Unser übergrosses Glück

«Womit habe ich das verdient?» Als Schweizer kann man sich keine interessantere Philosophie-Frage stellen.

Walt-Disney-Verfilmung: «Swiss Family Robinson», 1960.

Walt-Disney-Verfilmung: «Swiss Family Robinson», 1960. Bild: PD

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Es beginnt nicht in den Bergen, sondern auf einer Insel. Eine Familie strandet und bleibt danach für sich. Fernab der Zivilisation beginnt sie ein neues Leben. Eltern und Kinder sammeln, jagen und pflanzen, sie zimmern sich ein Baumhaus und vermissen keinen Moment die Mitmenschen. Ihr Eiland taufen sie schliesslich – wie könnten sie anders? – «Neu-Schweizerland».

Vor 205 Jahren veröffentlichte der Berner Pfarrer Johann David Wyss (1743–1818) die erste Fassung seines «Schweizerischen Robinson». Der Roman ist nach Daniel Defoes Urtext «Robinson Crusoe» die ­berühmteste Robinsonade – verblüffenderweise weniger bei uns als im angelsächsischen Raum. Dabei beschreibt sie exakt das Schweizer Urvertrauen ins Schicksal: Hart krampfen, nüchtern ­bleiben, Distanz halten, dann kommt alles gut. Seit Wyss seine Musterschweizer stranden liess, wurde dieses Vertrauen nicht mehr in den Grund­festen erschüttert, bis heute nicht.

Von der ETH vermessen

Das Vertrauen bleibt intakt, selbst wenn unsere direkten Nachbarn an Terror und Krisen leiden. Das scheint paradox, ist es aber nicht. Vielmehr sehen wir unseren Sonderweg bestätigt, eben weil unsere direkten Nachbarn an Terror und Krisen leiden. Auf Facebook und Twitter teilen wir Bilder hiesiger Volksfeste, die ohne sichtbares Polizeiaufgebot durchgeführt werden. So was, raunen wir, sei eben nur hier noch möglich. Das Schweizer Fernsehen widmete jüngst dem Eidgenössischen Jodlerfest einen längeren Beitrag. Gezeigt wurden auswärtige Berichterstatter, dazu der O-Ton: «Diese europäische Journalistengruppe muss sich auf einer Insel der Glückseligkeit wähnen.» Und als sich der deutsche Botschafter vor wenigen Tagen in der NZZ von seinem Posten verabschiedete, war der Titel «Insel der Glückseligen», und der erste Satz lautete: «Ich hatte das grosse Glück, die letzten vier Jahre meines Berufslebens in der schönen Schweiz verbringen zu dürfen.» Wird es düster um die Insel, leuchtet sie umso stärker.

Die ETH, eine Institution schweizerischer Nüchternheit, misst jedes Jahr die Stimmungslage im Land. Befragt werden 1200 Schweizerinnen und Schweizer aus allen Regionen, und die Resultate sind erstaunlich. 93 Prozent der Befragten fühlen sich 2017 «sehr sicher» oder «eher sicher». Wir sehen die Zukunft sogar optimistischer als 2016, trotz Trump und Terror, Kim Jong-un und Syrien. Die Stimmung im Schweizerland ist und bleibt ein diffuses Behagen. Aber auf wen vertrauen wir da eigentlich? Aufs Militär, den Nachrichtendienst, die Banken? Auf Doris Leuthard? Die Wahrheit ist banal und seltsam zugleich: Wir hoffen, weiterhin Schwein zu haben.

Felicitas und Fortuna

Die Schweiz ist das glücklichste Land der Welt. Bevor jemand «Norwegen!» oder «Vereinigte Arabische Emirate!» ruft – hier eine simple Definition von Glück. Einerseits meint es Felicitas, verlässliches Wohlergehen. Zwar haben die besten Denker mit Ausdauer vor üppigem Luxus und allzu eifrigem Glücksstreben gewarnt. «Es ist göttlich, nichts zu bedürfen», tönte Diogenes aus der Tonne. «Der innere Reichtum ist die Hauptsache», sagte Arthur Schopenhauer, die Grumpy Cat der abendländischen Philosophie.

Philosoph Schopenhauer.

