So laut, dass man sie hinter verschlossenen Fenstern hört

Unsere Wohnung liegt an der Hauptverkehrsachse der Jubelkorsos. Zeit, Bilanz zu ziehen, welche Fans den WM-Euphoriepreis gewinnen.

Gestern feierten Fans in der Langstrasse in Zürich den Sieg des kroatischen Teams. Auf dem Weg dorthin gaben sie Hupkonzerte. Quelle: Webvideo Tamedia

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20 Minuten dauert es, bevor die ersten Autos hupend durch die Strassen fahren. Wild werden Fahnen geschwenkt, am besten durchs offene Dachfenster; brüllen und weitere Fahnen schwenken durch alle weiteren Autofenster gehört ebenso dazu. Hupen versteht sich von selbst, durchgehend oder im Takt. Auch im Duett mit anderen Jubelautos.

So ging das nach vielen Spielen. Anfangs standen wir noch am Fenster, um das Spektakel zu beobachten. Irgendwann lagen wir nur noch im Bett und hielten uns die Ohren zu – doch da gab es Unterschiede, wie lange. Denn die Fans der unterschiedlichen Teams waren nicht alle gleich laut oder leise.

Überraschungen gibt es bei dieser Preisvergabe keine grossen. Machen wirs kurz: Die Albaner haben gewonnen, egal, in welcher Nati sie spielen. Wenn ein Team, in dem Albaner spielen, gewann, wussten wir: Das wird eine kurze Nacht. Die Strasse wurde geflutet von schwarz-roten Adlern, die Kornhausbrücke verwandelte sich in eine Disco, man begann bereits auf der Brücke aus den Autos zu steigen und zu tanzen. Irgendwann endlich Ruhe. War es 2 oder 3 Uhr?

Nach dem Spiel Schweiz-Serbien liessen Albaner und Schweizer ihrer Freude freien Lauf – bis tief in die Nacht, vor unserem Fenster. Video: Nadja Reber

Auf Platz zwei folgen die Kroaten. Auch sie mögen Musik während der Fahrt im Jubelauto. Lautstärke: so laut, dass man sie bei uns hinter verschlossenen Fenstern noch hört. Dazu Sprechgesänge: «Hrvatska! Hrvatska!» Gerade im direkten Vergleich zu den Fans der Engländer seien die Kroaten zudem die lauteren Brüller, höre ich von jemandem, der bei einem Public Viewing war. «Beim zweiten Goal ist unser Quartier explodiert», sagt jemand, der nicht wusste, dass in seinem Quartier so viele Kroaten wohnten – bis gestern.

Der dritte Platz geht an die Brasilianer. Ihr Autokorso ist nicht so beeindruckend wie jener der Albaner. Doch beim Tanzen können sie allemal mithalten. Sie hätten sogar nach ihrer Niederlage getanzt, erzählt jemand. Für viele Fans der deutschen Elf unvorstellbar.

Voraussetzung für einen Jubelkorso oder ein Tanzfest an der Langstrasse ist aber nicht nur die Freude, sondern auch die Anzahl der Fans. Denn stellen Sie sich vor, Turkmenistan hätte gewonnen. In der Stadt Zürich hätten die Turkmenen gerade mal ein Auto gefüllt. Laut Statistik gab es hier 2017 nämlich fünf Turkmenen. Hätte Sambia, Niger oder Guinea-Bissau einen Match für sich entschieden, wäre gerade mal je ein Fahnenträger aus dem jeweiligen Land am Start gewesen. Doch wie man so schön sagt: Fussball ist Völker verbindend. Man sollte sich also auf die Solidarität von Mitfans verlassen können. Hauptsache Jubel, Hauptsache Festen.

Auch wenn unsere Nerven langsam, aber sicher ausgedünnt sind von all den akustischen Impressionen, eine Szene hat mir verdeutlicht, dass Jubel nicht anders als laut sein kann. Nachdem es Kroatien in den Halbfinal geschafft hat, fuhr ein Auto an mir vorbei, die Fahnen wurden euphorisch geschwenkt, zu allen Fenstern raus. Aber das Hupen blieb aus. Das war zwar höflich, aber absurd. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.07.2018, 19:03 Uhr

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