Ruchs «Honigtopf» für Nazis

Philipp Ruch, der vor zwei Jahren zur «Entköppelung» aufrief, will Rechtsradikalen eine Falle gestellt haben.

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Andreas Tobler@tobler_andreas

Die Polizei zögerte nicht lange, auch die Meinungen waren rasch gemacht, als am Montag das «Zentrum für Politische Schönheit» sein neues Projekt vorstellte: Im Nachgang zu den Aufmärschen in Chemnitz schaltete das aktivistische Kunstkollektiv rund um den Schweizer Philipp Ruch einen Internet-Pranger auf.

Fotos von Demonstranten, die ihren Arm zum Hitlergruss recken, waren auf der Website zu einem «Katalog der Gesinnungskranken» gruppiert. Die abgebildeten Rechtsradikalen sollten identifiziert und bei ihren Arbeitgebern angeschwärzt werden, gegen eine Belohnung von einigen Euro. «Denunzieren Sie noch heute Ihren Arbeitskollegen, Nachbarn oder Bekannten und kassieren Sie Sofort-Bargeld», hiess es auf www.soko-chemnitz.de.

«Kunstaktion»: Die Aktivisten erklären ihre Motivation. Video: Reuters

Ruchs jüngste Aktion bediene die «Logik der Ausgrenzung und Einschüchterung, gegen die sie sich angeblich richtet», hiess es in ersten Einschätzungen. Auch Polizei und Justiz reagierten prompt: Ruch musste eine Unterlassungserklärung unterzeichnen, die seiner Gruppe eine weitere Nutzung von Bildmaterial verbietet. Zudem wurde ein eigens angemietetes Büro «im Sinne der Gefahrenabwehr» dem Kollektiv entzogen. Die strafrechtliche Relevanz des Projekts werde geprüft, erklärte die Polizei. «Das ist kein Aufruf zur Unmenschlichkeit, sondern ein Angebot an die Privatwirtschaft, Haltung zu zeigen», rechtfertige Philipp Ruch die jüngste Aktion im Interview mit dem Newsnet.

Coup oder Fake?

Gestern Nachmittag wurde Ruchs Internet-Pranger durch eine neue Seite ersetzt, die sich als Coup ankündigt: Das Projekt sei ein «Honeypot» gewesen, heisst es dort neu. Denn als erstes hätten Rechtsradikale im Suchfeld ihren eigenen Namen eingegeben, dann die ihrer Familienangehörigen und zuletzt die der Freunde. Aus diesen Angaben habe sich «mittels Netzwerkanalyse und Datenvisualisierung» Freundeskreise, Knotenpunkte und Mitläufer «relativ einfach» ermitteln lassen. «Die Datensätze boten die einmalige Möglichkeit, das ‹Netzwerk Chemnitz› auszuleuchten.»

Ob es tatsächlich möglich ist, mithilfe von Sucheingaben Rechtsradikale und ihre Netzwerke zu identifizieren, bleibt offen – ebenso, was das Künstlerkollektiv mit allenfalls ermittelten Identitäten anfangen will. Bei Ruchs Aktionen drängt sich fast immer die Frage auf, ob es sich bei ihnen nur um Fake handelt, mit dem das Kollektiv auf seine Anliegen aufmerksam und sich selbst im Gespräch halten will. Zumindest Letzteres ist dem «Zentrum für Politische Schönheit» auch diesmal gelungen.

Philipp Ruch: Der 37-Jährige wurde als Sohn eines Schweizers und einer DDR-Bürgerin in Dresden geboren (Bild: Tamedia).

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