Von Mauern und Matratzen

«All you need is love»: Am 25. März lesen die drei Gewinner des 9. «Bund»-Essay-Wettbewerbs ihre Texte in der Dampfzentrale. Die 166 eingegangenen Essays füllen locker eine imaginäre Liebesklagemauer.

Der galante Herr mit Rose ist ganz auf Liebe eingestellt: Frédéric Baron vor der «mur des je t’aime» in Paris.

Der galante Herr mit Rose ist ganz auf Liebe eingestellt: Frédéric Baron vor der «mur des je t’aime» in Paris.

(Bild: Archiv)

Jerusalem hat die Klagemauer. Paris, Stadt der Liebe und unzerstörbare Trutzburg der Romantik, setzt seit einigen Jahren auf der Place des Abbesses im Quartier Montmartre den amourösen Kontrapunkt. Wo sonst sollte diese Pilgerstätte stehen, die im Volksmund bereits als «Ich-liebe-dich-Mauer» bekannt ist?

Natürlich ist damit nicht etwa gemeint, dass hier Leute ihre tiefen Gefühle für eine unbelebte Wand offenbaren; ob es Murusphilie überhaupt gibt – ein Terminus, den wir hiermit etwas übermütig in den gelehrten Liebesdiskurs einführen –, entzieht sich unserer Kenntnis. Aber auf dem weiten Feld der Liebe hätte es sicher auch Platz für diese etwas absonderliche Spielart.

Item. Das Werk von Frédéric Baron und Claire Kito ist laut den Tourismusfachleuten der französischen Hauptstadt ein absolutes Muss für Verliebte aus der ganzen Welt. Die Mauer hat eine Fläche von 40 Quadratmetern und besteht aus 612 Emaillekacheln, auf denen 311 Mal «Ich liebe dich» in 250 Sprachen steht – auch das Berndeutsche ist vertreten.

Die roten Splitter auf der Freske sind, so erläutern uns die Künstler, Teile eines zerbrochenen Herzens, Symbol der auseinandergerissenen Menschheit. Trennt eine Mauer für gewöhnlich, so wird ihr hier die Kraft des Vereinenden zugeschrieben.

Bausteine, die sich nicht selber reparieren

Liebe lässt, um im Bild zu bleiben, unsichtbare Mauern einstürzen zwischen Menschen, aber sie kann auch eine zu grosse Bürde sein, wenn die Suche nach der grossen Liebe der Suche nach einem Erlöser gleicht.

So sieht dies zumindest ein Essayist, der sich einer architektonischen Metaphorik bedient. Es komme ihm oft so vor, «als würden sich zwei Bausteine treffen, der eine Baustein völlig durchlöchert, der andere im besten Fall nicht ganz so stark». Statt dass diese beiden beschädigten Bausteine sich selbst reparierten, «beschliessen sie der Grundstein für ein Haus zu sein. Dass dieses Haus einstürzen wird, können wir jetzt schon ahnen».

Unempfänglich für den Zauber der Pariser Liebesmauer ist auch dieser Mann, der sich einen Vegetarier der Liebe nennt und zunächst einmal die Absichten dieses Lebens genauer durchschauen möchte, ehe er sich darauf einlässt. Er befürchtet jedoch, dass ihm dafür das nötige geistige Niveau fehlt und mauert sich buchstäblich lebendig ein: «Deshalb bekämpfe ich das Leben und die Liebe mit einer Gegenmassnahme. Sie lächeln mich an, und ich verschliesse einfach meine Augen.»

Mit der Errichtung einer «unüberwindbaren Schranke» reagierte einst auch ein junges Mädchen, als sich seine Schulliebe – sie waren Maria und Josef im Krippenspiel – von ihr den ersten Kuss erhoffte. Sie verabreichte ihm stattdessen eine Ohrfeige und erklärte, sein Ansinnen sei gefährlich, sie könnten sonst nicht mehr aufhören – «worauf er sich zerknirscht mit einem Schokolade-Osterei entschuldigte». Noch heute, über ein halbes Jahrhundert später, denkt sie an seinem Geburtstag an ihn.

Vor der Pariser Liebesmauer gut vorstellen können wir uns die Essayistin, die ihrem Mann eine Liebeserklärung macht und ihn gleichzeitig von einer grossen Last befreien möchte. Lange war sie alles andere als ein unglücklicher Single, bis die Gesellschaft sie in die Schranken zu weisen suchte. Sie aber reagierte wie ein trotziges Kind und beschloss, nicht zu kooperieren. Sie trank Bier, hatte wechselnde Sexualpartner, ging allein ins Kino und in den Urlaub.

Ihres Glückes selber Schmied

Mittlerweile ist sie doch in den Hafen der Ehe eingelaufen, aber zu ihren eigenen Konditionen. Der Partner, dem sie sehr zugetan ist, wird kurzerhand aus der Pflicht entlassen, sie als der strahlende Prinz glücklich zu machen. Selber will sie ihres Glückes Schmied sein und verkündet poetisch gestimmt: «Ich möchte, dass du meine Akropolis nicht alleine tragen musst.» Wieder sind wir, das kann kein Zufall sein, liebesmetaphorisch bei Bauwerken angelangt.

Die leicht kitschverdächtige Pariser Liebesmauer – geben wir es zu – wurde übrigens in keinem der 166 eingereichten Essays erwähnt. Wir werten dies als gutes Zeichen und empfehlen als alternativen Ort einen mit Matratzen bestückten Luftschutzkeller, an den sich ein Essayist leicht wehmütig zurückerinnert.

Von diesem Jugendtreff in den 1970er-Jahren zieht er den Bogen in die Gegenwart und wünscht sich eine durchmischte Geschlechterpräsenz in den Hierarchien von Wirtschaft, Militär und Politik.

Das so zusammengesetzte Machtdispositiv sollte, «bevor es erneut in Luftschutzkellern über Schlachtkarten gebeugt die Kampflinien dieser Welt absteckt, sich auf den Wert einer guten Matratze besinnend unbeschwert dem Küssen hingeben». So könnte es vielleicht wieder heilen, das zerbrochene Herz auf der Liebesmauer.

All you need is love. Mehr davon in der Liebesnacht am 25. März in der Dampfzentrale.

Der Bund

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