Vom tieferen Sinn des Labenz

Komponieren, Improvisieren, Feuerlaufen: Erika Radermacher ist eine ebenso eigenwillige wie vielseitige Musikerin. Morgen wird die 75-jährige Pianistin von der Frauenzentrale Bern für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Manche werfen ihr vor, sie spiele nicht nach dem Notentext. «Ich kann damit umgehen», sagt Erika Radermacher, hier mit Hund Kosha.

Manche werfen ihr vor, sie spiele nicht nach dem Notentext. «Ich kann damit umgehen», sagt Erika Radermacher, hier mit Hund Kosha.

(Bild: Adrian Moser)

Erika Radermacher beherrscht Dinge, von denen die meisten nicht einmal wissen, dass es sie gibt. Zum Beispiel spricht sie Labenz. «Das ist eine Kunst-Sprache, deren Wortschatz auf Städtenamen beruht», erklärt die Pianistin und greift ein Buch aus dem Büchergestell. 300 Seiten, gelber Einband, blaue Beschriftung. Von weitem sieht es aus wie ein Langenscheidt. Hinter den Buchdeckeln – «Der tiefere Sinn des Labenz» von Douglas Adams – verbirgt sich ein skurriles Wörterbuch: Von A wie Aachen bis Z wie Zyfflich werden da minutiös Begriffe erklärt für Sachverhalte, Gefühle und Dinge, für die es eigentlich keinen Begriff gibt. Das Witzige dabei: Alle Wörter basieren auf real existierenden Ortsnamen. Salfsch, Salbke, Perlach oder Oberursel sind einige der Orte, die Erika Radermacher in ihrer Komposition «Mehr vom Sinn des Labenz» verarbeitet hat. «Urs Peter Schneider und ich werden das Stück aufführen an der Preisverleihung», sagt die Komponistin. An der Preisverleihung, an der sie die Preisgekrönte ist!

Repertoire mit Weltformat

Erika Radermacher erhält den Trudy-Schlatter-Preis 2011. Die Frauenzentrale Bern zeichnet die Ausnahmepianistin für ihr Lebenswerk aus. Ihr Klavierspiel lasse sich am ehesten mit demjenigen von Pianistinnen der alten russischen Schule vergleichen, sagt die Jury. Und: Radermachers pianistisches Repertoire habe in seinem stilistischen Reichtum Weltformat. Es umfasst neben grossen Konzertzyklen und Soloprogrammen ein riesiges Repertoire für vierhändiges Klavier inklusive der bedeutenden Werke des 20. Jahrhunderts. Neben dem «Labenz»-Stück wird sie auch Schumanns «Kreisleriana» vortragen, und sie improvisiert mit der Pianistin Katharina Weber. Komponieren, interpretieren und improvisieren: Das sind die drei Pfeiler ihres Musikerlebens. Mit dem Unterrichten an der Hochschule der Künste hat die heute 75-Jährige vor fünf Jahren aufgehört. «Ich unterrichtete gerne. Aber als Schluss damit war, habe ich es keine Minute vermisst.»

Sie ist eine Lady in Red vom Haar bis zur Hose. «Seit ich in Indien war, trage ich Rot in allen Tönen», sagt sie. Ein Farbtupfer ist sie auch im übertragenen Sinn, mit den stromlinienförmigen Models in der Pianistenzunft hat sie nichts gemein. «Als junge Solistin war ich wahnsinnig schüchtern. Ich hasste es, herumzureisen», sagt sie. «Immer die gleichen Rituale, einmal hängt dir das aus.» Probe, Flugzeug, Bühne, Hotel. Und in der nächsten Stadt alles von vorne. Auch wenn sie ihre pianistische Karriere in unzählige Musikmetropolen führte, sah sie darin nicht ihren Lebenssinn. «Ich suchte etwas anderes. Ich liebe es, mein Instrument mit jemandem zu teilen. Ich brauche Leute um mich, Kollegen, mit denen ich musizieren kann.»

Über Köln und Wien nach Bern

Erika Radermacher stammt aus einer Musikerfamilie. In der Nähe von Aachen wurde sie 1936 geboren. Mit 3 Jahren bekam sie erste Klavierstunden von ihrer Mutter. «Sie war Kriegswitwe, gab Stunden für einen Zipfel Wurst.» Als Wunderkind wurde sie schon ganz jung von Lehrer zu Lehrer «weitergereicht». Später studierte sie in Köln und Wien und erhielt nach zwei Solistendiplomen eine Professur am Konservatorium in Düsseldorf. 1966 kam sie nach Bern. Wegen der Liebe: Sie heiratete den Pianisten und Performer Urs Peter Schneider, mit dem sie 1983 den Grossen Musikpreis des Kantons Bern erhielt. Mit ihm gründete sie das Ensemble Neue Horizonte. Die Aufbruchsstimmung der Sechzigerjahre habe sie geprägt: Immer mittags, erinnert sie sich, hätten sie sich damals im Unteren Juker in der Berner Altstadt getroffen, «und die Welt verändert».

Viele CDs hat Radermacher eingespielt, praktisch nur Live-Mitschnitte. Sie spiele heute eher noch freier als damals. Gelegentlich höre sie den Vorwurf, sie spiele nicht nach dem Notentext. «Ich kann damit umgehen. Die innere Freiheit beim Spielen ist doch das Wichtigste. Nur wer frei ist, macht wirkliche Musik.» Freiheit und musikalische Selbstständigkeit hat sie auch ihren Studenten vermittelt.

Der Flügel und die Tiere

Freiheit? Kosha, der Hund, schaut sie fragend an. Neben dem Katzenbaum steht der Steinway. Darunter frisst Prinzessin Mira, die Katze. Radermacher hat noch drei weitere Katzen. Und eine Isländer Stute. «Beim Reiten in der Natur kann ich abschalten.» Wie der Flügel und die Musik gehören die Tiere zu ihrem Leben. Und das Lernen, sie hat nie damit aufgehört. «Ich lerne Neues, um es weiterzugeben.» In den USA hat sie vor einigen Jahren eine schamanische Ausbildung gemacht, sie ist Meditationslehrerin und Feuerläuferin. Das allerdings hängt sie nicht an die grosse Glocke. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass viele nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Für die Pianistin hat Feuerlaufen mit ähnlichen energetischen Prozessen zu tun, wie sie auch beim Klavierspiel zentral sind. Wenn es ihr gelinge, während des Spiels den Kopf auszuschalten, spüre sie, wie sich Oben und Unten verbindet und eine Interpretation magisch werde. Doch die Tastenmeisterin bleibt pragmatisch: «Wenn ich inspiriert spielen will, bleibt auch mir nichts anderes übrig, ich muss üben.»

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