«Sie wollen uns töten, unser Land, unsere Wurzeln, unsere Identität»

Der IS zerstört in Syrien Kulturschätze, Archäologe Mohamad Fakhro denkt schon an den Wiederaufbau.

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Sie sind Vizedirektor des ­Nationalmuseums in Aleppo. Wann waren Sie das letzte Mal dort?
Vor einem Jahr, letzten November.

Wie sieht es heute dort aus?
Alle Objekte sind gesichert. Die sehr raren und kostbaren Stücke sind an einem sicheren Ort ausserhalb der Stadt. Dann haben wir viele grosse Statuen und Re­liefs, bis fünfzehn Tonnen schwer und kaum zu transportieren. Die haben wir rundum mit Sandsäcken zugepackt. Für die Objekte im Freien haben wir Holzverschalungen gebaut und sie mit Sand aufgefüllt. Damit sind sie gegen Granaten und Splitter geschützt.

Die Altstadt rundherum ist weitgehend zerstört, und es gibt Bilder vom teilweise eingestürzten Museum.
Ja, das Gebäude ist beschädigt. Doch den Beständen ist nichts passiert. Es sind auch noch keine bewaffneten Gruppen eingedrungen. Aber das Risiko von Raub und Diebstahl besteht. Zwar wird die Gegend von der Armee des Regimes kontrolliert, aber die Front ist nur zwei-, dreihundert Meter weit weg.

Wie haben Sie zuletzt in Syrien gelebt?
Das Leben war sehr schwierig. Mein Dorf liegt fünfzig Kilometer westlich von Aleppo. Früher habe ich diesen Weg täglich zurückgelegt. Als die Kämpfe anfingen, musste ich Umwege nehmen, und schliesslich gab es nur noch einen Zugang zur Stadt, vom Rebellen- ins Regimegebiet. Dann wurde auch dieser Zugang geschlossen, es blieb nur eine zwölfstündige Route über zahllose Checkpoints. Früher hätte man für diese Fahrt 20 syrische Pfund bezahlt. Nun waren es 2500.

«Wer bleibt, muss damit rechnen, dass er umgebracht wird.»

Und wie haben Sie es nach Europa ­geschafft?
Ich habe mich bei meinen Kollegen in Deutschland gemeldet. Wir haben vor dem Krieg in Tell Halaf zusammengearbeitet, einem prähistorischen Siedlungshügel im Nordosten Sy­riens. So konnte ich im Projekt weiterarbeiten, mit einer Stelle an der Universität Tübingen, wo ich nun meine Ausgrabungen in Tell ­Halaf auswerte und veröffentliche.

Die Zerstörung von Kulturschätzen durch den IS ist ein grosses Thema im Westen – etwa in Bezug auf Palmyra, die ­Ruinenstadt in der Syrischen Wüste.
Sie wollen uns töten, Schritt für Schritt: unser Land, unsere Wurzeln, unsere Identität. Palmyra war eine Ikone, ein Zeugnis für die Frühzeit mehrerer Zivilisationen.

Wie gross sind die Verluste?
Es gibt nur Luftaufnahmen. Aber man kann sicher sein, dass die Zerstörungen verheerend sind. Der IS hat in Palmyra den Baalschamin-Tempel und den grossen Triumphbogen gesprengt. Früher haben die Rebellen der Freien Syrischen Armee, aber auch andere Gruppen für einen gewissen Schutz der Kulturgüter gesorgt. Wir hatten Beziehungen zu ­diesen Leuten, weil sie Einheimische waren.

Mit dem IS funktioniert das nicht?
Unsere Leute fliehen. Wer bleibt, muss damit rechnen, dass er umgebracht wird.

Das ist Khaled al-Asaad passiert, Ihrem Kollegen in Palmyra.
Er hat fast sein ganzes Leben diesem Ort gewidmet. Der IS achtet gar nichts. Das sind verrückte, aber auch einfältige Leute. Sie glauben wohl, irgendwo in Palmyra seien tonnenweise Goldschätze vergraben. Ich denke, sie haben Asaad ermordet, weil er dazu nichts ­sagen konnte.

Man kann sich fragen, warum man sich überhaupt um Kulturgüter sorgen sollte. In Syrien ist über eine Viertelmillion Menschen gestorben.
Klar sind die Menschen wichtiger, ohne sie ist das kulturelle Erbe sinnlos. Aber wenn sich die Welt über die Zerstörungen in Palmyra entsetzt, kann man auch auf das menschliche Leid aufmerksam machen. Der IS ermordet Kinder.

Der IS raubt auch Kulturgüter und finanziert sich mit ihrem Verkauf.
Illegale Ausgrabungen gab es schon früher, durch Einheimische. Aber auch mit ihnen konnten wir reden. Wenn man einfach drauflos gräbt, bringt man die Schichtung im Boden durcheinander, und so gehen alle Informationen über Alter und Kontexte für immer verloren. Nun bewilligt der IS irgendwelchen Leuten Raubgrabungen. Zudem erhebt er Abgaben auf die Funde, 20 Prozent. Oder 50 Prozent, wenn er den Leuten die Werkzeuge ausleiht.

