Verschenkte Stadt

Die fatalen Folgen des Entscheids der SBB, die Eisenbahnbrücke parallel zur Lorraine zu bauen.

Steht eigentlich am falschen Platz: Die Eisenbahnbrücke.

Steht eigentlich am falschen Platz: Die Eisenbahnbrücke.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Fussgänger- und Fuhrwerksetage unter den Geleisen der alten Eisenbahnbrücke von 1857 über die Aare verzögerte als Notlösung jahrzehntelang eine genügende Erschliessung des Lorrainequartiers. Zwei Brückenwettbewerbe verliefen ohne Ausführungsbeschluss. Die unhaltbaren Zustände führten erst 1930 zur Trennung von Bahn und Strasse durch den Bau der in diesem Jahr eröffneten Lorrainebrücke dicht neben der alten Bahnbrücke. Ihr schlanker elliptischer Bogen ist leicht ablesbar, vermeintliche Rücksichten auf das Stadtbild führten zur statisch unnötigen seitlichen Einwandung und zur Übernahme von Formen der fast 100 Jahre älteren Nydeggbrücke, womit die Lorrainebrücke dem damaligen Trend des Neoklassizismus folgte.

Der Neubau der Eisenbahnbrücke war damals längst beschlossene Sache, nicht hingegen ihr Standort. Die Stadt verlangte aus städtebaulichen Gründen eine Trasseeführung über die Engehalde. Die Spezialisten der SBB setzten 1932 in auffallender Sturheit hingegen die jetzige Lage der 1937 begonnenen Eisenbahnbrücke längs der Lorraine durch. Für die heutigen Überlegungen, die bestehenden vier Geleise mit weiteren zu ergänzen, ist dieser Entscheid der SBB ebenso fatal wie für die städtische Weiterentwicklung des Raumes Schützenmatte.

Die Stadt Bern reagierte 1937/39 mit dem Bau der Gewerbeschule städtebaulich überzeugend auf die Lorrainebrücke; die siegreiche Wettbewerbs­eingabe von Hans Brechbühler zeigte bereits 1935, dass man sich der neuen städtebaulichen Situation vollauf bewusst war. Dieser epochemachende Bau der Moderne ist bereits in der «Baustelle»-Kolumne vom 11. Oktober 2014 gewürdigt worden. Allerdings machte man nach dem Abtrag des Bahndamms aus dem gewonnenen Land am rechten Brückenkopf nichts, heute ist es ein öder Parkplatz, immerhin gesäumt von den alten, im 19. Jahrhundert gepflanzten Bäumen.

Auch auf der Seite der Innenstadt beschränkte man sich nach dem Niederlegen des Bahndamms darauf, den Parkplatz zu vergrössern. Sonst blieb alles beim Alten, ja, mit dem Bau der neuen Bahnbrücke und dem Abdrängen der Reitschule traten die gefürchteten städtebaulichen Probleme erst recht auf. Die Schockstarre an diesem Ort dauert nun bereits 85 Jahre! Es ist Zeit, das städtebauliche Defizit anzu­gehen! Aber wie?

Der simple Vorschlag, auf die Schützen­matte ein Hochhaus zu setzen, ist in Bezug auf das Stadtbild und die gewünschte städtebauliche Attraktivierung der Gegend verfehlt.

Es kann ja nicht nur darum gehen, die Schützenmatte anders zu nutzen, sondern es sind das ganze Bollwerk, die untere Hodlerstrasse und die Anbindung an den Bahnhof in die Überlegungen einzubeziehen. Wieso muss man in der Bahnhofunterführung weit gegen Süden ausholen, wenn man in die Lorraine, gegen Norden also, will? Warum gibt es keinen Bahnhofausgang gegen das untere Bollwerk? Wieso beherrschen Verwaltungsbauten mit geschlossenen Parterrebereichen lange Abschnitte beidseits des Bollwerks? Wieso besetzen immer noch bescheidenste Bauten des späten 19. Jahrhunderts die untere Hodlerstrasse, nachdem der Mäzen das Klee-Museum nicht hier, sondern auf ­seinem Land durchgesetzt hat?

Ziel muss es sein, das Gebiet als Ganzes aufzuwerten. Die Fassung des Strassenraums mit Bauten gemischter Nutzung und mit attraktiver Fussgängerführung vom Bahnhof her ist anzustreben. Die schwach genutzten Parterrebereiche, auch jene der alten Post, sind publikumswirksam zu nutzen. Das Bollwerk ist westseits mit einer Zeilenbebauung als geschlossener Strassenraum über die Schützenmatte fortzusetzen. Der Bus 20 ist durch ein Tram zu ersetzen. Anstelle der Häuschen an der Hodlerstrasse ist endlich ein Brückenkopf als angemessener Stadteingang zu formulieren.

Beseitigen wir endlich die städtebau­lichen Defizite, die durch Fehlentscheide, namentlich mit Bahnbauten, entstanden sind, und werten wir einen vernachlässigten, wertvollen Teil der Innenstadt auf. Bisher haben wir hier städtischen Raum verschenkt. (Der Bund)

Erstellt: 10.08.2015, 10:46 Uhr

Artikel zum Thema

«Frühjahrsputz» auf der Lorrainebrücke

Die Sprayereien auf der Lorrainebrücke erhitzten die Gemüter. Nun sind die Sparmassnahmen des Tiefbauamts ad acta gelegt – und der historische Bau ist seit Mittwoch wieder Graffiti-frei. Mehr...

Dichtestress für Graffiti auf
 der Berner Lorrainebrücke

Gegen 120 Graffiti zieren die Brücke. Die Stadt putzt erst, wenn es wärmer wird. Mehr...

Lorrainebrücke blüht farbiger Herbst

Die Lorrainebrücke ist wieder um ein paar Graffiti reicher. Diese sollen bis Ende Jahr stehen gelassen werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...