Selbstfahrende Milchkästen

«Wahrheit»-Kolumnist Daniel di Falco sinniert über Automatenautos.

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Können wir uns die Demokratie noch leisten? Gleich nach dem Wahlsonntag hat eine Leserin für den Rückzug der Konkurrenz plädiert, also für eine stille Wahl ins Stadtpräsidium: «Jeder würde Grösse zeigen, und es könnte sehr viel Geld gespart werden.»

Kann man sich überlegen. Aber dann müssten eigentlich alle Mandate darauf geprüft werden, ob sie nicht kosten­bewusster besetzt werden könnten. Es würde dann zum Beispiel eng für die Esseiva-Schwestern, also Vivianne (bisher) und Claudine (neu). Sie sitzen nun zu zweit für die FDP im Stadtrat, und «wir ergänzen uns perfekt», so Esseiva (neu) am Dienstag im «Bund»: «Meine Schwester hat ein gutes Gespür für Zahlen, ich für Worte.»

Gibt es eventuell Fachkräfte in der Politik, die beide Talente vereinen, und zwar in einer Person? Das wären tolle Synergien. Aber «jetzt zu anderen Themen» (Heinrich Müller, «Tagesschau»). Und zwar zu jenem Ding, dem die Kollegin neulich in der Lorraine begegnet ist. Es war eine Box mit einem Deckel, etwas kleiner als ein Hotelkühlschrank, aber mit sechs Rädchen. Und es war so leise wie zielstrebig auf dem Trottoir unterwegs in Richtung Innenstadt. Die Kollegin drehte sich um, weil sie sehen wollte, wie es an den Liefer­wagen vorbeikäme, die auf dem Trottoir standen. Doch da war es schon weg. Darum hat sie auch nicht gesehen, ob es den Fussgängerstreifen benutzte. Und wo eigentlich der menschliche Aufpasser war, der es begleiten sollte.

Begegnungen mit dem Ding sind ja rar. Aber man hört, die Begleitpersonen seien richtige Türstehertypen. Und die Post macht kaum umsonst ein Geheimnis um die Einsatzpläne der fünf Liefer­roboter, die sie seit September in Bern, Köniz und Biberist testet. Offenbar will sie das Risiko minimieren, dass die unbemannten Pöstler von Kindergärtlern eingekreist werden, die sich einen Spass daraus machen, ihnen den Weg abzuschneiden, bis sie verzweifeln. Oder ihr Akku leer ist.

Tatsächlich sind diese fahrenden Milchkästen darauf programmiert, Problemen aus dem Weg zu gehen. Was aber ist mit der Programmierung der bisherigen Verkehrsteilnehmer? An ?er Medienpräsentation im August fuhr ein Robopöstler einem Figuranten seitlich in die Beine. Immerhin ist Bern eine Stadt mit vielen Brücken, und es sind schon ganz andere Sachen in der Aare gelandet als die Zukunft der Paketlogistik auf der letzten Meile.

Und das ist noch nicht alles. Päckli­mobile, Kurierdrohnen, fahrerlose Kleinbusse – während die Post laufend neue Erfindungen auf die Piste schickt, zerbrechen sich Juristen und Ethiker den Kopf. Und das Problem fängt nicht erst beim Automatenauto an, das sich vor einem Unfall entscheiden müsste, das Leben seines Insassen zu retten oder das eines Fussgängers. Schon der Bot in der Lorraine wird irgendwann auf das Problem stossen, dass er zwar den Fussgängerstreifen benutzen darf, aber keine Idee hat, wie er seinen Vortritt geltend machen könnte. Wie soll so ein Ding zum Verkehrsteilnehmer werden?

Schwierige Frage. Aber vielleicht kann man sie getrost den Experten überlassen. Und vielleicht haben ?die Propheten der Automatisierung auch recht mit ihrem Trost, dass der Fortschritt nicht nur menschliche Arbeit überflüssig mache (die der Velokuriere etwa), sondern stets auch neue schaffe. Das Gewerbe des Postkutschenüberfalls jedenfalls könnte, nach der Abschaffung des Wilden Westens, bald ganz neue Per­spektiven bekommen. Zumal die Dinger nur Schritttempo fahren.

Von der Post kommt zwar die Warnung, sie seien mit Kameras ausgerüstet, die die Umgebung erkennen und damit auch Zeitgenossen, die sie vom Trottoir schubsen oder ausnehmen wollen. Aber richtig lustig wird es erst, wenn das Postroboterkidnapping technologisch nachzieht. Mit Postroboterkidnappingrobotern.

Der Bund

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