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Auch er kann nicht widerstehen

Wenn Worte zu Gold werden: Reden für Banken sind hochlukrativ. Wer profitiert?

Auch er verdient gutes Geld mit seinen Ansprachen: Barack Obama. (1. November 2009)
Auch er verdient gutes Geld mit seinen Ansprachen: Barack Obama. (1. November 2009)
Keystone
Verdient ein Vermögen in Minuten: Rednerin und Fast-Präsidentin Clinton. (13. November 2006)
Verdient ein Vermögen in Minuten: Rednerin und Fast-Präsidentin Clinton. (13. November 2006)
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Erst Chef bei Goldman Sachs, dann im Weissen Haus: Henry Paulson (links). (15. Juni 1998)
Erst Chef bei Goldman Sachs, dann im Weissen Haus: Henry Paulson (links). (15. Juni 1998)
Keystone
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Oktober 2014, in einer Filiale der Deutschen Bank, New York: Als Hillary Clinton 15 Wörter gesagt hat, hat sie ungefähr 1020 Dollar verdient. Clinton hält eine 3325 Wörter lange Rede, 2013 hatte sie für eine ähnliche Ansprache 225'000 Dollar verdient. Mit jedem Wort, das Hillary Clinton sagt, blinkt unsichtbar über ihrem Kopf auf: «68 Dollar». Pling. «Guten» – pling – «Tag» – pling. Sie verdient mit 15 Wörtern mehr, als die meisten Amerikaner gespart haben; sieben von zehn Amerikanern haben weniger als 1000 Dollar Vermögen.

Selten sind Wörter lukrativer, als wenn sie vor den weissen, älteren, sauber gescheitelten Herren der Hedgefonds und Investmentbanken ausgesprochen werden. Dank solcher Reden wurden Hillary Clinton und ihr Mann Bill richtig reich. Nach seinem Abgang als Präsident und vor ihrer Präsidentschaftskandidatur verdienten die Clintons 153 Millionen Dollar. Der nicht für seine Eloquenz bekannte George W. Bush verdiente nach seiner Amtsübergabe mit Reden mindestens 20 Millionen Dollar. Und auch sein Nachfolger Barack Obama lässt sich das Oralgold nicht entgehen. Für eine einstündige Rede an der Wallstreet kassierte er jüngst 400'000 Dollar.

Der Rockstareffekt

Die Summen scheinen absurd hoch, sind aber natürlich wohlkalkuliert. Eine Clinton oder ein Obama, die unter dem eigenen Firmenlogo reden, sind für die Banken Statussymbole – wie die vom Stararchitekten entworfene Lobby oder eine Gemäldesammlung. «Es ist der Rockstar-Effekt», sagte ein Goldman-Sachs-Banker zu Joris Luyendijk. Der Niederländer wurde bekannt mit einer ethnologischen Studie übers Bankenmilieu («Unter Bankern»). Mit der Vorführung prominenter Politiker imponiert man geladenen Kunden. Man zeige, dass man in der Topliga mitspiele, so der Goldman-Sachs-Mann.

Aber man wolle auch eigene Kader und Talente beeindrucken. Ein junger Mann, der nach seinem Mathematikstudium angeheuert hatte, sagte zu Luyendijk: «Wenn sie berühmte Politiker vom anderen Ende der Welt einfliegen, nur damit die mit uns reden können... dann fühlt man sich einfach wichtig, das geht gar nicht anders.» Selbstverständlich gehts auch ums Lobbying; die fürs Reden bezahlten Politiker sind befangen, wenn es in der nächsten Legislative um finanzwirtschaftliche Regulationsfragen geht.

Goldman Sachs kennt das Spiel am besten. Die Investmentbank hat eine lange Liste renommierter Redner, ehemalige Mitarbeiter prägen andererseits die Politik im Weissen Haus. Die bekanntesten Beispiele sind Bob Rubin und Hank Paulson, die unter Bill Clinton respektive George W. Bush Finanzminister waren. Obama, der Goldman Sachs mit 40 Milliarden Dollar an Steuergeldern vor dem Bankrott rettete, besetzte ebenfalls wichtige Posten seiner Verwaltung mit Goldman-Sachs-Leuten. Trumps Finanzminister Steve Mnuchin arbeitete für Goldman Sachs, ebenso Trumps Hauptideologe Steven Bannon.

Auch Schweizer Banken schmücken sich mit prominenten Rednern. Die Credit Suisse etwa hat den früheren Tory-Premier John Major fest engagiert. Auch national pflegen die Banken eine rege Rednerkultur: Die St. Galler Kantonalbank liess den Philosophen Ludwig Hasler referieren, und die Zürcher Kantonalbank organisierte Podien, auf denen zum Beispiel Schauspieler Mike Müller oder Musiker Pepe Lienhard auftraten.

Die Banken sind schuld? «Zu simpel»

Als Manuskripte von Clintons Goldman-Sachs-Reden kurz vor den US-Wahlen an die Öffentlichkeit kamen, bekam das Profil der Demokratin einen Riss. Denn was sie vor vermeintlich geschlossenen Türen zu den Bankern gesagt hatte, entsprach in Inhalt und Ton nicht ganz dem, was sie im Wahlkampf erzählt hatte. Sie habe ein bisschen den Kontakt zur Mittelklasse verloren, gab Clinton offen zu – «angesichts des Vermögens, das mein Mann und ich nun besitzen». Clinton beklagte «Vorurteile gegenüber Menschen, die ein erfolgreiches oder kompliziertes Leben führen.» Und es sei «zu simpel», die Schuld an der Finanzkrise den Banken anzulasten.

Banken sind wesensgemäss wortkarg, Diskretion ist das Kerngeschäft. Doch solange die Finanzströme fliessen, werden sie weiter die mächtigsten Menschen der Welt anlocken mit dem Versprechen, ihre Wörter zu vergolden. Als Hillary Clinton jüngst auf einem Podium gefragt wurde, warum sie für Goldman Sachs geredet habe, fragte Clinton zurück: Warum das Podium denn ein Logo von Goldman Sachs aufgehängt habe? «Sie bezahlten uns», verteidigte sich die Moderatorin. «Sie bezahlten mich», sagte Clinton.

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