Unstrittig blieb allerdings die Tatsache, dass, wer von Krieg bedroht ist und Hunger leidet, nie wirklich glücklich werden kann. Wen wunderts da, dass die UNO-Glücksforscher die Schweiz und die skandinavischen Wohlfahrtsstaaten jeweils an die Spitze ihres «World Happiness Report» stellen. Dabei ist es natürlich möglich, als Individuum in der Schweiz ein schreckliches Schicksal zu erleiden, ebenso wie wohl auch die eine oder andere Nordkoreanerin sich glücklich wähnt. Aber das sind unwahrscheinliche Fälle.

Andererseits meint Glück Fortuna, also das Rechtzeitig-am-rechten-Ort-Sein, ein günstiges Schicksal. Und Fortuna hatte und hat die Schweiz – und wie. Ein eigentliches Mysterium des Verschontwerdens umgibt unser Land. «Was ist die Höhe des Glücks?», fragt Ludwig Marcuse in seiner «Philosophie des Glücks» und gibt die Antwort: «Die Summe von hundert Negationen: kein Krieg und kein Bürgerkrieg und kein Krebs und keine Arbeitslosigkeit.»

Diese Glück ist eine Provokation

Das Schweizer Glück ist vor allem die Abwesenheit von Unglück. Seit dem Sonderbundskrieg – einem eher harm­losen Konflikt, in dem der militärische Dilettantismus blühte und Soldaten über fehlende Betten klagten – wurden wir von Kriegen verschont. Der einzige grosse Terroranschlag passierte vor 47 Jahren über Würenlingen, Aargau, als Palästinenser eine Swissair-Maschine sprengten. Das spektakulärste Attentat datiert aufs Jahr 1898, als in Genf ein italienischer Anarchist das Herz von Elisabeth von Österreich-Ungarn («Sisi») mit einer Feile löcherte. Zudem stellten die Naturwissenschaftler ein ungewöhnliches Ausbleiben von Umweltdesastern fest. «Schweizer Katastrophenlücke» heisst dieses Phänomen, das von 1882 bis 1976 dauerte.

Die Schlagzeilen dieser Tage spiegeln ein ungestörtes Idyll: «30-Grad-Marke geknackt» – «Bundesrat tritt zurück» – «Federer gewinnt Wimbledon». Wir haben, um es mit Friedrich Dürrenmatt zu sagen, «das grosse Los» gezogen in der Tombola der Weltgeschichte.

Kann sein Glück nicht fassen: Roger Federer am 16. Juli 2017.

Das Glück der Schweizer ist eine metaphysische Provokation. Es gibt rationale Erklärungen dafür, klar, und jede einzelne hat etwas für sich. Und doch reichen sie in der Summe nicht aus, das Unwahrscheinliche zu erklären. Die beliebteste Erklärung ist die viel gepriesene Schweizer Neutralität. Sie sei die Friedensgarantin schlechthin, meinen Politiker aller Couleur; gern zitiert wird die Mahnung «Machet den Zaun nicht zu weit», die dem Obwaldner Mystiker ­Niklaus von Flüe zugeschrieben wird.

Blöd nur: Dänen, Belgier, Holländer oder Norweger erklärten im 20. Jahrhundert ebenfalls ihre Neutralität. Auch sie wollten lieber nicht massakriert werden, doch das kümmerte die deutsche Militärmaschine 1914 und 1940 wenig. Sicher, die Schweiz biederte sich als Wirtschaftsmakler an und bemühte sich um eine wehrhafte Truppe. Dennoch hätte es nur einer einzigen kognitiven Fehlzündung mittleren Grades bei Bismarck, Kaiser Wilhelm oder Hitler bedurft, und die Bemühungen der Schweizer wären hinfällig geworden.

Auch haben wir das Profiteurenglück eines Savannenvogels, der vom Rücken des Wasserbüffels picken darf: Bis 1939 nahm unser Land an den lukrativen Kolonialgeschäften der Grossmächte teil, nach 1945 geriet es in den Sog des Marshallplans. Trotzdem führen wir unser Wohlleben auf ein besonders gschaffiges Arbeitsethos zurück. Konsens ist die Annahme, wir hätten es uns «verdient».

In Symbiose: Büffel mit Vogel, Südafrika.

Modus des naiven Pragmatismus

Was macht uns so selbstsicher? Es ist die ungetrübte Überzeugung, jeder sei seines Glückes Schmied. Es ist der im Kleinen bewährte Pragmatismus tüchtiger Insulaner, dem Idealismus und Verklärung unnütz erscheinen und der sich im Einklang wähnt mit einer menschlichen Existenz, die er als gar nicht so kompliziert empfindet. Wittgenstein: «Um glücklich zu leben, muss ich in Übereinstimmung sein mit der Welt.» Wir Schweizer leben heute im selben Modus eines naiven Pragmatismus, mit dem Wyss’ Robinson-Familie behauptet, «ein richtiges Haus für alle Zeiten» zu bauen, als sie sich eine Höhle bequem einrichtet.

Die schweizerischen Robinsons stellen sich immer neuen, bewältigbaren Herausforderungen. Echte, erschütternde, überfordernde Katastrophen gibt es bei Wyss aber selbstverständlich keine. Als die Kinder ein geliebtes Lämmchen aus dem Sumpf retten wollen, erklärt der Vater, sie müssten nun «um Himmels willen vernünftig» sein und den Tod des Tiers hinnehmen – womit die Angelegenheit erledigt ist. Und als der Familie und womöglich auch dem Leser beim Blick auf das Meer schwelgerisch-romantisch zumute wird, inter­veniert der erzählende Vater rabiat: «Es war ein schönes Schauspiel, aber wir mussten ganz prosaisch an unseren Magen denken.»

Nicht das Schicksal herausfordern

Metaphysische Erklärungen des Glücks bleiben uns letztlich fremd. Zwar flackert hier und dort die Vorstellung der Eidgenossenschaft als God’s Own Country auf, etwa im Schweizerpsalm, demzufolge Gott in den Alpen hockt («Ziehst im Nebelflor daher, such ich dich im Wolkenmeer»). Ein letzter göttlicher Liebesbeweis wurde im Zweiten Weltkrieg gesichtet: Von Flües Hand soll in Wolkenform Hitlers Wehrmacht ­gestoppt haben. Solcher rabiater Wunderglaube ist heute passé, vom katholischen Restmilieu einmal abgesehen. Näher liegt uns insgeheim der Prosperity Gospel: die Idee, dass Gott Glück und Geld schon recht verteile, dass man ­folglich sich seines Reichtums nicht zu schämen brauche und guten Gewissens im Luxus leben dürfe.

«Wer zu viel ans Glück denkt, lockt den Teufel an», schrieb Flaubert, und tatsächlich halten wir uns mit dem Feiern unseres Glücks und Lebens zurück, obwohl wir allen Grund hätten. Die Amerikaner mögen dem Pursuit of Happiness verpflichtet sein, wir habens eher mit der Conservation of Happiness. Über das Unglück der andern – Schwule in Russland zum Beispiel oder Journalisten in der Türkei – schweigen wir lieber. Und weil uns das Unglück der Nichtschweiz suspekt ist, fühlen wir uns ihr auch nicht verpflichtet: Spenden gegen eine Hungersnot oder die Aufnahme von Flüchtlingen verstehen wir nicht als ethische Pflicht übermässig Beschenkter, sondern als noble Fakultativgeste. Erstes CH-Credo ist und bleibt, um Himmels willen nicht das Schicksal herauszufordern.

Als Wyss’ emsige Familie einmal nur, und nur ganz kurz, müssig herumliegt, schleicht bereits die Strafe heran: «eine riesige Riesenschlange, ein wahrer Lindwurm». Das Monster versetzt die Familie danach drei Nächte lang in Angst und Schrecken. Das ist unangenehm, aber nicht weiter schlimm: Die böse Schlange bleibt wie die Umwelt an sich stets bewältigbar, das Urvertrauen intakt.

Nicht jeder kann wie Wyss’ Geschöpfe auf seiner Insel leben, mit überschaubaren Gefahren und abseits der grossen Verwerfungen von Geschichte und Natur. Deshalb bleibt die Frage, wie man trotz des vielen Kummers in dieser Welt zum Glück kommt, eine der grossen, ungeklärten Fragen der Philosophie.

Und die Schweizer? Wir würden es gern behalten, sagen sie und blinzeln. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2017, 23:08 Uhr

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Dossiers

Infos

Johann David Wyss: Der Schweizerische Robinson. Die Andere Bibliothek, Berlin, Neuauflage 2016. 1176 S., ca. 88 Fr.


Bildlegenden

Schopenhauer: Wikipedia

«Swiss Family Robinson»: PD

Federer: Keystone

Dürrenmatt: Screenshot www.duerrenmatt-derfilm.ch

Büffel: Keystone

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