Sein Leben: Ein Suchen und Finden

Dem Berner Fotografen Fernand «Sepp» Rausser zum Gedenken, der in seinem neunzigsten Lebensjahr gestorben ist.

Fernand Rausser.

Fernand Rausser. Bild: Valérie Chételat

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Erst noch... Erst noch ist wohl der häufigste, möglicherweise aber auch der billigste Anfang, eines verstorbenen Freundes zu gedenken.

Dennoch sei er hier gestattet. Erst noch die Umarmung Fernand Raussers, die ein Teilen der Trauer beim Abschied von seinem Bruder Edwin, dem Architekten, war.

Für viele wurde sie ein Adieu. Manche werden sich an den Moment bei der Pauluskirche erinnern: Sepp, wie die Copains und die nahen Bekannten Fernand Rausser nennen durften, war leicht geworden. Er ging zwar schwer.

Fernand Raussers Leben darf als ein unablässiges Suchen bezeichnet werden, als ein Suchen nach der Liebe und nach dem Leben in all seinen Erscheinungsformen, den hellen und den dunkeln, den süssen und den bitteren, ein Suchen nach dem Bild.

Wenn aus dem Suchen ein Finden wurde, entstanden für ihn Momente des Glücks. Fernand erhielt 1997 ein zweites Herz und damit ein zweites Leben. Der damals schon durch ein reiches Schaffen bekannte 71-jährige Fotograf hörte nie auf, für dieses «Geschenk» zu danken.

Es erlaubte ihm ein neues Denken und Beginnen. Der wohl bedeutendste Augenblick des Findens ist indessen die Begegnung mit Ursula von Allmen, die vor elf Jahren seine Frau wurde und ihn schon nach der Herztransplantation als «Schutzengel» begleitete.

Ein Gebet?

Der Engel schien Fernand Rausser gewiss zu sein, Gott wohl weniger. Vor zehn Jahren veröffentlichte er zu seinem Achtzigsten ein schwarzweisses Buch.

Er, der zu jenen Fotografen zählte, die sich in farbigen Bildern genauso faszinierend, so bewegend und so ergreifend und erschreckend auszudrücken verstanden wie in Schwarzweiss, dem lange allein der Kunststatus zuerkannt wurde.

Das schwarzweisse Buch, es mag das dreizehnte gewesen sein im eigenen Wegwarte-Verlag, heisst «Warum mein Herr?». Es ist ein Gespräch mit Gott, eine Auseinandersetzung mit dem Herrn. Oder ist es ein Gebet? Gar eine Anklage?

Ein Aufschrei? Die Bilder werden zu einer Parade von Leidenden und Lachenden, Bewaffneten und Schutzlosen, zu Zeugnissen aus der Weite der Welt und der Nähe der Menschen. Und er fragt und fragt in Bildern, die alles erzählen, und kurzen Texten, die unbeantwortet bleiben.

Als Fernand Rausser für den Buchumschlag eine Kurzbiografie verfasste, schrieb er, «1926 in Bümpliz geboren, zweites von sechs Kindern, grossartige Eltern, Jugend mit viel Sonnenschein (fleissiger Schutzengel). Lebt in Münchenbuchsee, Frauenfeld, Genève, Lausanne, Bern. Seit 1963 in Bolligen bei Bern.»

Mancherorts dürften noch die gesammelten Kalenderbilder von Fernand Rausser zu finden sein. Sie waren farbig und berichteten von weiten Horizonten, von Meeren und Himmeln und immer wieder von der Erde, der Zeichnung des Pflugs und dem Geflecht der Wege.

Sie liessen sich zu einem Epos der Natur aneinanderreihen, unglaublich schön, doch vom Menschen bedroht. Fernand Rausser reihte sie nicht aneinander, sondern liess seine Bilder zu einer Zwiesprache antreten, einmal aus Gegensätzen, ein andermal zum Duell oder zu einer Begegnung.

Es war ein Erlebnis, mit Sepp zusammenzuarbeiten in seinem fotografischen Welttheater. Fragen war bei ihm stets erlaubt.

Die ganze Vielfalt

Ich schrieb damals: «Die Antwort ist ganz kurz, dafür umso präziser: ‹Alles›, sagte der Fotograf Fernand Rausser, wenn er auf seine Lieblingsmotive angesprochen wird.

Alles ist viel. Alles ist mehr als viel. Und so erklärt der Fotograf nach einem Moment des Besinnens seinen spontanen Superlativ mit einem weiteren: ‹Die ganze Vielfalt.› Keine Spur von Überheblichkeit ist dabei, dafür ein Schmunzeln.

Und dann im abschliessenden Satz feiner hintergründiger Humor: ‹Meine Kamera lacht, weint und staunt.› Der Meister nimmt sich als ‹Handwerker› hinter sein Werkzeug zurück, das noch Fotoapparat hiess, als der gebürtige Bümplizer damit zu arbeiten begann.» Das Buch erhielt dann auch den Titel «Meine Kamera lacht, weint und staunt».

Das ist doch eine Erkenntnis, die der Meister dem Lehrling mitgibt. Fernand Rausser war auch Lehrer. Er gab sein Können weiter, einer Jugend, die sich der Bilderflut erwehren muss.

Wer seine späten Jahre betrachtet, erkennt, dass er über sein Fotografieren hinaus ein Lebenslehrer geworden war, ein witziger Cartoonist und ein besorgter Philosoph, der zu Begegnungen mit dem Befreiungstheologen Leonardo Boff, mit Menuhin und mit Max Frisch führte, Erkenntnisse eines Niklaus Berger und eines Martin Ernst Schweingruber weitergab, offene Kritik ermöglichte und immer wieder Bücken baute. «Meine Helden sind das Unkraut, das Gras, der Regentropfen» war sein Bekenntnis. (Der Bund)

Erstellt: 01.04.2016, 09:30 Uhr

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