Sternchen sprechen

Mit dem Stimmritzenverschlusslaut zur Inklusion: An der Universität Wien wird jetzt auch akustisch gegendert. Das setzt Sprachcomputer unter Stress.

Wird da gerade ein Inklusionssternchen akustisch umgesetzt? Man weiss es nicht, denn der «glottal stop» wird hinten im Rachen gebildet. Foto: Getty Images

Wird da gerade ein Inklusionssternchen akustisch umgesetzt? Man weiss es nicht, denn der «glottal stop» wird hinten im Rachen gebildet. Foto: Getty Images

Martin Ebel@tagesanzeiger

Der Weg zum Paradies, ja nur zum sprachlichen Paradies, ist lang und steinig, schnell verläuft man sich. Ein solches sprachliches Paradies wäre eines, in dem jeder Mensch mitgemeint, einbezogen und angesprochen wäre als der, der er ist, Mann, Frau oder weder Mann noch Frau. Ja, schon dieser Satz ist sehr unparadiesisch, weil vom Menschen die Rede ist, mit einem nun mal männlichen und allerhand Wesen ausschliessenden Wort.

Aber springen wir vom Allgemeinen ins Konkrete, zur Universität Wien. Unis haben ja gesellschaftlich eine begrenzte Macht, aber im hochschulinternen Schriftverkehr dürfen sie schon Vorschriften machen. Viele Universitäten, auch in der Schweiz, schreiben einen «gendergerechten» Sprachgebrauch vor, also irgendwas mit Binnen-I, Gender-Gap, Sternchen, x, Partizip-Präsens-Formeln oder Doppelnennungen. Auch wissenschaftliche Arbeiten von Studenten (mitmeinende Formulierung hier nach Wahl der Lesenden einzusetzen) werden danach beurteilt und manchmal gar abgewertet; auf den ersten Rechtsstreit darf man gespannt sein.

Der Universität Wien reicht die Gendergerechtigkeit nicht mehr, «genderinklusiv» muss die Sprache jetzt sein. Denn bloss Männer und Frauen anzusprechen, offenbart binäres Denken und schliesst das grosse weite Feld der trans-, inter-, a-sexuellen bzw. genderunspezifischen Menschen aus.

«Liebe - knack - r Benutzer - knack - in»

Eine «Taskforce Genderinklusion» hat jetzt das *-Sternchen als Lösung angeordnet, anzuwenden in allen Formulierungen, auch Anreden. «Herr» oder «Frau» sind nicht mehr zulässig, denn «dadurch besteht die Gefahr, Menschen einem Geschlecht falsch zuzuordnen». Das Sternchen sorgt dafür, dass alle gemeint sind bzw. niemand. Auch akustisch, so die Taskforce, kein Problem: Man deutet das Sternchen mit einem Stimmritzenverschlusslaut an, dem sogenannten «glottal stop». Also: «Liebe - knack - r Benutzer - knack - in». Nur lässt sich die akustische Inklusion sprachpolizeilich schwerer überwachen als im Schriftverkehr.

Das Paradies ist also greifbar nah. Nur nicht für die Sehbehinderten, immerhin eine durchaus inklusionsbedürftige Gruppe. Diese ist auf Sprachcomputer angewiesen, die die sprachgereinigten Formulierungen vorlesen. Screen-Reader, so ein Warnhinweis im sprachlichen Leitfaden, läsen den Genderstern aber leider mal als Pause, mal wörtlich als «Stern», «Sternchen, Asterisk», manchmal auch gar nicht, wodurch fälschlich der Eindruck der weiblichen Form entstünde.

Tja, da müssen wohl dringend Forschungsgelder für die Anpassung der Sprachprogramme freigemacht werden. Inklusion darf keine Einbahnstrasse sein!

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