als verschrobener Museumsführer auf.

So erfolgreich seine Inszenierungen sind, so rar sind sie auch, weil Andreani sich viel Zeit nimmt, wie einst an der Aare, als er sich nachmittagelang mit Kitt und Sand die Zeit vertrieb. «Erst wenn eine Idee richtig gut war, wurde sie umgesetzt.» Unvergesslich sind denn auch das «Original Tee Zeremonial» oder «Das grösste Herzglühen aller Zeiten». Obwohl die Theaterarbeit immer wichtiger wird, handelt Andreani weiter mit Antiquitäten und schafft Objekte und Skulpturen. «Diese verschiedenen Interessen haben sich manchmal schon gegenseitig behindert, aber wegstecken konnte ich keines.

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Das ist bis heute so. Manchmal beschäftigt es ihn zwar schon, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn er ganz aufs Theater gesetzt hätte. Seine Produktionen wie «Sinnlos Stier» oder «Das letzte Pferd» gehören nicht nur zu den Highlights der Berner Theaterszene, sie hätten auch der Start sein können für eine grosse Karriere. Aber bedauern tut er es nicht.

Noch offen ist, was aus seinen Kurzgeschichten wird, die er bis heute nur vorgelesen, aber nicht herausgegeben hat. Auch sie führen wieder tief in den Dschungel der Adoleszenz, in die Waschküche am Schermenweg oder in den Wald bei Ostermundigen. Zum Bambi wird dort der allzu neugierige Bub, bedrängt von allerlei Feuchtem und Glitschigem.

Der Bund

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