Überschätzte Delfine

«Wahrheit»-Kolumnist Ane Hebeisen feiert «Bund»-Jubiläum, verärgert Greenpeace-Aktivisten und stellt eine Gefahr für die hiesige Straussenpopulation dar.

hero image
Ane Hebeisen

Neulich wurde mir von meinem Arbeitgeber ausgerichtet, dass ich bereits seit zwei Dekaden in dessen Sold stehe. Es wurde mir per Glückwunschkarte gratuliert, für die Treue gedankt, und es wurde eine Bonuszahlung auf mein Konto gebucht.

Nicht ganz sicher bin ich mir indes, ob es hinter den Kulissen ähnlich feierlich zu- und hergegangen ist. Gut möglich, dass sich da irgendwo in den Büros des Human-Resources-Managements in etwa folgender Dialog abgespielt hat: - Personalverantwortliche 1: «Hoppla, der Alte feiert seinen 20. Das zeugt ja jetzt auch nicht gerade von einer besonderen Lebensoriginalität.» - Personalverantwortliche 2: «Ach herrje. Bei einem Druckereimitarbeiter ist das ja noch nachvollziehbar, aber bei einem Schreiber? Ich weiss auch nicht, ob die Leser das goutieren. Die dürsten doch nach Abwechslung, nach immer neuen Kicks.» - Pesonalverantwortliche 1: «In meinem Karriereplanungskurs habe ich gelernt, dass einer, der zwanzig Jahre im selben Betrieb arbeitet, für die Arbeitswelt als klinisch tot gilt. Im heutigen Berufsleben geht nichts über Flexibilität und Lust auf Veränderung. Vielleicht sollten wir den mal in der Abteilung Markt plätze oder Beilagen parkieren.» - Personalverantwortliche 2: «Oder wir bieten ihn der Schweizer Familie an. Notfalls kann er ja die markeneigenen Feuerstellen putzen gehen.» Ja, ja. So wird da gesprochen. Ich bin mir fast sicher.

Meine fast schon penetrante Firmentreue hat den ganz angenehmen Nebeneffekt, dass ich schon länger kein Bewerbungsgespräch mehr über mich ergehen lassen musste. Neulich berichtete mir eine Kollegin, dass ihr im Zuge eines solchen Stellen-Castings die Frage gestellt wurde, was denn das Verrückteste gewesen sei, was sie in ihrem Leben je getan habe.

Weil meine Kollegin wusste, dass diese Frage zum üblichen Erkundigungsrepertoire von Stellenbesetzern gehört, erfand sie irgendeine windige Urlaubsgeschichte, in welcher jobrelevante Aspekte wie Teamarbeit, Kommunikation und Kreativität nicht zu kurz kamen.

Ich wäre bei dieser Frage vermutlich ins Grübeln gekommen. Da war nichts. Kein Nacktbaden im Dorfteich, kein Termin im Schwellkörper-Piercing-Studio, nichts Unkeusches auf dem Liegevelo. Gar nichts.

Das Draufgängerischste, was mir spontan in den Sinn kommt, ist, dass ich kürzlich in einem Kinderzoo mit dem Gedanken spielte, einem Strauss meinen Zigarettenstummel ins Öhrchen zu drücken, weil gerade kein Aschenbecher zur Hand war und mir die Lauscher-Öffnung des Federtiers von der Grösse her als exakt dafür passend erschien. Doch ich konnte mich beherrschen.

Ein bisschen verrückt war ich neulich auch während einer Begegnung mit einer Greenpeace-Aktivistin, der es gefiel, ihr Anwerbungsgespräch (vergeblich, da bereits Mitglied) mit folgender Frage zu eröffnen: «Na, junger Mann, Sie mögen doch Delfine, nehme ich doch mal an?» Ich entgegnete ihr, dass ich Delfine generell einigermassen überschätzt fände - das Fleisch schmecke nicht, und als Sujet von Airbrush-Artisten sei der Delfin ebenfalls etwas abgefingert.

Das sind natürlich Geschichten, die einem Human-Resources-Manager eher nicht gefallen würden. Auch bei einem allfälligen Bewerbungsgespräch bei der «Schweizer Familie» hätte ich damit einen eher schweren Stand. Niemand begehrt einen Delfinskeptiker und potenziellen Straussenmisshandler auf eine Schweizer Familie loszulassen.

Und auch als Lebenszwischenfazit ist dieser Mangel an Verrücktheit ebenfalls etwas enttäuschend. Trost gibts mal wieder beim alten Philosophenkumpel Blaise Pascal. Wie hat er doch so schön erkannt: «Die Menschen sind so notwendig verrückt, dass es auf eine andere Art von Verrücktheit verrückt wäre, nicht verrückt zu sein.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt