Das Feuer wird weitergegeben

Patricia Kopatchinskaja ist eine der aussergewöhnlichsten und innovativsten Geigerinnen unserer Zeit. Ab der Saison 2018/19 übernimmt die 40-Jährige die künstlerische Leitung der Camerata Bern.

Eine Stargeigerin für die Camerata: Patricia Kopatchinskaja

Eine Stargeigerin für die Camerata: Patricia Kopatchinskaja Bild: Manu Friederich

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Eine kleine Sensation hat Direktor Louis Dupras zu verkünden: Der Camerata Bern ist ein Coup gelungen. Die in Bern lebende, gebürtige Moldauerin Patricia Kopatchinskaja konnte als neue künstlerische Leiterin gewonnen werden. Sie sei einstimmig gewählt worden, sagt Dupras. «Die Camerata Bern funktioniert basisdemokratisch. Die künstlerische Leitung wird vom Orchester gewählt, nicht von der Direktion oder dem Stiftungsrat.»

Kopatchinskaja tritt im Herbst 2018 die Nachfolge von Antje Weithaas an; die deutsche Geigerin möchte nach neun erfolgreichen Jahren mit der Camerata Bern wieder mehr Zeit für ihre weiteren musikalischen Projekte haben. Bereits Anfang 2018 wird Kopatchinskaja als Gastleiterin zur Camerata Bern stossen, an deren Seite sie in den letzten Jahren bereits mehrfach als Solistin begeistert hat.

In Bern zu Hause

Die Anfrage sei im richtigen Moment in ihr Leben gekommen, sagt Kopatchinskaja beim Treffen im Progr. Sie sei eben 40 geworden, habe die Schweizer Staatsbürgerschaft bekommen und fühle sich in Bern seit langem zu Hause. «Es war mein Traum, hier vermehrt arbeiten zu können.» Mit «arbeiten» meint sie nicht nur das Musizieren selbst, sondern vielmehr das musikalische Studium. Die Ruhe, die sie dazu braucht, hat ihr bisher gefehlt. «Jetzt kann ich ein paar Wochen im Jahr an einem Ort bleiben und mit hervorragenden Musikern experimentieren, Musik erforschen. Das ist für mich ein Glücksfall.»

Bisher hat ihr Leben als Solistin vor allem so funktioniert: Nach einer langen Reise kommt sie irgendwo an, es gibt eine Probe, dann geht es auf die Bühne, und unmittelbar danach führt die Reise weiter zum nächsten Termin in einer anderen Stadt. Diese «Normalität» in einem Musikerleben je länger je unbefriedigender.

Nicht die Asche anbeten

Die Mitglieder der Camerata Bern sind alle auch Solisten und Kammermusiker. Ein solch flexibles, intimes Zusammenspiel sei genau das, was sie sich unter einem idealen Musizieren vorstelle, sagt Kopatchinskaja. Dass das Ensemble ohne Dirigent spielt, findet sie ideal. «Das macht alles einfacher, weil die musikalische Kommunikation in einer kleinen Besetzung direkt zwischen den einzelnen Musikern stattfinden kann. Da braucht es keinen indirekten Vermittler.» Und wie steht es mit der musikalischen Tradition des Orchesters, wird es unter Kopatchinskaja einen Kurswechsel geben? Es sei wichtig, sagt sie, nicht die Asche anzubeten, sondern das Feuer weiterzugeben. Sie möchte das breite Repertoire, das von der Renaissance bis in die Moderne reicht, weiterpflegen: «Alles, was uns interessiert, machen wir.»

Kreatives Labor

Aber sie hat auch neue Ideen im Kopf. So wird es künftig bei der Camerata Bern einen Composer-in-Residence geben. Als Erster wird der junge amerikanische Komponist Michael Hersch nach Bern eingeladen. Sein Violinkonzert hat Kopatchinskaja in den USA uraufgeführt, «etwas vom Stärksten, was ich je gespielt habe». Sie stellt sich die Camerata Bern auch als kreatives Labor vor, wo jeder Musiker, jede Musikerin eigene Ideen einbringen kann, aber auch Komponisten aller Generationen: «Mir schwebt vor, eine Internetplattform einzurichten, die uns ermöglicht, kurze ‹messages› von Komponisten zu empfangen.»

Frisch komponierte Zweiminutenstücke als eine Art SMS? «Man kann das nennen, wie man will», sagt die Geigerin. «Short musical secrets oder secret mystical sounds – oder was auch immer.» Der Name sei unwichtig. Es gehe ihr darum, online einen ständigen Wettbewerb zu lancieren, um neue Musikstücke anzuregen und zu sammeln. «Wir besprechen im Ensemble, was uns gefällt. Was ins Programm passt, spielen wir.» Die Komponisten der gespielten Stücke würden honoriert, die Werke aufgenommen. «Diese lebendige Austauschplattform wird auch uns mit neuen musikalischen Ideen erfrischen», ist die künftige Leiterin der Camerata Bern überzeugt.

Keine Angst vor neuen Räumen

Dass das Kultur-Casino saniert wird und einige Konzerte deswegen in der Kursaal-Arena stattfinden müssen, bereitet ihr kein Kopfzerbrechen. Im Gegenteil, sie freue sich auf die Herausforderung unterschiedlicher Konzertorte. Es werde oft viel zu viel Tamtam gemacht um die Frage, ob eine Akustik nun gut oder schlecht sei. Sie zieht einen Vergleich: Wenn man einen Priester frage, wo seine Botschaft stärker sei, in einer Kirche, in einem Spital oder in einem Gefängnis – dann werde er antworten, es sei egal. «Auch uns Musikern sollte es egal sein. Es ist wichtiger, dass wir etwas zu sagen haben.» Ein Konzert dürfe nie zum Tempel werden, «es soll ein Zuhause sein für alle Beteiligten – die Musiker, die Komponisten und das Publikum». Man darf sich also freuen in Bern, doch wie wird das Publikum in aller Welt reagieren, wenn es künftig auf Kopatchinskaja als Solistin verzichten muss? Von Verzicht könne nicht die Rede sein, entgegnet die Geigerin. Sie spiele weiterhin überall in der Welt als Solistin mit andern Orchestern.

Diesen Sommer ist sie als Artiste étoile am Lucerne Festival, in den nächsten Jahren sind Auftritte mit den Berliner Philharmonikern, bei den Salzburger Festspielen, mit den London Philharmonic oder dem Cleveland Orchestra geplant. Auch mit der Camerata Bern möchte sie Tourneen unternehmen, daneben aber auch hier in den schulischen Vermittlungsprojekten aktiv werden: «Die jungen Zuhörer sind mir wichtig.» Als Musikerin habe sie in der Schweiz viel Unterstützung bekommen, sagt Kopatchinskaja. «Nun kann ich etwas zurückgeben.» (Der Bund)

Erstellt: 05.05.2017, 16:29 Uhr

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