Schreibrausch am Essaypreis

Guter Stoff: Sarah Grandjean gewinnt den 13. «Bund»-Essay-Wettbewerb zum Thema Drogen.

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«Ein crazy, crazy, crazy, nüchternes Willkommen.» So begann Moderator Jürg Halter den Abend, an dem in der Dampfzentrale die Gewinnerin des diesjährigen Essay-Wettbewerbs erkoren wurde. Halter, Pionier der Spoken-Word-Bewegung, Musiker und Schriftsteller, führte mit trockenem Witz durch einen Abend, in dem der Rausch im Zentrum stand - inhaltlich und für manche vielleicht auch beim gar nicht nüchternen Apéro riche in der Pause.

Doch zurück an den Anfang: Schon die Visuals der HKB (Leitung: Viola Zimmermann und Manuel Schüpfer), die auf eine Leinwand hinter der Bühne projiziert wurden, versprachen Psychedelisches. Manchmal sah es da aus wie der Inhalt einer Lavalampe, dann wurden Werbespots für Glückspillen oder Bilder gezeigt, die einem intensiven Trip entstammen könnten.

Das war bunt, witzig und erinnerte teilweise an die Collagen von Monty Python. Für musikalische Unterhaltung sorgte Pamela Mendez, die letztes Jahr ihr zweites Album «Time» taufte. Mit rauchiger Stimme und vielschichtigen Backings führte sie durch das Programm und erntete viel Applaus.

Horizonterweiterung

Gegen hundert Einsendungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren von der Jury zu begutachten. Eine Auswahl trafen Esther Pauchard, leitende Ärztin einer Suchtfachklinik in Burgdorf und Autorin, Michael Herzig, Dozent für Soziale Arbeit an der Zürcher Fachhochschule ZHAW und ebenfalls Schriftsteller, sowie «Bund»-Chefredaktor Patrick Feuz. Pauchard sprach über die Frage, ob sie nun Expertin in Suchtfragen sei: «Was hätte ich für einen Essay geschrieben? Habe ich das Wissen, die Wahrheit, die Haltung?» Die Lektüre und Diskussion der Texte habe den Horizont erweitert.

Aus den drei besten Essays durfte das Publikum per Urnenabstimmung den Gewinnertext küren. Auf dem dritten Platz landete Peter Weibel. Der Berner Arzt und Schriftsteller ist den Essaypreis-Fans schon ein Begriff: 2009 war er ebenfalls Preisträger. Sein Essay erzählt von den «Rauschjahren» im Berner Kocherpark, von verwüsteten Körpern und vom hart erkämpften Überleben.

Geister oder Dämonen?

Der zweite Platz ging an Vanja Palmers, Millionenerbe des Palmers-Textilkonzerns, Zen-Buddhist und von der NZZ einst als «gefährlichster Mann der Schweiz» bezeichnet. In seinem Essay, der auch offen von persönlichen Drogenerfahrungen berichtet, sind Rauschmittel ein Versprechen von Erkenntnis, Kreativität und Frieden.

Und dann ist da noch Sarah Grandjean. Mit ihren 23 Jahren geht sie als bis jetzt jüngste Gewinnerin in die Geschichte des Wettbewerbs ein. Die Grafikerin hat einen Essay geschrieben, der zeigt, wie ambivalent die «kleinen Geister» sind, die der Rausch ruft - sie können zerstören, aber sie erlauben auch, einander näherzukommen, dem Alltag zu entfliehen und alles zu hinterfragen. Sind Rauschnmittel Geister oder Dämonen? Grandjean lässt es in der Schwebe.

Alle, die es kurz und prägnant mögen, kamen auch auf ihre Kosten: Eine neue Kategorie des Wettbewerbs ist, in den Worten Halters, «der Beweis, dass nicht nur Trump twittern kann». Aus über 60 Tweets, also Kurztexten von maximal 280 Zeichen, wurde per Applausometer eine Gewinnerin bestimmt. Janine Oggiers Tweet über die Schwierigkeiten, als ehemals sehr liberale «coole Socke» mit einem kiffenden Sohn umzugehen, konnte das Publikum am meisten überzeugen.

Ob man sie nun persönlich goutiert oder nicht: Drogen geben offensichtlich ausgezeichneten Stoff für anregende Texte ab.

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