Saumässig viel Kohle

«Wahrheit»-Kolumnistin Regula Fuchs über die Finanzlogik von Sechsjährigen und digitale Sparkässeli.

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Regula Fuchs

Auf einmal war das Geld weg. Kein Zehner-, kein Fünfziger-, kein Hunderternötli mehr. Nur noch ein einziger Zwanziger lag einsam in seinem Fach. Wer nur hatte das Geld aus der Spielpost genommen und verschwinden lassen?

Spielpost, Sie erinnern sich: Da können Kinder einen Postschalter aus Karton aufklappen, Mini-Einzahlungen auf Mini-Einzahlungsscheinen vornehmen, mit einem Mini-Stempel Mini-Briefe abstempeln, Mini-Briefmarken ablecken und den ganzen Kleinkram mit Mini-Geld zahlen. Doch nun war die Mini-Kohle weg. Ein Nachbarsbub hatte in letzter Zeit ein auffälliges Interesse an Bargeld entwickelt. Als unser Jüngerer vom gemeinsamen Spielen kam, hiess es auf die Frage, was sie gemacht hätten: «Geld gezählt.» Aber wir wollen natürlich niemanden voreilig beschuldigen.

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Schon bald wird solches sowieso nicht mehr passieren. Kinder werden nämlich mehr und mehr an den bargeldlosen Zahlungsverkehr herangeführt. Jedenfalls, wenn Eltern ihnen ein Sparkässeli der Credit Suisse schmackhaft machen: Digipigi heisst das auffällig beworbene Produkt. Es ist ein elektronisch ausgestattetes Sparschwein, das auf seinem Display-Gesicht Schnuten ziehen kann - und sowohl Münzen wie auch elektronische Batzen frisst, per App nämlich.

Kinder ab null Jahren können (auf ihrem eigenen Handy?) Sparziele eintippen und sich das Sackgeld überweisen lassen (wahrscheinlich per Dauerauftrag). So wird das Grinsen des Säuli immer feister, und wenn die 250 Stutz für das gewünschte Velo beisammen sind, schnappt sich das Kind seine Maestro-Karte und melkt den Bancomaten.

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Also ich weiss nicht. Mein Erstkontakt mit dem Mammon? Wir haben als Primarschüler wie vergiftet Monopoly gespielt. Ich spüre jetzt noch die verführerisch zarten lindgrünen 2000er-Scheine in meinen Fingern, die sich allmählich zu einem ordentlichen Bündel stapelten, das man nach jeder Runde zärtlich auffächerte und wieder zusammenschob. (Jetzt gibt es ja Monopoly-Spiele mit Bankkarten - was für ein Verlust!)

Jedenfalls ereignete es sich einst, dass der verregnete Nachmittag noch nicht besonders weit fortgeschritten war und sich einer der Mitspieler bereits hart am Konkurs bewegte. Da wir das Ende noch etwas herauszögern wollten, spendeten wir anderen ihm alle ein grosszügiges Almosen. Nur, was tut der Undankbare, als er am Zug ist? Aus seiner Socke zieht er mehrere versteckte 10 000er-Noten und zack! Kauft gleich ein paar Hotels, um uns in der Folge gnadenlos abzuzocken. Ja, wir haben einiges gelernt über Geld beim Monopoly-Spielen.

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Um unsere eigenen Kinder gleichzeitig in die Marktwirtschaft einzuführen und sie den bewussten Umgang mit Ressourcen zu lehren (und einiges an Krempel loszuwerden), richteten wir letzthin einen Stand auf einem Flohmarkt ein. Der Krempel ward zwar nicht weniger, denn das verdiente Geld wurde sofort reinvestiert. Die Tochter erstand einen Furby. Das ist ein interaktives Plüschviech, das nonstop herumplärrt und sich mit Digipigi blendend verstehen würde.

Warum nur hatten wir eingewilligt, dass die Kleinen mit dem Geld machen dürfen, was sie wollen? Im Vorfeld hatten wir nämlich noch diskutiert, wem es zusteht: uns, die wir das Zeug ursprünglich berappt hatten. Oder den Kindern. Der Bub sagte: «Ich habe so schön mit den Sachen gespielt, das hat dich schliesslich zum Lächeln gebracht, oder? Da hattest vor allem du etwas davon.» Daher stünde ihm nun der ganze Erlös zu. Die Finanzlogik eines Sechsjährigen. Unbezahlbar.

P.S. Wir haben dann einfach neues Geld gekauft: Fr. 11'735.20 - für nur Fr. 9.90.

Der Bund

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