Und wo werden die antiken Stücke gekauft?
In Europa, den USA, China, überall. Man kann die Stücke im Internet finden.

«Wer jetzt noch Objekte aus Syrien kauft, kann sicher sein, dass er so den IS unterstützt.»

Landen sie auch in der Schweiz?
Ich bin nicht hundertprozentig sicher. Aber wahrscheinlich schon.

Vor einem Jahr hat die Schweiz ein Embargo für alle syrischen Kulturgüter beschlossen.
Das schätze ich sehr. Das Embargo wird den Schwarzhandel nicht ganz unterbinden, aber entscheidend erschweren. Wer jetzt noch Objekte aus Syrien kauft, kann sicher sein, dass er so den IS unterstützt.

Sie haben sich öffentlich darüber entsetzt, dass es eine UNO-Resolution zum Schutz der syrischen Kultur­güter gibt, die Grossmächte aber damit nicht Ernst machen wollen.
Ja. Die Option eines militärischen Eingreifens war Teil der Resolution. Dass sie verletzt werden würde, war klar, als der IS in Palmyra einmarschiert ist. Ich habe keine Ahnung, warum niemand darauf reagiert hat.

Kein Land riskiert das Leben seiner Soldaten für antike Ruinen.
Natürlich. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat aber Frankreichs Präsident Hollande diese Woche erklärt, man müsse mehr für Syriens kulturelles Erbe unternehmen. Am Ende wird aber wieder nichts passieren. So funktioniert offenbar Weltpolitik.

Man hört, auch Syriens Regierung verkaufe antike Kulturschätze ins Ausland.
Das ist nicht wahr. Früher mag es Funktionäre gegeben haben, die sich mit Antiquitätenhandel bereichert haben. Und im Krieg respektieren die Regierungstruppen Kulturgüter so wenig wie andere Gruppen. Plünderungen gibt es aber keine.

2003 wurde das irakische Nationalmuseum in Bagdad geplündert. Fürchten Sie, dass das auch in Aleppo passiert?
Wir wollen es möglichst verhindern. Aber es gibt ein Problem in der Hauptstadt Damaskus: Man hat wertvolle Objekte aus mehreren Museen dorthin geschickt. Das war wohl keine gute Idee.Wertvolles sollte man dezentral lagern.

Was können Sie von hier aus tun?
Zurzeit wird die Schweizer Sektion von Shirin International gegründet. Das sind Fachleute, die sich um den Erhalt des ­syrischen Kulturerbes kümmern, mit dem Austausch von Informationen und der Unter­stützung von Archäologen vor Ort. Eine weitere Idee ist die Einrichtung von «Safe Havens».

Die Schweiz als eine Art Rotes Kreuz für Antiquitäten?
Eine gute Idee. Allerdings ist für die Behörden in Damaskus die Entsendung von Kulturgütern ins Ausland wohl eine rote Linie, die sie nicht überschreiten.

Wann kehren Sie nach Syrien zurück?
Wenn der Krieg zu Ende ist. Ich möchte mich am Wiederaufbau beteiligen. Neben dem Projekt in Tübingen arbeite ich an der Uni Bern an meiner Doktorarbeit, es geht um Strategien zur Rekonstruktion unseres historischen Erbes. Das kostet viel Geld. Aber bei manchen Gebäuden in Warschau dauerte es nach dem Zweiten Weltkrieg sechzig Jahre, bis sie rekonstruiert waren. Die Sanierung der Frauenkirche in Dresden dauerte ähnlich lang.

Glauben Sie, dass Aleppo auferstehen wird wie Warschau?
Es wird so sein. Aleppo wurde im Lauf der Geschichte acht-, neunmal zerstört. Als ich die Bilder aus Palmyra sah, dachte ich sofort daran, wie man es wiederaufbauen könnte. Wo es noch Steine hat, ist das möglich.

Glauben Sie, dass Syrien überlebt, ein syrisches ­National­bewusstsein?
Vor dem Krieg war Syrien ein Mosaik von Völkern, Sprachen und Religionen, die friedlich zusammenlebten. Natürlich sind nun grosse Gräben entstanden. Aber ich hoffe, dass die Syrer verstehen, dass sie nur als geeinte Nation bestehen können. Auch wenn der Wiederaufbau einfacher ist als die Wiedervereinigung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2015, 17:49 Uhr

Mohamad Fakhro ist Sunnit, aber darauf kommt es ihm nicht an: Mohamad Fakhro, geboren 1977, sieht sich als Archäologe dem Erbe aller Syrer verpflichtet. Seinen Posten als Vizechef des Nationalmuseums in Aleppo hat er verlassen – und unbezahlten Urlaub für seine Forschungsarbeit in Tübingen und Bern bezogen. Derzeit lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im deutschen Grenzach, gleich hinter der Grenze in Basel. (ddf)

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